1. April 2018 Ostersonntag


Predigt zu Johannes 20,19-23

Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen.

Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.

Liebe Gemeinde!

Vor etwas mehr als vierzig Jahren – Anfang März 1978 – wurde ich konfirmiert. Damals war es noch üblich, dass wir Konfirmanden den ganzen Katechismus in der Fassung von Martin Luther und Johannes Brenz auswendig im Gottesdienst aufsagen mussten. Unsere Auftritte im Gottesdienst wurden alphabetisch festgelegt – und die vom Anfang des Alphabets kamen zwei Mal dran. Mich mit einem Nachnamen, der mit E anfängt, erwischte es nochmals mit dem letzten Text im Katechismus – eben jenen Sätzen, die wir gerade gehört haben: „Wie mich der Vater gesandt hat so sende ich euch. Nehmet den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden erlasst, dem sind sie erlassen, wem ihr sie anrechnet, dem sind sie angerechnet.“

Nun ist sehr fraglich, ob das stupide Auswendiglernen von recht schwer zu verstehenden Texten für Vierzehnjährige das richtige Mittel ist, ihnen den Glauben nahezubringen – deshalb wurde es vor fast 20 Jahren auch in dieser Form abgeschafft -, aber zumindest in meinem Kopf haben sich diese Sätze eingegraben. Und mit ihnen die Frage, die ich mir schon damals als Konfirmand stellte: Was traut Jesus uns da zu? Können wir wirklich anderen Menschen ihre Schuld anrechnen? Sie verurteilen? Nicht vergeben? Damals als Jugendlicher sind mir einige Menschen eingefallen, die ich gerne schuldig gesprochen hätte, die Vergebung verweigert. Ob das aber gerecht und angemessen gewesen wäre?

So bleibt die Frage: Was traut Jesus uns da zu? Gibt er uns tatsächlich einen Freibrief, über andere zu richten und zu urteilen? Und wenn ja – nach welchen Maßstäben.

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns klar machen: Diese Sätze fallen am Abend des Ostersonntages. Die ängstliche Jünger haben sich verbarrikadiert. Sie wissen nicht wie es weiter gehen soll – bisher wissen sie nur, dass Jesus nicht mehr bei ihnen ist wie bisher. Sie haben seine Kreuzigung und sein Begräbnis erlebt. Sie haben gehört von Petrus und dem Lieblingsjünger, dass sie am Morgen das Grab leer vorgefunden haben. Dann kam Maria Magdalena und erzählte von ihrer Begegnung mit dem lebendigen Jesus. Alles Erfahrungen und Berichte, die sie verwirrten und verstörten. Wie geht es nun weiter mit ihnen? Wie geht es nun weiter mit der Botschaft, die Jesus gebracht hatte, in seinen Worten und Taten?

Da tritt Jesus in ihre Mitte. Durchschreitet die verschlossenen Türen. Steht bei ihnen. Wünscht ihnen Frieden. Er zeigt seine Wunden von der Kreuzigung. Den Jüngern wird klar: Der Auferstandene wurde gekreuzigt. Und: Der Gekreuzigte ist auferstanden. Eine neue Lebenswirklichkeit bricht in ihr verschlossenes Zimmer herein. Kommt in ihre blockierten Herzen und Gedanken.

Der auferstandene Christus hat nicht nur die verschlossene Zimmertür durchschritten, er hat noch ganz andere Grenzen überwunden: Er hat die Tür aufgesprengt, die bisher Tod und Leben trennte. Die Tür, die unwiderruflich hinter uns Menschen geschlossen wird, wenn wir sterben. Wo es eigentlich kein Zurück mehr gibt. Denn er ist zurückgekehrt aus dem Tod ins Leben. Damit hat er einen Ausweg geschaffen aus der Welt, in der der Tod regiert. Den Ausweg zu einem neuen Leben bei Gott. Wie Christus lebendig wurde, sollen wir alle lebendig werden.

Am Weg Jesu von Kreuz und Grab zur Auferstehung zeigt sich: Gottes Kraft ist stark. Stärker als die Macht des Todes. An dieser Kraft lässt Jesus seine Jünger teilhaben. Er wünscht ihnen Frieden. Er haucht sie an.

Das erinnert an den Schöpfungsbericht: Wie Gott bei der Schöpfung dem Menschen das Leben einhauchte, wie der Mensch bei seiner Geburt Gottes Lebenskraft spüren darf, so schenkt Jesus hier den Jüngern Gottes Lebenskraft.

Dazu die Worte, die ich wie gesagt bereits als Konfirmand am Altar unserer Kirche im Remstal vortragen musste: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nehmt den Heiligen Geist.

Damit zeigt Jesus seinen Jüngern, wie es weitergehen soll. Sie sollen Jesu Sendung fortsetzen. Jesu Botschaft weiter zu den Menschen bringen. Aus der Gemeinschaft der Jünger Jesu wird seine Gemeinde, die in der Kraft des Geistes Gottes Jesu Frieden in der Welt ausbreitet. Jesus öffnet seinen Leuten die verschlossenen Türen. Sie sollen den geschützten Raum verlassen und zu den Menschen gehen. Auch dorthin, wo Unfrieden und Streit herrscht.

In diesem Zusammenhang sagt Jesus nun auch sein Wort vom Vergeben und Behalten der Sünden. Sünde ist ja für die Bibel zunächst nicht mein falsches Verhalten. Das ist unter Umständen die Folge der Sünde. Denn Sünde heißt: Ich bin abgesondert von Gott, ich bin getrennt von Gott. Damit lebe ich ohne Gottes Kraft, ohne Gottes Frieden.

Wenn nun die Jünger zu diesen von Gott getrennten Menschen kommen, dann bringen sie ihnen Gottes Frieden und Gottes Kraft. Die Botschaft von Jesus, der diese Absonderung des Menschen von Gott überbrückt hat. Der Gottes Kraft und Gottes Frieden ganz nahe zu den Menschen gebracht hat.

Nehmen die Menschen diese Botschaft der Jünger an, dann haben sie diesen Frieden. Sind in Gottes Nähe. Leben aus Gottes Kraft. Dann ist Sünde vergeben. Sie können selber Frieden bringen.

Lehnen die Menschen jedoch die Botschaft der Jünger ab, bleiben sie von Gott getrennt – die Sünde hält sie in ihrer Gewalt. Denen ist die Sünde behalten.

Also meine Frage als Konfirmand: Was traut Jesus, der Auferstandene, uns da zu? Sie findet die Antwort: Nicht wir sollen entscheiden, wem vergeben wird und wem Sünden angerechnet werden. Sondern wir sollen uns von Jesus zu den Menschen senden lassen. Mit Gottes Kraft und Gottes Frieden zu ihnen kommen. Dadurch ihnen den Weg zu Gott ermöglichen. Das traut er uns zu – nicht mehr und nicht weniger. Was die Menschen daraus machen, bleibt ihnen überlassen.

(Sontheim: Aber natürlich erleben wir auch, dass die Botschaft Jesu abgelehnt wird. Dass es uns nicht gelingt, sie den Menschen nahe zu bringen. Dass auch wir ihr im Weg stehen und Türen verschließen. Damals als Konfirmand vor vierzig Jahren hatte ich das erste Mal en Gedanken, Pfarrer zu werden. Weil ich dachte: Konfirmandenunterricht kann man doch auch besser und spannender machen als unser Pfarrer damals. Vierzehneinhalb Jahre später fing ich als Vikar im Nordschwarzwald an. Ich dachte: Endlich kannst du deinen tollen Konfi-Unterricht machen. Doch nach einer meiner ersten Unterrichtsversuche hörte ich, wie eine Konfirmandin zu ihrer Freundin beim Herausgehen sagte: Das war doch heute stinklangweilig. Da war ich mit meinen guten Vorsätzen in der Realität gescheitert. Das erste Mal – und seitdem immer wieder. Da immer wieder Jesus hineinkommen lassen hinter meine verschlossene Tür. Ihn um Vergebung und Kraft bitten. Zu sagen: Ich bemühe mich, aber das Entscheidende musst du tun. Damals hätte ich am liebsten den Brocken hingeworfen. Doch die Kraft Jesu hält mich trotz meiner Schwäche und meines Versagens in diesem Beruf. Und das inzwischen seit mehr als einem Vierteljahrhundert.)

So sind wir seit Ostern als Gemeinde Jesu unterwegs. Bringen die Botschaft vom neuen Leben in die Welt des Todes. Stiften Frieden. Bieten Vergebung an. Wie der Vater Jesus gesandt hat, so sendet er uns. In der Kraft seines Geistes. Amen.