1. Dezember 2019 - Erster Sonntag im Advent


Predigt zu Römer 13,8-12

Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: "Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren", und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

Und das tut, weil ihr die Zeit erkannt habt, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

Liebe Gemeinde!

Der Advent ist das Fest der Liebe – so meinte es kürzlich jemand. Und tatsächlich scheinen wir in dieser Zeit verstärkt das Bedürfnis nach Liebe zu haben. Schulklassen, Vereine, Kollegien machen Weihnachtsfeiern oder gehen gemeinsam zum Essen. Erfahrene Spendensammler meinen, dass in der Advents- und Weihnachtszeit Menschen lieber den Geldbeutel öffnen als sonst im Jahr. Wir wollen einander beschenken – freuen uns über Geschenke, suchen selber welche für andere aus. Bei unseren Senioren singen wir mit den Kindern. Und noch vieles andere.

Zugleich: Das Bedürfnis nach Liebe und der ehrliche Wunsch, liebevoll miteinander umzugehen, bringt uns manchmal auch an den Rand der Überforderung. Nicht noch eine Weihnachtsfeier – so stöhnt mancher in den nächsten Wochen. Und statt Geschenke auszusuchen, macht man dann „Schrottwichteln“. Dann geht es eher darum, Unliebsames loszuwerden als zu überlegen, womit ich jemandem eine Freude machen kann. Die Menge an Spendenbitten, die uns erreichen in diesen Tagen, kann schon wieder nerven. Und das Bedürfnis, andere zu besuchen, gerät sehr rasch in Terminprobleme. Ich weiß noch, wie ich völlig irritiert war, als jemand meinte: Sie machen doch sicher bei Senioren Weihnachtsbesuche? Und ich antwortete: Für mich braucht ein Besuch Zeit und das ist dann außerhalb der Festzeit deutlich besser.

Wenn wir gerade die Aufforderung des Apostels Paulus an seine Mitchristen in Rom gehört haben, dann kann sie uns bestätigen: Ja - wir sind einander Liebe schuldig. Und zugleich: Wie sollen wir diese hier aufgezählten Gebote alle erfüllen? Hin- und hergerissen zwischen Liebesbedürfnis, Liebesbereitschaft und Überforderung.

Deshalb die Rückfrage: Warum soll eigentlich gerade die Adventszeit die Zeit der Liebe sein? Weil wir da die Tage bis Weihnachten herunterzählen und wir an Weihnachten alle sowieso ganz lieb zueinander sein wollen? Weil am Jahresende uns das schlechte Gewissen vor Augen steht, was wir das Jahr hindurch an Liebe schuldig geblieben sind? Weil uns findige Marketingstrategen klar machen, dass wir kaufen oder spenden sollen, um anderen eine Freude zu machen – aber zunächst sie selber davon profitieren? Nach dem Motto: Süßer die Kassen nie klingeln? Oder der Paketbote mit der Amazon-Bestellung?

Dann würden wir aber an dem vorbeigehen, was Advent eigentlich ist. Die Adventszeit ist kein Countdown zu Weihnachten verbunden mit dem Startschuss für irgendwelche gute-Taten-Aktionen. Die Adventszeit ist keine Zeit des Appells, das Portemonnaie zu öffnen oder die Kreditkarte zu zücken. Eine Zeit, um selber ein Licht der Liebe und der Freundlichkeit anzuzünden.

Sondern Advent heißt: Ankunft. Ankunft Gottes in dieser Welt. Advent ist zunächst nicht die Zeit, in der wir Liebe geben, sondern in der wir Liebe empfangen – von Gott. Nicht eine Zeit, in der wir Lichter anzünden, sondern ein anderer es hell macht. Gott selbst. „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen!“ schreibt der Apostel.

Gott kommt – in diesem Kind in der Krippe, in Jesus, der heilt, der ermutigt, der tröstet. Der kommt und den Sieg des Lebens bringt in eine Welt des Todes. Wie wir es ja im Evangelium vom Einzug in Jerusalem gehört haben.

Das vergleicht Paulus mit der Wende von der Nacht zum Tag, mit den ersten Strahlen der Morgensonne, die das Dunkel hell machen. Die Kälte vertreiben. Lassen wir uns mitten in dem, was unser Leben oft dunkel macht, von diesem aufgehenden Licht der Liebe Gottes bescheinen.

Dazu hilft mir, mitten am Tag eine kurze Pause zu machen. Mich ruhig hinzusetzen und mich in Gedanken den Strahlen dieser Sonne Gottes auszusetzen. Gott erleuchtet und erwärmt mich mit seiner Liebe – egal, was war, egal, was kommt. Mit dem, was mir gelungen ist, und ebenso dort, wo ich gescheitert bin.

Dann aufstehen und von Gott erleuchtet und erwärmt in den Tag gehen. Diese Strahlen der Liebe und des Lichtes Gottes reflektieren, weitergeben an andere. So wie wir Gottes Liebe erfahren haben, sollen wir andere lieben. Das fasst der Apostel mit einem schönen Satz zusammen: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Denn wenn wir den Anderen im Licht der Liebe Gottes wahrnehmen, dann können wir ihm gar nichts Böses tun.

Unsere Liebe zueinander ist also verankert in der Liebe Gottes zu uns, deren Kommen uns im Advent besonders vor Augen steht. Denn aus uns heraus kommt unsere Liebe rasch an ihre Grenzen. Paulus erläutert das mit einigen der zehn Gebote.

Zunächst: Du sollst nicht ehebrechen. Das bedeutet positiv: unseren Ehepartner, unsere Ehepartnerin im Licht der Liebe Gottes wahrnehmen. Sehen, was Gott uns mit unserer Ehe, mit unserer Familie geschenkt hat. Und wenn wir nicht verheiratet sind oder der Ehepartner nicht mehr lebt: Die Menschen, die mir nahestehen, dankbar im Licht der Liebe Gottes wahrnehmen.

Weiter: Du sollst nicht töten. Wir denken: das ist doch ganz klar. Aber unsere Geschichte hat uns gelehrt, dass im entsprechenden Setting fast jeder Mensch auch zum Mörder werden kann. Hier die Liebe Gottes uns erleuchten lassen, wenn der Hass aufsteigt. Und positiv gehört zu diesem Gebot, dem anderen helfen, wo es nötig ist.

Schließlich: Du sollt nicht stehlen, du sollst nicht einmal begehren, was dem anderen gehört. Nicht immer sehen, was der andere hat und was mir fehlt. Sondern umgekehrt: Im Licht der Liebe Gottes das sehen, was ich habe. Was ich vielleicht dem anderen geben kann, weil er es braucht.

Advent ist die Zeit der Liebe. Die Zeit der Liebe, die Gott uns durch das Kommen Jesu nahegebracht hat. Die Liebe, die wir weitergeben können. „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Amen.