1. Januar 2017 - Neujahr


Predigt zu Johannes 14,1-6

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin. Und wo ich hingehe, dahin wisst ihr den Weg.

Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Liebe Gemeinde!

Ein neues Jahr ist ein bisschen wie ein Weg, auf dem frischer Schnee gefallen ist. Man sieht noch keine Spuren, weiß noch nicht genau, wie dieser Weg verlaufen wird. Das hat einerseits etwas Faszinierendes: Das Gefühl, noch einmal neu anzufangen. Neue Chancen zu haben. Spuren zu hinterlassen. Altes hinter mir zu lassen. Je nachdem wie 2016 verlaufen ist: zu sagen, hoffentlich läuft es genauso gut, oder: möge es ein besseres Jahr werden. Obwohl wir ja heute Morgen die alten Menschen geblieben sind, hat es den Charakter eines Neustarts. Das fasziniert.

Andererseits weckt so eine noch unbekannte Zukunft auch Sorgen. Je nach Naturell gibt es optimistischere oder pessimistischere Herangehensweisen. Oder vielleicht auch konkrete Dinge, die anstehen, wie eine Operation, eine Prüfung, die Bewerbung um einen Studienplatz oder eine Lehrstelle. Dann aber kommt in diesem Jahr noch eine Weltlage hinzu, die dieses Sorgen-Gefühl verstärkt. Wohnungseinbrüche steigender Zahl, die bei uns den Eindruck erwecken: Wir fühlen uns in unseren vier Wänden nicht mehr geborgen. Und gesteigert durch den Anschlag von Berlin, der jeden auf jedem Weihnachtsmarkt hätte treffen können. Das Gefühl, Politik und Justiz sind überfordert, uns Sicherheit zu geben.

Doch bevor wir uns sich steigernden Sorgen und Ängsten hingeben oder aber uns in illusionäre Hoffnungen flüchten, hilft es, nüchtern zu bleiben. Nüchtern unsere Lage zu betrachten. Da wird uns deutlich: Eine offene noch unbestimmte Zukunft gehört zu unserem Leben als Menschen dazu. Schon immer und überall. Unser Leben war schon immer bedroht, ist schon immer gefährdet.

Übrigens früher noch mehr als heute. Als nach dem Anschlag von Berlin ein AfD-Politiker behauptete: „Bevor die Flüchtlinge kamen, gab es keine Attentate.“, habe ich mich doch gewundert: Ich bin in den siebziger Jahren aufgewachsen mit ständigen Terroranschlägen der RAF, obwohl es kaum Flüchtlinge gab. Und bin aufgewachsen mit den Erzählungen meiner Mutter von Tieffliegerangriffen am Ende des zweiten Weltkrieges. Nein, im Vergleich zu früheren Generationen leben wir sehr sicher.

Das wird uns ebenso dadurch bewusst, dass wir Jahreswende in der Weihnachtszeit feiern. Dass uns heute Morgen die Krippe vor Augen steht. Uns bewusst macht, in welche unsichere Zeit Jesus kam, wie bedroht sein Leben von Anfang an war. Die Zeiten des ersten Weihnachtsfestes waren deutlich schwieriger als unsere heute. Doch genau in diese Unsicherheit kam Jesus hinein. Und dieses Gefühl der Unsicherheit wurde sogar noch größer im Laufe seines Lebens.

Deshalb richtet er diese Worte an seine Jünger, die wir gerade gehört haben. Er spricht zu ihnen, als seine Verhaftung bevorsteht. Als die Jünger von der Angst gepackt werden mit der Frage: Und wie soll es mit uns weitergehen? Wenn alle Hoffnungen auf ein Leben mit Jesus zerstört sind? Weil er verhaftet und hingerichtet wird?

Da sagt Jesus ihnen zu: Lasst euer Herz nicht aufgewühlt sein wie ein vom Sturm aufgewühltes Meer. Sondern vertraut auf Gott, vertraut auf mich! So wie mein Vater und ich in einer festen Verbindung stehen, die nicht aufgelöst werden kann, so bleiben wir in einer festen Verbindung, die sogar der Tod nicht auflösen kann.

Jesus vergleicht diese feste Verbindung mit einem stabilen Haus mit vielen Wohnungen. Ein Haus, das er für uns vorbereitet. Ein Haus, in das kein Einbrecher eindringen kann und das kein Attentäter sprengen oder mit dem LKW zu verwüsten vermag. Denn dieses Haus hat ein stabiles Fundament in der Beziehung von Jesus zu seinem Vater im Himmel.

Dieses Fundament konnte sogar die Verhaftung, die Hinrichtung und der Tod Jesu nicht auflösen. Der Ostermorgen machte es sichtbar: Gott ist stärker als der Tod.

Dieses stabile, bergende Haus steht für uns bereit in der Zukunft. Jesus sagt: „Ich gehe und bereite diesen Platz für euch vor und hole euch dort hin.“ Jesu Weg zum Vater war nicht immer leicht. Führte in Ablehnung, Leid und Tod. Aber am Ziel steht dieses Haus seines Vaters.

Wenn wir Jesus auf diesem Weg folgen, dann ist das sicher immer auch ein Weg, auf dem uns Schwierigkeiten und Schmerzen nicht erspart bleiben. Ein Weg, an dessen vorläufigem Ende immer der Tod steht. Aber zugleich ein Weg, der weitergeht – und ins Haus des Vaters führt. Wo uns keiner vertreibt, wo wir für immer geborgen bleiben – in Gottes Nähe.

Wenn wir also auf dieses Jahr 2017 blicken und Sorge in uns aufsteigen fühlen, dann überlegen: Egal, was kommt, unser Weg in die offene und unbekannte Zukunft führt nicht in ein dunkles Nichts. Sondern am Ziel dieser Wege steht eine Wohnung für uns bereit in diesem Haus.

Von dieser Zielperspektive her, können wir auch die nächsten Schritte unternehmen in dieses neue Jahr. Auch wenn der Weg noch vor uns liegt wie ein frisch eingeschneiter Weg ohne Spuren. Dann kann auf diesem Weg nichts Schlimmeres passieren, als ins Haus des Vaters einzuziehen. Diese Zielperspektive und diese Hoffnungsperspektive des Glaubens sind dann wie eine bergende Wohnung in uns – gewissermaßen ein Wohnmobil, das uns überall auf unserem Weg in die Zukunft eine Bleibe bietet. Weil Gott in uns wohnt, weil Jesus uns begleitet.

Er sagt diese Begleitung seinen zweifelnden Jüngern zu: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Er bietet uns einen Weg, wo wir noch keine Spur sehen. Er ist wahrhaftig und verlässlich für uns da an jedem Tag dieses neuen Jahres. Und er bringt uns zum Vater, in unsere Wohnung, die er im Vaterhaus für uns vorbereitet hat.

Wir gehen in dieses noch neue Jahr 2017 mit Hoffnungen und mit Sorgen. Ganz unterschiedlich gemischt in unseren Herzen und Gedanken. Wenn wir vertrauen: Wir gehen auf die bleibende Heimat im Haus des Vaters zu. Und wir haben etwas davon schon jetzt in uns – wie ein Wohnmobil für unseren Lebensweg. Wir gehen mit Jesus. Dann brauchen wir uns weder von übersteigerten Sorgen den Verstand rauben lassen noch von unrealistischen Hoffnungen und Erwartungen den nüchternen Blick rauben lassen. Sondern wir können mit den Grenzen und Unsicherheiten, die zu unserem Leben gehören, weitergehen.

Diese Perspektive gibt uns Gelassenheit. Das zu tun, was wir tun können, dass wir uns und anderen diese Geborgenheit geben können, die uns möglich ist. Und das getrost aus der Hand geben können, was wir nicht ändern können. Letztlich trägt dies dazu bei, dass unsere Welt und unsere Umgebung ein guter Platz sind, um zu leben.

Im Übrigen trägt auch unser Bemühen um die Flüchtlinge bei uns zu dieser Geborgenheit bei. Denn wer hier sich zu Hause fühlt, gerät nicht so rasch in die Arme von Islamisten und Salafisten.

Das Jahr 2017 liegt offen vor uns. Aber wir gehen in dieses Jahr hinein, ohne selbst für Sicherheit und Gelingen sorgen zu müssen. Sondern mit Jesus, der uns Weg, Wahrheit und bleibendes Leben ist. Mit der Perspektive auf unseren Platz in Gottes Vaterhaus. Amen.