1. Januar 2020 - Neujahr


Predigt zu Johannes 14,1-6

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich! In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten? Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin. Und wo ich hingehe, dahin wisst ihr den Weg.

Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen? Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Liebe Gemeinde,

ich weiß nicht, ob Sie mit Begriffen wie Dreier-, Vierer-., Fünferkette etwas anfangen können, ob Sie wissen was eine Doppelsechs oder eine falsche Neun ist. Begriffe aus der Taktik eines Fußballspiels. Man kann aber auch ein Fußballspiel anschauen, ohne über solche taktischen Finessen zu fachsimpeln. Denn – auch das eine Fußballweisheit: Entscheidend ist auf dem Platz. Da kann die Taktik, die der Trainer sich vorher überlegt hat, wichtig und hilfreich sein. Wichtiger ist jedoch, ob die Spieler das auf dem Platz umsetzen. Und ob sie rechtzeitig auf neue Situationen reagieren können. Wie gesagt: Entscheidend ist auf dem Platz. Ob ich da Tore schieße oder Tore des Gegners verhindere. Egal wie.

Das gilt nicht nur beim Fußball. Auch sonst gilt: Entscheidend ist, was ich auf dem Platz des Lebens, auf meinem alltäglichen Spielfeld zustande bringe. Viel weniger wichtig sind alle Grübeleien, Sorgen, Wenns und Abers, die ich mir im Vorfeld durch den Kopf gehen lasse. Natürlich soll keine Fußballmannschaft unvorbereitet ohne Taktik auflaufen und wir sollen natürlich unser Handeln im Vorfeld bedenken. Unüberlegtes Handeln ist genauso schlecht, wie zu viele Gedanken, die mich am Ende am Handeln hindern. Ich kenne Menschen, die ihre Lebenssituation wortreich beklagen, aber keinen Schritt unternehmen, diese Situation zu ändern. Sie finden immer Gründe, warum das nicht geht. Nach dem Motto: Wer etwas will, findet Wege, wer etwas nicht will, findet Gründe.

Unsere Situation am Beginn eines neuen Jahres gleicht der einer Fußballmannschaft, bevor sie auf den Platz geht. Wir haben sicher schon über manches nachgedacht, was uns 2020 erwartet, vieles bereits geplant, für einige Dinge uns Strategien zurechtgelegt. So wie ein Trainer sein Team auf das Spiel einstellt. Doch der Spielverlauf birgt dann immer Überraschungen. So ist das auch auf dem Spielfeld des Jahres 2020. Vieles wissen wir einfach nicht, was uns da begegnet. Entscheidend ist auf dem Platz: Wenn wir uns auf den Weg durch dieses Jahr machen.

So ging es auch den Jüngern Jesu im eben gehörten Bibelwort. Der Weg, der vor ihnen lag, war noch ungewisser als unserer durch das Jahr 2020. Die Verhaftung und der Tod Jesu standen unmittelbar bevor, als Jesus diese Abschiedsrede hält. Wie sollen sie allein ohne Jesus sichtbar bei Ihnen weiter unterwegs sein? In einer Welt, in der die Machthaber ihnen unter Umständen genauso an den Kragen gehen, wie sie Jesus verfolgt haben? Kein Wunder, dass sie Angst bekommen, sich Gedanken und Sorgen machen.

Da sagt Jesus: Jetzt habt keine Angst. Vertraut Gott, vertraut mir. Dann geht raus auf den Platz eures Lebens. Lasst euch ein auf den Kampf, der auf euch wartet. Den Weg kennt ihr.

Und Jesus steht auch nicht wie ein Trainer lediglich gestikulierend am Spielfeldrand, sondern er geht diesen Weg selber mit. Er sagt: Ich gehe und bereite den Platz vor, an dem euer Weg endet: in den vielen Wohnungen im Haus meines Vaters. Dann komme ich und begleite euch auf diesem Weg.

Unsere Situation am Anfang eines neuen Jahres ist im Regelfall nicht so bedrohlich wie die der Jünger Jesu damals. Aber auch zu uns sagt Jesus: Habt keine Angst. Vertraut Gott. Vertraut mir. Geht raus auf das Spielfeld dieses neuen Jahres. Ich gehe mit euch. Ich habe den Platz bereits vorbereitet, an dem euer Weg endet.

Doch die Jünger zögern. Thomas fragt Jesus: „Wir wissen nicht, wo du hingehst. Wie können wir den Weg wissen?“ Bedenken, Sorgen, Grübeleien, Ängste – alles das hindert sie, sich auf diesen Weg einzulassen. Doch entscheidend ist auch hier auf dem Platz, oder besser: auf dem Weg. Deshalb sagt Jesus: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.

Wenn ihr euch auf meinen Weg einlasst bin ich selber euer Weg zum Ziel, zum Haus des Vaters. Ich bin das Leben – ich schenke euch Lebenskraft, die sogar mit dem Tod nicht endet. Euer Weg geht über die Grenze eures Lebens zum Vater und zur Wohnung in seinem Haus. Ich bin die Wahrheit – ich bin also verlässlich bei euch auf diesem Weg.

Doch diese Wahrheit erkennen die Jünger erst, wenn sie wirklich losgehen. Deshalb erschließt sich die Wahrheit nicht durch Grübeleien und Überlegungen, ob Jesus wirklich begleitet. Sondern auch hier liegt die Wahrheit auf dem Platz, auf dem Spielfeld des Lebens, wenn man sich auf den Weg macht und mit Jesus unterwegs ist. Und so war es dann auch: Die Jünger haben auf dem Weg mit Jesus die bitteren Stunden erlebt: Verhaftung und Kreuzigung, das Versagen von Petrus und den Zweifel des Thomas, dann aber auch Auferstehung und Himmelfahrt. Das Weitergehen in der Kraft des Geistes Gottes. Die Weggemeinschaft mit Jesus bewahrt nicht vor schwierigen Wegstrecken – aber sie lässt uns auf diesen Wegen nicht allein.

Wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Jahr. Da ist es einfach so, dass wir über das nachdenken, was kommt. Das weckt einerseits Vorfreude auf vieles Schöne, das auf uns wartet. Umgekehrt gehört immer auch die Sorge dazu, wenn wir über unsere Zukunft nachdenken. Weil da naturgemäß vieles unsicher und ungewiss ist. Bei Geburtstagsbesuchen bei Senioren fällt manchmal der Satz: Es ist gut, dass wir nicht wissen, was auf uns zukommt. Ja – das ist sicher richtig. Ebenso wie die Einsicht: bei unseren sorgenden Grübeleien beschäftigen wir uns meistens mit Dingen, die gar nicht eintreten. Und dennoch können wir das Sorgen, Fragen und Grübeln nicht einfach abstellen. Deshalb einfach zunächst das anerkennen: Ja – wir machen uns Sorgen! Ja – wir haben Angst! Ja – manchmal überfällt uns eine Traurigkeit und Trostlosigkeit.

Aber: Entscheidend ist auf dem Platz. Die Wahrheit liegt auf dem Weg. Also nicht wegen der Grübeleien nichts tun. Sondern einfach losgehen in dieses neue Jahr, in jeden neuen Tag. Dann erkennen wir die Wahrheit Jesu: Er ist mit uns auf dem Weg.

Mir fällt eine Szene ein vor einundzwanzig Jahren. Der erste Tag nach den Weihnachtsferien 1999. Das erste ganze Jahr als ständiger Pfarrer alleinverantwortlich für zwei – zugegebenermaßen kleine – hohenlohische Gemeinden wartet auf mich. Morgens beim Rasieren im Bad überfällt mich eine totale Panik. Was kommt da alles auf mich zu? Ich bin trotzdem in diesen Tag und in dieses Jahr gestartet. Am Ende verging das Jahr 1999 wie alle Jahre davor und danach mit Höhepunkten und Tiefpunkten, mit Gelingen und Versagen, mit Schönem und Schwierigem. Aber: ich bin begleitet geblieben. Seitdem weiß ich: der Start nach den Weihnachtsferien ist immer der härteste im ganzen Jahr. Er geht nicht allmählich wie der nach den Sommerferien. Und die Unterbrechung der anderen Ferien ist nicht so groß wie die an Weihnachten. Aber ich weiß: Da hilft nur mit allen Sorgen und Gedanken losgehen. Einen Tag nach dem anderen. Dann spüre ich: Ja – ich bin nicht allein. Jesus ist Weg, Wahrheit und Leben - das entdecke ich beim Losgehen, nicht in meinen Überlegungen und Gedanken.

Dasselbe gilt, wen wir als benachbarte Kirchengemeinden in unseren Ortschaften jetzt in vielem kooperieren: Ein neuer Weg, ein unbekannter Weg, einer, der uns in der Projektgruppe zumindest in den letzten drei Jahren viel Kopfzerbrechen bereitet hat. Ich oft vor der Frage stand: was wird da aus mir und meiner Arbeit? Da habe ich mir irgendwann gesagt: Hör auf mit dem Grübeln. Lass dich ein Jahr darauf ein. Dann muss sowieso auf allen Ebenen ausgewertet werden. Danach – in den ersten Monaten des Jahres 2021 – wird entschieden, wie es weitergeht. Und keinen Tag früher. Seitdem fällt es mir leichter, diesen Weg zu gehen.

Also: Entscheidend ist auf dem Platz. Die Wahrheit liegt auf dem Weg. Bleiben wir nicht in Sorgen stecken. Sondern gehen in dieses Jahr 2020. Mit Jesus, der Weg, Wahrheit und Leben ist. Gehen wir mit klarem Ziel: Die Wohnung im Haus des Vaters. Amen.