1. September 2019 - 11. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Hiob 23,1-17

Ijob antwortete:

»Zwar möchte ich mein Stöhnen unterdrücken und doch kommt Widerspruch von meinen Lippen. Wenn ich nur wüsste, wo sich Gott befindet und wie ich zu ihm hingelangen könnte! Ich würde ihm schon meine Lage schildern, ihm meine Gründe und Beweise nennen. Ich bin gespannt, was er dann sagen würde, wie er mir darauf seine Antwort gäbe. Ob er mich seine Allmacht fühlen ließe? Nein, hören würde er auf meine Worte. Ich würde meinen Rechtsstreit mit ihm führen als einer, dem nichts vorzuwerfen ist. Das müsste auch mein Richter anerkennen!

Ich kann nach Osten gehn, dort ist Gott nicht; und auch im Westen ist er nicht zu finden. Ist er im Norden tätig, seh ich's nicht; versteckt er sich im Süden, weiß ich's nicht. Doch mein Weg ist ihm lange schon bekannt; wenn er mich prüft, dann bin ich rein wie Gold. Mein Fuß hielt sich genau an seine Spur, ich blieb auf seinem Weg und wich nicht ab. Ich tue immer, was er mir befiehlt, sein Wort bewahre ich in meinem Herzen.

Doch Gott allein bestimmt – wer will ihn hindern? Was ihm gefällt, das setzt er einfach durch. Er wird auch tun, was er für mich geplant hat, und Pläne über mich hat er genug! Das ist es, was mich so erschrecken lässt. Sooft ich an ihn denke, zittere ich. Gott hat mir alle Zuversicht genommen; weil er so mächtig ist, macht er mir Angst. Gott ist's, der mich erdrückt, und nicht das Dunkel, auch wenn ich jetzt vor Dunkelheit nichts sehe.

Liebe Gemeinde!

Das Leben ist nicht fair. So hat Herbert Grönemeyer in seinem Lied Mensch gesungen nach dem allzu frühen Krebstod seiner Frau. Das Leben ist nicht fair zu mir - ein Gefühl, das jeden irgendwann beschleicht. Dass ich mich ungerecht behandelt fühle. Manchmal gibt es das auch in umgekehrter Richtung: dass wir Mitleid mit anderen haben, weil sie aus unserer Sicht vom Leben unfair behandelt werden. Ob es Krankheitsschicksale in unserem Be­kannten­kreis sind. Oder heute 80 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs: warum immer noch Menschen unter Krieg und Verfolgung leiden müssen. Warum die Menschheit so wenig gelernt hat aus dem Krieg und seinen Folgen.

Das Leben ist nicht fair - damit verbunden ist die Frage nach Gott: Warum schafft Gott keine fairen Lebensverhältnisse? Wenn er gut und zugleich allmächtig ist?

Damit sind wir bei der Klage des Hiob, die wir gerade gehört haben. Hiob, dem ja alles genommen wurde, was er in seinem Leben hatte: Vieh, Haus, Familie, Gesundheit. Dessen Freunde versuchen, bei ihm eine Schuld ausfindig zu machen: irgendetwas muss er doch angestellt haben, dass es ihm so schlecht geht.

Eine Frage, die wir kennen, wenn wir uns vom Leben ungerecht und unfair behandelt fühlen: Warum gerade ich? Was habe ich verbrochen? Oder noch schlimmer, wenn andere einem das sagen. Mir ist ein Gespräch in Erinnerung vor fast zwanzig Jahren mit einer Frau, die an Krebs erkrankt war. Sie sagte: Schlimmer als die Krankheit sind die Kommentare der Leute. Bist du nicht zur Vorsorge gegangen? Du hättest doch rechtzeitig etwas von der Krankheit bemerken können. Das war natürlich nur die Angst und die Hilflosigkeit der Menschen, die diese Aussagen hervorrief. Weil jeder für sich das Unfassbare einer solchen Krankheit zu erfassen versucht. Aber für die Betroffene war das nur schwer erträglich.

Deshalb will Hiob Gott als Richter anrufen. Gott soll deutlich machen, dass Hiob an seinem Ergehen keine Schuld trägt. Hiob hat sich an Gottes Gebote gehalten. Ihn würde interessieren, was Gott zu seinem Leid sagt. Wie Gott ihm und seinen Freunden erklärt, dass sich das Leben ihm gegenüber so unfair verhält. Doch Hiob weiß, dass dieser Wunsch unerfüllbar ist. Egal, wo Hiob den Gott sucht, der ihm Recht verschaffen soll - er findet ihn nicht. Gott lässt sich nicht als Zeuge vorladen und zur Aussage zwingen wie bei einem Gerichtsprozess.

Ja - bis heute stehen wir oft genug ratlos vor den Rätseln des Lebens. Können die Wendungen von Lebensschicksalen nicht verstehen und nicht erklären. Sind alle Deutungsversuche und Durchhalteparolen eher das hilflose Gestammel, aus dem nur unser Unverständnis und unsere Hilflosigkeit spricht - wie es diese Frau ertragen musste, von deren Krebserkrankung ich vorher berichtete. Ja - gestehen wir es uns doch offen ein: vieles in unserem Leben bleibt unerklärlich und rätselhaft. Lassen wir es doch sein, Erklärungen und Deutungen zu suchen. Es gibt sie nicht. Es bleibt nur die nüchterne Feststellung Herbert Grönemeyers: Das Leben ist nicht fair.

Was dann? Hiob bekennt: Gott hat einen Plan für mein Leben. Nur mir bleibt dieser Plan verborgen. Diese Erkenntnis führt zu einer sehr gemischten Stimmungslage: einerseits das Vertrauen, dass Gott einen guten Plan für mich hat. Das spricht Hiob oft aus, wenn auch nicht in unserem Predigtabschnitt. Hier kommt das andere zur Sprache: die Furcht, weil ich diesen Plan nicht kenne. Weil ich nicht weiß, was Gott mir zumutet. Lange Zeit dachte ich, dass diese gemischte Stimmungslage für einen Christen nicht in Ordnung ist. Also Zeichen für mangelnden Glauben, der überwunden werden soll.

Ich erinnere mich noch an manches Gespräch als Jugendlicher mit Mitschülern, die in den Schülerbibelkreis gingen. Ich war als Schüler immer etwas panisch, wenn wir Klassenarbeiten zurückbekamen. Das hatte weniger etwas damit zu tun, dass ich je Gefahr gelaufen wäre, nicht versetzt zu werden. Sondern mehr mit dem Leistungsdruck, der bei uns zu Hause herrschte und wo ab der Note 2-3 Ärger drohte. Da raunzte mich ein frommer Klassenkamerad an: „Du willst Christ sein und hast so viel Angst vor einer schlechten Note. Gott hat doch einen Plan für dein Leben.“

Natürlich hatte er recht – aber das zu glauben ist das eine. Etwas ganz anderes ist es, deshalb keine Angst zu haben. Angst kann man nicht einfach abstellen durch den Glauben. Es gehört auch zum Glauben hinzu, dass uns die unklare Zukunft Angst macht, selbst wenn wir glauben, dass Gott diese bestimmt. Hiob steht zu dieser Angst. Und Jesus gesteht sie seinen Jüngern zu, wenn er sagt: In der Welt habt ihr Angst – aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Wir dürfen es uns als glaubende Menschen erlauben, immer wieder hin- und herzuschwanken zwischen dem Vertrauen auf Gottes Plan und der Sorge vor dem, was dieser Plan uns vielleicht noch zumuten wird. Mit beidem zu Gott kommen. Nicht uns unter Druck setzen. Denn verdrängte Angst ist noch schlimmer als Angst, zu der wir stehen und vor Gott aussprechen.

In einem Leben, das nicht oft fair ist. In dem wir vieles nicht verstehen. Das uns oft Angst macht. Darin wie Hiob vor Gott stehen. Trotz allem Leid, trotz aller Sorge, trotz aller ungelösten Fragen an Gott festhalten. Denn die Alternative – was wäre sie? Nicht an Gott glauben, wie es viele tun angesichts der Rätsel in dieser Welt? Dadurch wäre aber kein Rätsel gelöst, keine dunkle Nacht heller, keine Sorge kleiner. Nur wir noch verzweifelter, weil nichts uns Hoffnung geben könnte. Wir nur auf unsere Kraft angewiesen wären, um die Probleme des Lebens zu bewältigen.

Deshalb in dem allem an Gott festhalten. Unsere Klagen ihm sagen. Unsere Sorgen ihm anvertrauen. Ihn um Hilfe bitten. Martin Luther sagt das so: Vom verborgenen zum offenbaren Gott flüchten. Bei allen Zweifeln, bei allen Ängsten, bei allem, was wir nicht verstehen uns an dem festhalten, was wir von Gott wissen. Die guten Erfahrungen, die wir mit ihm machten, in die Waagschale legen. Zurückblicken, wo Gott uns schon aus Sorgen und Ängsten geholfen hat. Die Zusagen Gottes aus der Bibel für uns als Zusagen nehmen: Fürchte dich nicht! Den Boden, auf dem wir stehen. Das Bett, auf dem wir liegen, als Zeichen nehmen: So trägt Gott mich. Jemand berichtete von den letzten Augenblicken vor einer schweren Operation. Als er auf der Liege lag, bevor die Narkose eingeleitet wurde. Und sich sagte: So wie du hier liegst, liegst du in Gottes Hand.

Vor allem aber entdecken wir Gottes Nähe sogar in der größten Dunkelheit im Weg Jesu Christi. Der selber Angst hatte im Garten Getsemane vor seiner Verhaftung. Der selber klagte am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und dann von Gott in das neue Licht des Ostermorgens geführt wurde.

Wir leben in einer Welt, in der wir vieles erklären können. Doch den Sinn entdecken wir häufig nicht, warum wir oder jemand anderes Schweres durchmachen muss. Wir können zwar Zukunftsprognosen abgeben, aber dennoch bleibt ungewiss, was auf uns zukommt. Das Gefühl, dass Leben nicht fair ist. Die Sorge vor dem, was kommt. Beides ist nicht zu verdrängen. Was wir da von Hiob lernen können ist, unsere Sorge einzugestehen. Und vor Gott auszusprechen. Die Unfairness des Lebens Gott zu klagen. Nicht falsche und oberflächliche Erklärungen suchen und damit das Leid und die Angst nur größer zu machen. Sondern einfach vor Gott stehen und ihm vertrauen. Dass er uns nahe ist und zu seinem Ziel führt.

Heute, achtzig Jahre nach Kriegsbeginn, denke ich da an einen Mann aus meinem Heimatort. Als junger Mann im Krieg eingezogen. Als Soldat in Russland in Lebensgefahr gewesen. Danach lange in Gefangenschaft. Mit Gott hatte er nichts am Hut. Doch er sagte sich: Wenn ich da wieder lebend nach Hause komme, lebe ich bewusst mit Gott. Er kam wieder heim und war von da an in unserer Kirchengemeinde engagiert – auch viele Jahre im Kirchengemeinderat. So vom verborgenen zum offenbaren Gott flüchten, aus der Tiefe zu Gott rufen. Amen.