10. April 2016 - Misericordias Domini


Predigt zu 1. Petrus 2,21-25

Liebe Gemeinde!

Warum tun wir uns und anderen das an? Warum machen wir uns das Leben manchmal so schwer? So frage ich mich, wenn ich erlebe, wie schwer wir uns und anderen manchmal das Leben machen. Ich denke da an jenen Konfirmanden, der mir einen anonymen Feedback-Bogen abgegeben hat, auf dem stand, dass mehr oder weniger die gesamte Konfi-Zeit nichts war. Das mag in seiner Sicht so sein – aber warum zog er nicht die Konsequenz und meldete sich ab? Warum tat er sich dann dieses Jahr an? Und vermieste mit dieser Haltung auch den anderen die Stimmung?

Oder die Frau, die ich in meinem Freiwilligen Sozialen Jahr traf. Die mir immer wieder sagte: „Wissen Sie, mein Mann ist das mir von Gott auferlegte Schicksal!“ Die Kinder alle erwachsen, aus dem Haus, weitgehend in guten Berufen – warum hält sie doch noch diese so qualvolle Ehe aufrecht?

Oder die Netzkultur, die sich bei uns breitmacht. Dass im Netz jeder anonym andere angreifen kann. Und sich dabei einer Wortwahl bedient, die ich im direkten Gespräch nicht gebrauchen würde. Unterstellungen, Verdächtigungen, Gerüchte können ohne weiteres gestreut werden. Damit werden zwar keine Probleme gelöst, aber die Bereitschaft, in unserer Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen auch nicht gerade gefördert. Warum kann man Probleme, Rückfragen, Kritisches nicht direkt und sachlich äußern? Und damit einer Lösung näherkommen?

Warum tun wir das uns und anderen an? Eher in belastenden Situationen ausharren, als zu gehen? Eher hintenherum Hass zu verbreiten, als dem Problem auf den Grund zu gehen?

Vermutlich, weil es einfacher ist, in seinem Schmollwinkel zu bleiben. Einfacher ist es, zu schimpfen und zu jammern als an Lösungen zu arbeiten. Doch dadurch wird die Atmosphäre in vielen Bereichen, auch in Familien und in der Gesellschaft insgesamt, immer aufgeheizter, der Ton schriller, die gegenseitigen Verletzungen werden größer. Die Probleme aber nicht kleiner.

Unsere technischen Möglichkeiten, unsere weltweite Vernetzung haben zwar diese Phänomene verschärft, neu sind sie jedoch nicht. Die ersten Christen in Kleinasien, im Gebiet der heutigen Türkei, standen in ähnlichen Konflikten – in manchem sogar noch härter als unsere Leidenssituationen. Das spiegelt sich in jenen Zeilen des ersten Petrus-Briefes, die wir vorhin gehört haben.

Dieser Abschnitt richtete sich zunächst an Sklaven. Denn viele der ersten Christen waren in irgendwelchen Häusern bei reichen Sklavenbesitzern tätig. Da stellte sich für sie die Frage vom Anfang gar nicht: „Warum tun wir das uns und anderen an?“ Denn sie konnten der Willkür des Sklavenhalters gar nicht entfliehen.

Dann waren sie dem Druck des römischen Staates ausgesetzt. Darüber sind wir im Falle der hier angesprochenen Christen in Pontus und Bithynien gut informiert, weil der damalige römische Statthalter – der Schriftsteller Plinius der Jüngere – in einem erhaltenen Briefwechsel mit seinem Kaiser Trajan um Rat fragte, wie er mit den Christen umgehen soll. Daraus geht hervor, wie Christen verhört und zum Widerruf gebracht wurden – aber ebenso wie bereits damals anonyme Beschuldigungen kursierten. Dazu schrieb der römische Kaiser: „Anonym eingereichte Klageschriften dürfen bei keiner Straftat Berücksichtigung finden, denn das wäre ein schlimmes Beispiel und passt nicht in unsere Zeit.“ Was würde Kaiser Trajan heute sagen, wenn er bei Facebook wäre?

Wie sollen Christen mit dieser Situation umgehen? Der Apostel verweist auf das Vorbild Jesu. Seinen Fußstapfen sollen sie nachfolgen. Wie sehen sie aus?

  1. Jesus bleibt in Verbindung mit Gott.
  2. Jesus hält nicht sofort dagegen.
  3. Jesus trägt das Schwere.

Erste Fußspur Jesu: Jesus bleibt in Verbindung mit Gott. Das Leiden Jesu wird hier nicht als Schicksal oder böser Wille der Menschen gedeutet, sondern mit Worten des Propheten Jesaja – also als Weg, den ihn Gott führt. Damit vertraut Jesus, dass Gott bei ihm ist – selbst auf dem schweren Weg. Gott bleibt am Ende Sieger und schafft Gerechtigkeit.

Wenn wir dieser Fußspur Jesu folgen, brauchen wir uns von Widerständen, Konflikten und Schwierigkeiten nicht hinunterziehen lassen. Der Apostel bringt das in das Bild, das diesen Sonntag prägt: Die Christen sind wie Schafe, die leicht in die Irre gehen. Sie orientieren sich aber dann am guten Hirten, der auf sie aufpasst. Dann beherrscht nicht der Konflikt oder das Leid uns, sondern wir bleiben immer noch souverän Handelnde.

Deshalb kann Jesus auf Rachegedanken verzichten und das endgültige Urteil Gott überlassen.

Daraus folgt die zweite Fußspur Jesu: Jesus hält nicht sofort dagegen. Obwohl er unschuldig leiden musste, nicht sofort zum Gegenangriff überging, nicht dem Gegner drohte.

Wenn wir dieser Fußspur folgen, dann sorgen wir dafür, dass die Aufgeregtheit in Konflikten abnimmt. Dass der Druck im Kessel nicht noch weiter ansteigt. Dass sich der Rauch wieder verzieht und wir klarer das Problem erkennen können. Dann können wir an Lösungen arbeiten.

Das ist die dritte Fußspur Jesu: Jesus trägt das Schwere. Der Apostel kleidet das in die Sprache des Opferkultes. In der Antike stellten die Opfer im Tempel die Verbindung her zwischen Gott und Menschen. Damit blieben Gott und Mensch in Kontakt und bewältigten das Schwere. Deshalb erfahren Menschen Heilung. Sie leben nicht mehr getrennt von Gott, sondern in Gemeinschaft mit ihm.

Wenn wir dieser Fußspur folgen, dann können wir mit der Kraft Gottes auf die Probleme und Konflikte zugehen, können das in den Blick nehmen, was Leid verursacht. Brauchen nicht in anonyme Hasstiraden oder Selbstmitleid zu flüchten. Dann brauchen wir ebenso wenig die Opferrolle einnehmen, dass eben immer die anderen, das Schicksal oder was auch immer an unseren Problemen Schuld seien.

Wie geschieht das? Zunächst indem wir das analysieren, was unser Leid verursacht. Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es, die uns echt weiterbringen? Dazu gehört immer, dass wir unsere eigenen Anteile an einem Problem erkennen.

Für die Beispiele vom Anfang: Die Frau muss schauen, wo sie zum Konflikt mit ihrem Mann beiträgt. Das bedeutet nicht, dass sie etwas findet – aber zumindest mich selbst in Frage stellen muss ich. Dann das Gespräch suchen – vielleicht sogar Beratung in Anspruch nehmen. Und am Ende die Entscheidung treffen: Weitermachen oder sich trennen? Und egal, wie ich mich entscheide, mir sagen: Es ist meine Entscheidung, die ich nach bestem Wissen und Gewissen getroffen habe. Niemand anderes ist dafür verantwortlich außer ich selbst.

Ebenso der Konfirmand: Konkret benennen, was ihn stört und unter welchen Bedingungen er weiter mitmachen will. Dann selbst die Verantwortung übernehmen: Entweder sich in die Gruppe und das Programm einbringen oder aufhören – und das auch meiner Verwandtschaft gegenüber klar kommunizieren. Ich sage das immer am Anfang der Konfi-Zeit den Jugendlichen und den Eltern: Wer aufhören will, dem bitte keine Steine in den Weg legen. Ich unterstütze jeden, der diese Konsequenz zieht.

Und bei der anonymen Hetze im Netz. Da hat mich bei unserer Gesprächsrunde „Promis erzählen vom Glauben“ der Kultusminister Stoch beeindruckt. Der erzählte, welchen anonymen Angriffen er oft ausgesetzt ist. Und für sich die Konsequenz zog: Solche Mails und solche Äußerungen im Netz werden nicht mehr auf sein Handy geleitet, sondern professionell von Ministeriumsmitarbeitern bearbeitet. Wer sich keine solchen Mitarbeiter leisten kann: Einfach ignorieren wie einst Plinius und der Kaiser Trajan bei den anonymen Anschuldigungen gegen die Gemeinde des Petrus. Meinen Facebook-Account abmelden. Anonyme Briefe gleich in die blaue Tonne werfen.

Dabei den Fußspuren des guten Hirten folgen, der für uns sorgt. Amen.