10. Dezember 2017 - Zweiter Advent


Predigt zu Jesaja 63,15-64,3

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; "Unser Erlöser", das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Liebe Gemeinde!

Warum greift Gott nicht ein? Warum hilft er nicht? Fragen, die wir immer wieder stellen. Wenn liebe Menschen in unserem Umfeld schwer erkranken. Wenn jemand allzu früh sterben muss – diese Fragen: Warum dürfen viele Pflegebedürftige in Seniorenheimen nicht sterben, obwohl sie es sich wünschen, und warum müssen andere in jungen Jahren von uns gehen? Oder bei einem Notfallseelsorgeeinsatz als ein junger Mann tödlich verunglückt war: Warum muss so ein guter Mensch sterben, aber so viele Verbrecher bleiben am Leben? Ähnliche Fragen, wenn wir auf die Krisengebiete dieser Welt schauen: Warum macht Gott nicht ein Ende mit Kriegen, Hunger, Klimakatastrophen, Vertreibungen, Gewalt?

Fragen, die zu einer Welt voll von Schicksalsschlägen und Rätseln gehören. Wir finden sie auf den Gottesdienstzetteln der Konfirmanden und hören sie an Krankenbetten, wir denken sie bei den Nachrichten im Fernsehen und sprechen sie aus bei Unfallberichten. Warum hilft Gott nicht?

Fragen, die gestellt werden, wenn Menschen an einen Gott glauben, der allmächtig und gut ist. Aber zugleich in ein Leben blicken, das nicht immer und überall gut ist. Und unser lässig dahingesagtes „Alles Gute“ oder „alles wird gut“ oder gar „alles gut“ sind ja auch Ausdruck unserer Hilflosigkeit angesichts einer Welt, in der eben nicht alles gut ist.

Fragen, die bereits die Israeliten stellten, als Jerusalem, der Tempel und das Umland 587 vor Christus von den Babyloniern in Schutt und Asche gelegt wurden. Und damit ihr Vertrauen auf Gott mit zerstört wurde. Fragen, die wir gerade beim Propheten Jesaja gehört haben. Gott - wo bist du als unser Vater, als unser Helfer?

Die Traditionen der Heilsgeschichte Israels – von Abraham und Jakob – sind zweifelhaft geworden. Die guten Erfahrungen mit Gott in der Geschichte und im eigenen Leben – sie erhalten durch das Leid ein dickes Minus als Vorzeichen. Wie in der Mathematik, wenn der positive Wert in der Klammer, das Plus, durch das Minus vor der Klammer plötzlich negativ wird. So wird der Segen Gottes entwertet durch die Erfahrung des Unheils: Abraham weiß nichts von uns und Israel – Jakob – beachtet uns nicht.

Und sogar die Antwort, die die Propheten auf diese Fragen geben, und auch ich gerne auf diese Fragen gebe, wird hier abgewiesen. Die Antwort: Gott hat eben uns Menschen die Freiheit gelassen, auch Böses zu tun, weil er uns nicht wie Marionetten führen will. Ihr begegnen die Israeliten in ihrem Leid mit der Gegenfrage: Warum lässt du uns abirren von unseren Wegen? Warum machst du unser Herz hart gegen dich? Warum lässt Gott zu, dass wir Menschen unsere Freiheit missbrauchen?

Fragen, wenn alle menschlichen Antwortversuche und Erklärungen scheitern. Unsere zweifelhaften Versuche, im Schlechten noch etwas Gutes zu erkennen. Wie es mal ein Zyniker sagte: Stolpert jemand, sagt man: Gut, dass er sich nicht verletzt hat. Hat er sich verletzt heißt es: Gut, dass nichts gebrochen ist. Ist etwas gebrochen: Gut, dass er nicht länger im Krankenhaus sein muss. Ist ein längerer Krankenhausaufenthalt nötig: Gut, dass er noch lebt. Stirbt er: Gut, dass er nicht mehr leiden muss. Damit zeigt er auf, wie hohl oft unsere Tröstungsversuche sind.

Also: Was bleibt angesichts des Bösen? Resignation oder eben Zynismus? Dann hätte das Böse aber endgültig gesiegt. Nicht nur in unserer Welt, in unserem Leben, sondern sogar noch in unseren Herzen.

Jesaja und die Israeliten, die er hier zitiert, sie bleiben aber bei den Fragen nicht stehen. Sondern sie machen aus diesen Fragen ein Gebet. Sie klagen Gott ihre Not: Wo bist du? Warum lässt du das zu? Warum leidet das Volk, das du zu deinem Eigentum gemacht hast? Sie schildern ihre Not.

Wer seine Fragen nicht nur stellt, nicht in Resignation oder Zynismus flieht, sondern zu Gott kommt – klagt, appelliert, betet. Der findet sich mit dem Bösen nicht ab. Der hat noch Hoffnung, dass da einer ist, der stärker ist als das Böse. Der lässt das Böse nicht in sein Herz, sondern Hoffnung – vielleicht sogar Vertrauen.

Dann wird aus der Klage eine Bitte: Gott, schau doch, wie schlecht es uns geht! Wende dich uns doch zu. Steig herunter aus dem Himmel und kümmere dich um unsere Not! So wie die Sonne durch den wolkenverhangenen Himmel durchbricht, wie der Himmel aufreißt – so reiße doch du den Himmel auf. Komm und lass die festgefügten Sorgenberge wanken. Lass die Bösen vor Angst erzittern. Entzünde das Feuer deiner Kraft und Liebe, wie Reisig, das Wasser zum Kochen bringt. Wir warten auf deine Hilfe.

Gott soll in unsere Welt kommen, die Not spüren, den Leidenden zur Seite stehen, helfen, das Leid beseitigen. Gott soll also Advent halten. Wer Gott um sein Kommen bittet, auf Gottes Advent wartet, der lässt sich vom Leid nicht niederdrücken. Der hofft über das Leid hinaus.

Aber zur Bitte um Hilfe gehört das Warten auf Hilfe. Adventszeit ist Zeit des Wartens auf das Kommen Gottes – das machen uns Adventskranz und Adventskalender immer wieder deutlich. Die Hoffnung, dass wirklich alles gut wird.

Doch wenn das Warten endlos wird, dann erlischt die Hoffnung auf das Kommen. Jeder, der schon mal am Bahnsteig stand und auf einen Zug wartete, der nicht kam, kennt das.

Doch Gott ist bereits gekommen. Damals bei den Israeliten durch den Perserkönig Kyros. Er besiegte die Babylonier und ließ die Israeliten wieder heimkehren und Jerusalem aufbauen. Zwar mühsam, aber es gelang. Dann am ersten Weihnachtsfest. Als Gott wirklich herunterstieg vom Himmel in diesem Kind von Bethlehem. Das Leid auf sich nahm bis zum Tod am Kreuz. Und die Hoffnung auf Befreiung gestärkt hat durch seinen Sieg an Ostern. Jesus – das Kind in der Krippe, der Mann am Kreuz, der Sieger von Ostern. Er verspricht: Auf meinen ersten Advent folgt der zweite Advent. Wenn ich wiederkomme und das Leid endgültig besiege.

Wir, liebe Gemeinde, leben zwischen dem ersten und dem zweiten Advent. Dem Kommen Gottes in den großen und kleinen Zeichen seiner Hilfe und Nähe. Und in Erwartung seiner endgültigen Ankunft mit seiner neuen Welt und dem Ende von Leid, Trauer und Tod.

Zwischen ersten und zweitem Advent verdrängen wir das Leid nicht. Klagen Gott die Not. Bitten ihn um Hilfe. Resignieren nicht, sondern helfen und trösten. Zünden das Feuer an von Liebe und Hoffnung. Leben mit Rätseln, Fragen und Zweifeln – aber eben nicht ohne Hoffnung. Erwarten Gottes endgültigen Sieg. In der Hoffnung: „Kein Auge hat je einen Gott außer dir gesehen, der solches tut für die, die auf ihn warten.“

Hanne Köhler hat diesen Gedanken im Gedicht «Trotzdem» in Worte gefasst:

Advent – Zeit der Hoffnung/

wir finden uns nicht ab mit dem, was ist/

wir sehen, wie viele leiden/

wir glauben/

nach Gottes Willen soll alles anders werden

Advent – Zeit des Wartens/

was wir uns wünschen, ist noch nicht wahr/

manches Mühen war anscheinend vergeblich/

wir hoffen/Gott kommt trotzdem in diese Welt

Advent – Zeit der Vorfreude/

frühere Enttäuschungen können uns nicht fesseln/

unsere Träume blühen neu/wir erleben/

Gott freut sich mit uns

Advent – Gott kommt trotzdem/

was dagegen spricht hat nicht das letzte Wort/ so wahr Christus lebt. Amen.