10. Februar 2019 - 4. Sonntag vor der Passionszeit


Predigt zu Markus 4,35-41

Und am Abend desselben Tages sprach Jesus zu seinen Jüngern: Lasst uns ans andre Ufer fahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!

Liebe Gemeinde!

Vor ziemlich genau 24 Jahren – am 5. Februar 1995 – wurde ich in der Kirche von Zwerenberg im Nordschwarzwald ordiniert. Damals predigte unser Calwer Dekan Eberhard Dieterich über die eben gehörte Geschichte von der Sturmstillung Jesu. Und wie die Jünger in diesem Bibeltext war das Schiff meines Lebens damals in ordentlichen Turbulenzen.

Meine Mutter kämpfte damals mit ihrer Krebserkrankung. Was wir noch nicht wussten: Es war damals gewissermaßen die Halbzeit zwischen der Diagnose zwei Jahre zuvor und ihrem Tod knapp zwei Jahre später.

Dazu hatte ich eine starke Woche vor diesem Ordinationssonntag erlebt, wie schnell mein Leben hätte zu Ende sein können. Auf eisglatter Fahrbahn in einem Waldstück kam ich mit dem Auto von der Fahrbahn ab und auf einer Ladung Langholz am Straßenrand zum Stehen. Als der Abschleppwagenfahrer kam, machte er mir klar: Durch das Langholz wurde mein Auto wie auf Schienen gehalten und wickelte sich nicht um einen Baum. „Dann würden Sie jetzt nicht unverletzt neben Ihrem Auto stehen! Nur Ihr Auto ist im Eimer!“

Und meine ersten knapp zweieinhalb Jahre im Beruf lagen hinter mir – meine Vikarszeit ging mit der Ordination zu Ende. Ich hatte in dieser Zeit auch meine Grenzen und mein Versagen erleben müssen. Habe lange daran gezweifelt, ob ich für den Beruf des Pfarrers geeignet bin. Ob ich wirklich taugte, auf dem Schiff der Kirche zu arbeiten, das so oft von Stürmen durchgeschüttelt wird.

Ich denke, die meisten von uns kennen solche stürmischen Fahrten im Schiff des eigenen Lebens. Deshalb verwenden wir auch als Nicht-Seeleute gerne für Lebenskrisen Bilder aus der Seefahrt: „Das Wasser steht mir bis zum Hals.“ „Der Wind bläst mir ins Gesicht.“ „Es geht drunter und drüber!“ „Ich sehe kein Land mehr.“ „Ich habe Schiffbruch erlitten.“ „Bei mir ist Land unter.“

So war es auch bei den Jüngern damals. Jesus hatte einen ganzen Tag lang den Menschen am Ufer des Sees von Genezareth gepredigt. Viele Gleichnisse erzählt. Ein Fischerboot war gewissermaßen seine Kanzel. Jetzt war es Abend und Jesus befahl seinen Jüngern: „Wir fahren ans andere Ufer.“ Der See von Genezareth bildete zugleich die Grenze zwischen Galiläa und dem heidnischen Gebiet am anderen Ufer. Es war also ein fremdes Gebiet, das die Jünger – diese erfahrenen Fischer – ansteuern sollten. So wie wir ja auch immer wieder zu neuen Ufern aufbrechen müssen. Neuland betreten.

Jesus legte sich ins Heck des Schiffes. Ein weiches Kissen lag bereit. Er schlief gleich ein. Doch dann kam der Sturm. Oft ist es so am See Genezareth: Von den Bergen der Umgebung kommt gegen Abend ganz abrupt ein starker Fallwind. Er schüttelt das Boot durch. Es läuft voll mit Wasser. Aber Jesus schläft. Ihn scheint das Getöse und das Geschaukel um ihn herum nicht zu interessieren.

Dieses Gefühl der Jünger: Jesus kümmert sich nicht um das schaukelnde Boot des Lebens – wir kennen das. Wenn ich es von den Stürmen meines Lebens damals vor 24 Jahren sagen kann: Wie oft haben wir bei der Krankheitszeit unserer Mutter gebetet. Nach jeder Operation, nach Therapie gehofft – und immer wieder kehrte die heimtückische Krankheit zurück. Wo ist da Jesus? Oder beim Unfall damals so kurz vor meinem Ziel? In meinen Berufserfahrungen – eigentlich wurde ich ja Pfarrer, weil ich dachte: Ich kann das besser als viele Pfarrer, die ich erlebt habe. Dann merkte ich, dass viele Gottesdienstbesucher meine Predigten gar nicht so genial fanden, die Konfis von meinem Unterricht nicht restlos begeistert waren und manches Hochzeitspaar lieber von meinem Ausbildungspfarrer oder vom Nachbarpfarrer getraut werden wollte. Ich dachte zum Berufsstart: Jesus freut sich über meinen Dienst – und nun die Frusterfahrungen?

Stürme lassen das Boot volllaufen – und Jesus schläft. Die Jünger als erfahrene Fischer merken: Jetzt wird es gefährlich! Mit ihrer eigenen Kraft kommen sie an Grenzen. Hilflosigkeit und Angst machen sich breit. Da wecken sie Jesus mit vorwurfsvollem Unterton: Ist dir es eigentlich egal, dass wir hier absaufen?

Jesus lässt sich wecken. Er kennt die Angst der Jünger. Er tadelt sie zunächst nicht. Sondern spricht den Sturm an und bringt ihn zur Ruhe. Sturm und Meer schweigen. Die Gefahr ist vorüber. Erst danach fragt Jesus die Jünger: „Was seid ihr so feige – habt ihr noch keinen Glauben?“

Was soll diese Frage? Heißt an Jesus glauben und ihm vertrauen nicht auch: Zu ihm beten? Ihn um Hilfe bitten, wenn unsere Kraft nicht reicht?

Doch – das sollen wir. Jesus hat sich von den Jüngern wecken lassen. Obwohl das unsanft war und mit einer vorwurfsvollen Frage geschah, hat Jesus ihnen geholfen. Wir können in Angst und Not Jesus ansprechen. Unsere Not klagen. Das sagen, was wir auf dem Herzen haben. Er kennt unsere Angst und lässt uns nicht allein.

Die Frage Jesu an seine Jünger heißt ja nicht: Warum habt ihr keinen Glauben? Sondern: Habt ihr noch keinen Glauben? Er ermutigt mit seiner Frage die Jünger, im Glauben weiter zu wachsen. Ihr Vertrauen auf Jesu Nähe größer werden zu lassen. Nämlich: Vertrauen, dass Jesus da ist mitten im durchgeschüttelten, vollgelaufenen Boot unseres Lebens. Sogar, wenn er sich nicht durch ein Wunder bemerkbar macht. Nicht mit einem Machtwort Sturm und Wellen zum Verstummen bringt. Selbst wenn wir kein Land sehen, hoffen: Er ist uns trotzdem ganz nahe.

Damals vor 24 Jahren habe ich das so erlebt. Die Krankheitsgeschichte meiner Mutter ging noch fast zwei Jahre weiter. Wir hofften auf jede neue Klinik, jede neue Behandlung, die ein Arzt vorschlug. Ohne Erfolg. Irgendwann konnte ich das so akzeptieren: Ja – der irdische Lebensweg geht zu Ende. Ich war damals in Ebersbach und hatte deshalb kurze Wege in die Krankenhäuser in Stuttgart und Schorndorf. Konnte viel begleiten und am Ende sogar einen Wunsch meiner Mutter erfüllen: Dass ich selbst den Bestattungsgottesdienst gehalten habe. Mir wurde klar: Wenn Jesus das Boot unseres Lebens ans Ziel bringt, heißt das nicht immer, dass unser irdisches Leben weitergeht. Manchmal führt er uns zu neuen Ufern. Auch durch das Wasser des Todes zum Ufer eines neuen Lebens in Gottes Welt, zur Auferstehung.

Bei den anderen Stürmen war es anders. Mein Autounfall hat mich nur so lange geärgert, bis mir klar war: Das Auto ist kaputt, aber mein Leben blieb bewahrt. Zwar war viel Geld weg, aber das Ersatzauto hatte ich dann lange Jahre unfallfrei. Und im Berufsleben nahm ich mein mir im Unfall neu geschenktes Leben in Verbindung mit dem Segen bei der Ordination eine Woche später als Zeichen: Ja, Gott kann dich brauchen. Trotz deiner Schwächen. Trotz deines Versagens. Und immer wieder kommen ermutigende Rückmeldungen: Ja, du bist in diesem Beruf am richtigen Platz.

Jesus ist im Boot unseres Lebens mit dabei auf unseren Wegen zu neuen Ufern. Oft spüren wir seine Macht genau so wenig wie die Jünger damals. Manchmal denke ich dann immer noch, ich müsste mit meiner eigenen Kraft ans Ufer kommen. Statt zu vertrauen: Er ist da. Unsichtbar aber mit aller Kraft Gottes, die stärker ist als alle Winde, die mir ins Gesicht blasen, und als alles Wasser, das mir bis zum Hals steht. Aber oft habe ich dieses Vertrauen noch nicht.

Doch dazu will Jesus mich und dich wachsen lassen. Dass wir uns klar machen: Er ist da – mit uns im Boot. Er gibt uns Kraft für die Seereise unseres Lebens. Unsichtbar führt er uns zum Ziel. An jedem Lebensabschnitt und am Ende zum rettenden Ufer seiner Ewigkeit. Amen.