10. Januar 2016 - 1. Sonntag nach dem Erscheinungsfest


Predigt zu Römer 12,1-3

Liebe Gemeinde!

„Mach etwas aus dir!“ Das scheint eine Devise unserer Zeit zu sein, von der Kindheit bis zu den Senioren. Deshalb setzen wir uns unter Druck. Einige Beobachtungen legen mir das nahe:

Der Terminplan von Kindern schon im Grundschulalter, die musikalisch, sportlich, künstlerisch gefördert werden sollen. Die Kinder und Jugendlichen, die sich durchs Gymnasium quälen – oft mit viel elterlichem Druck und Nachhilfe bis zum Abitur. Umgekehrt: Jugendliche, die mir bei Orientierungstagen als ihre wichtigste Eigenschaft sagten: „Ich bin ehrgeizig!“

Die jungen Eltern, die mit schlechtem Gewissen unterwegs sind: weil sie sich mit unendlich vielen Erwartungen konfrontiert sehen – gegenüber den Kindern, in der entscheidenden Weichenstellungs-Phase des Berufslebens, beim Hausbau. Man spricht ja von der Rush-Hour des Lebens, wo man hinter den Erwartungen zurückbleiben muss, die man an sich stellt und die andere an einen haben.

Unsere Generation der sogenannten „Kriegsenkel“ – mit denen ich häufig bei Bestattungsgesprächen zusammen sitze, weil wir in unserer Elterngeneration, die den Krieg als Kinder erlebt hat, gerade massiv Todesfälle erleben. Wie wir einerseits unseren Eltern sehr dankbar sind, weil sie durch ihre Arbeitsleistung uns einen guten Start ins Leben ermöglicht haben, gute Ausbildungen unterstützt und oft genug finanziert. Andererseits einen Leistungsdruck von Anfang an in uns eingepflanzt haben. Mit dem so nachvollziehbaren Wunsch: Unser Kind soll es einmal besser haben als wir! Meine Mutter beispielsweise, der eine Promotion aus finanziellen Gründen verwehrt blieb, hat lange darunter gelitten, dass ihre Söhne so wenig Ehrgeiz zeigten und „bloß“ Ingenieur und „bloß“ Pfarrer wurden.

Ältere Menschen, die - wie ich oft sage – in der doppelten Oma-Situation sind: Sich einerseits um die Enkel kümmern, um ihren Kindern den Beruf zu ermöglichen und andererseits die alt gewordenen Eltern versorgen müssen. Und manchmal dabei die eigene Gesundheit vergessen.

Jede Lebenslage, die uns vor Herausforderungen stellt, die die Generation vor uns so nicht hatte. Jede Lebenslage fordert uns: Mach etwas aus dir und deinen Fähigkeiten – selbst wenn du sie gar nicht hast. Lass dich nicht hängen! Setze dich ein! Man spricht dann von der „Selbstoptimierung“, der Selbstverbesserung. Und es gibt ja viele medizinische, pädagogische und psychologische Hilfsmittel dafür – ergänzt durch alle technische Unterstützung. Manchmal frage ich, wie wir eigentlich vor einigen Jahren uns organisiert haben, als es noch kein WhatsApp gab.

Eigentlich ist es ja gut, dass wir alle diese Möglichkeiten und Chancen haben. Das Ganze hat aber auch Kehrseiten. Die eine ist die permanente zeitliche Überforderung. Vom angesprochenen übervollen Kinderterminplan bis zum berühmten Rentnergruß: „Keine Zeit!“. Damit verbunden das bereits angesprochene dauernde schlechte Gewissen, das Gefühl den Anforderungen nicht gerecht werden zu können – trotz aller Hetze. Mit allen Folgen für die Gesundheit von Leib und Seele.

Und wir produzieren damit Verlierer. Die abgehängt werden. Weil sie das Gefühl haben: Ich halte da eh nicht mit. Das wurde mir in meiner Ulmer Zeit deutlich, als ich Schülermentorenprojekte durchführte mit Jugendlichen, die anfangs noch Hauptschüler genannt wurden, dann Werkrealschüler und am Ende Gemeinschaftsschüler. Die eigentlich viele Begabungen hatten, aber auf vieles ablehnend reagierten, weil sie von sich dachten: Das kann ich eh nicht. Schade, wie viel Potential wir hier als Gesellschaft nicht nutzen.

Kann man aus diesem Hamsterrad aussteigen? Wir haben vorher Verse aus dem Römerbrief gehört, die zumindest einen Kontrapunkt setzen. „Passt euch nicht an das Schema dieser Weltzeit an!“ So ruft es der Apostel Paulus den Christen zu – damals in der pulsierenden Weltstadt Rom. Uns heute in unserem noch mehr pulsierenden globalen Dorf.

Das Schema dieser Weltzeit: Das sind die inneren und äußeren Anforderungen an uns. Die uns unter Leistungsdruck stellen und ein schlechtes Gewissen produzieren. Die Versagensängste und Versagergefühle wecken.

Doch wie schaffen wir es, uns von diesem Schema dieser Weltzeit zu distanzieren? Paulus schreibt weiter: Passt euch nicht dem Schema dieser Weltzeit an, sondern verwandelt euch indem ihr neu denken lernt!

Wie das? Indem ihr zuerst nicht nach dem fragt, was andere von euch wollen. Nicht nach dem, was ihr selbst von euch erwartet. Nicht nach euren inneren und äußeren Antreibern. Sondern: Lernt neu denken indem ihr fragt, was Gottes Wille ist. Das ist gut. Das kommt an. Das ist perfekt. Nicht das, was ihr für gut, akzeptiert und perfekt haltet.

Wie geschieht das? Zunächst dadurch, dass wir vertrauen: Das Entscheidende für diese Welt und für uns tut Gott, nicht wir. Wir sind geliebt – selbst wenn wir uns nicht leiden können. Gott hat mit uns etwas vor – selbst wenn wir uns als Versager fühlen. Das meint Paulus mit Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Wenn wir uns und unsere Zeit als gnadenlos und unbarmherzig empfinden, zum gnädigen und barmherzigen Gott kommen.

Wenn wir morgens geweckt werden, vertrauen: Es ist Gott, der mir diesen neuen Tag schenkt. Wenn wir aufstehen: Er gibt mir festen Boden unter die Füße. Wenn wir vor dem Spiegel stehen: Ich bin Gottes einmaliges Geschöpf. Wenn wir den Tag durch unterwegs sind: Bewusst die Natur um uns wahrnehmen. Bewusst einatmen und ausatmen: Gott belebt mich. Bewusst essen und Gott dafür danken. Am Ende des Tages sich in die Decke hüllen und aufs Bett legen: So hüllt mich Gott ein und trägt mich. Das alles bekomme ich gratis, ohne dass ich es mir verdienen müsste. Weil ich es Gott wert bin – einfach so, weil er mich in seiner Welt haben will. Egal, was andere oder was ich selbst von mir denken.

Deshalb müssen wir nicht zu viel von uns erwarten. Und die Erwartungen der anderen an uns zunächst draußen lassen. Sondern: Seid besonnen! Nach dem Maß des Glaubens, das Gott euch zugeteilt hat. Schaut nach dem, was ihr könnt. Kräftemäßig, zeitlich, von euren Begabungen her. Wir sollen gabenorientiert und nicht aufgabenorientiert handeln. Was könnt ihr? Das tun. Und das andere getrost Gott überlassen – und den anderen.

Deshalb gehört zum gabenorientierten Handeln zugleich das teamorientierte Handeln. Ich muss nicht alles machen. Und schon gar nicht es alleine machen. Manche Dinge auch getrost abgeben.

Damit geben wir uns nicht den Erwartungen anderer und den Erwartungen an uns selbst hin, sondern wir geben uns Gott hin. Das nennt Paulus ein lebendiges Opfer. Viele glauben ja, sie müssten sich selbst aufopfern. Nein: Wer sich Gott hingibt, vertraut: Wir leben im Gespräch mit Gott. Von seiner Liebe zu uns. Das ist ein dem Wort Gottes entsprechender Gottesdienst. Gott dient uns. Deshalb dienen wir Gott. Und können daher anderen dienen.

Vielleicht gelingt uns das 2016: Aus dem Hamsterrad des Drucks auf uns ausbrechen. Uns Gottes Liebe gewiss werden. Und davon leben, was Gott aus uns macht – und nicht wir selbst. Amen.