10. November 2019 - Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr


Predigttext (Lukas 6,27-38) und Predigt

Jesus spricht: Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich; Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beschimpfen. Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin. Und nimmt dir einer den Mantel weg, überlasse ihm auch das Hemd. Gib jedem das, worum er dich bittet. Und wenn dir jemand etwas wegnimmt, das dir gehört, dann fordere es nicht zurück. Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen. Wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen besonderen Dank erwartet ihr da von Gott? Sogar die Menschen, die voller Schuld sind, lieben ja die, von denen sie geliebt werden. Wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun: Welchen besonderen Dank erwartet ihr da von Gott? Sogar die Menschen, die voller Schuld sind, handeln so. Wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es wieder zurückerwarten könnt: Welchen besonderen Dank erwartet ihr da von Gott? Sogar die Menschen, die voller Schuld sind, leihen sich gegenseitig Dinge, die sie später zurückbekommen. Nein! Liebt eure Feinde. Tut Gutes und verleiht, ohne etwas dafür zu erhoffen.Dann werdet ihr großen Lohn erhalten und Kinder des Höchsten sein. Denn Gott selbst ist gut zu den undankbaren und schlechten Menschen.« »Seid barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist. Ihr sollt andere nicht verurteilen, dann wird auch Gott euch nicht verurteilen. Sitzt über niemand zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben. Schenkt, dann wird Gott auch euch beschenken: Ein reichliches Maß wird euch in den Schoß geschüttet – festgedrückt, geschüttelt und voll bis an den Rand. Denn derselbe Maßstab, den ihr an andere anlegt, wird auch für euch gelten.«

Liebe Gemeinde!

Ich weiß noch, wie ich mich als Kind über meinen Vater gewundert habe. Stand er mit dem Auto an einer Kreuzung und hatte keine Vorfahrt und ein Autofahrer ließ ihn freundlicherweise einscheren, dann meinte er immer: „Das ist hochanständig!“ Wenn er aber auf der Vorfahrtstraße unterwegs war und an einer Kreuzung hielt der Autofahrer vor ihm, um einen anderen aus der einmündenden Straße einscheren zu lasse, dann ärgerte er sich immer: „Warum lässt der den jetzt rein!“

Wie gesagt, diese Reaktion machte mich stutzig: Wenn ich selber vom Entgegenkommen anderer profitiere, freue ich mich. Wenn ein anderer von mir profitieren soll, dann ärgere ich mich. Den eigenen Vorteil nehme ich gerne, gönne das dem anderen aber nicht. Wenn aber jeder sich so verhalten würde wie ich, dann könnte ich auch nicht mehr vom erwünschten Verhalten profitieren.

Deshalb hier die Aufforderung Jesu – oft als „Goldene Regel“ bezeichnet: „Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso ihnen.“ Es ist gewissermaßen wie im Garten: Ich säe Liebe aus, damit ich umgekehrt Liebe ernte.

Eigentlich ganz einfach – aber warum fällt es uns so schwer, das umzusetzen? Vielleicht, weil unsere Wahrnehmung unserer eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Erwartungen eine andere ist als die Wahrnehmung der Bedürfnisse, Wünsche, Erwartungen unserer Mitmenschen. Das wird am Beispiel des Verhaltens meines Vaters im Straßenverkehr deutlich. Jeder will gerne ans Ziel kommen, deshalb freut es mich, wenn ein anderer mir die Vorfahrt einräumt und ärgert mich, wenn ich warten muss, weil einem anderen die Vorfahrt gewährt wird.

Ähnlich kenne ich das vom Lob: Ich freue mich über ein Lob für meine Arbeit von anderen. Aber wie wenig bin ich bereit, die Menschen zu loben, die mit mir zusammenarbeiten? Dadurch machen wir uns gegenseitig unser Leben schwerer als es sein müsste. Wie können wir das ändern?

Jesus gibt seinen Jüngern nicht nur die Aufforderung mit, sich anderen gegenüber so zu verhalten, wie sie des von ihnen erwarten. Sondern er verankert dies im Verhalten Gottes zu uns. Wir leben nämlich von Gottes Liebe. Von der Liebe, die er allen Menschen schenkt. Von der Barmherzigkeit, die er allen zuteilwerden lässt.

Wenn wir wissen: Das Leben, das wir haben, ist Geschenk Gottes. Dann wissen wir zugleich: Wir können dieses Leben nicht sichern und nicht verbessern, indem wir immer nach unserem Vorteil schauen. Indem wir uns in den Mittelpunkt der Welt stellen. Sondern wir können einfach nur dankbar staunen: Ja – ich darf leben.

Dann öffnet sich unser Blick: Hin zu den anderen Menschen, deren Leben genauso ein Wunder und ein Geschenk Gottes ist. Die genauso Wünsche und Sehnsüchte, Ängste und Sorgen, Freude und Glück haben wie wir. Die genauso die Liebe, Großzügigkeit und Barmherzigkeit Gottes brauchen wie wir.

Das lässt uns dann wie selbstverständlich diese Goldene Regel befolgen. Wenn der andere das gleiche wünscht, das ich mir wünsche, dann soll ich ihn so behandeln, wie ich von anderen behandelt werden will.

Ja – sogar noch mehr: Jesus ermutigt zur Feindesliebe. Jetzt könnten wir sagen: Wenn wir uns so verhalten, dann werden wir ausgenutzt. Wenn wir denen Gutes tun, die uns hassen. Werden sie da nicht in ihrem Hass bestätigt? Wenn wir dem, der uns den Mantel nimmt auch noch das Hemd geben. Dann setzen wir dem Bösen dich keine Grenzen mehr? Wenn wir auf jede Bitte geben – das kann doch nicht klappen!

Aber Jesus meint hier nicht Wehrlosigkeit gegenüber dem Bösen, sondern Großzügigkeit, die den Bösen zum Umdenken bringt. Normalerweise steht keiner morgens auf und sagt: Ich möchte heute gerne böse sein! Sondern Menschen verhalten sich böse, weil sie Angst haben, sonst zu kurz zu kommen. Weil sie keine Alternative in ihrem Leben sehen.

Deshalb auch in dem Menschen, der mir Mühe macht, zunächst den Menschen sehen, der genauso von Gottes Liebe lebt wie ich. Dann kann ich fragen: Was braucht er für sein Leben? Dann grenze ich mich nicht ab, reagiere auf sein schwieriges Verhalten mit gleicher Münze, sondern helfe ihm gezielt. Und erst, wenn er sich nicht helfen lässt, ziehe ich die Grenze.

Beispielsweise habe ich manchmal Menschen vor der Haustür, die wollen Geld und ich merke, dass sie ein Suchtproblem haben. Normalerweise bin ich beim ersten Mal großzügig, was das Geld anbetrifft. Versuche aber zugleich im Gespräch herauszufinden, was der Mensch wirklich braucht. Und ich sage ihm, dass mein Geld ihm vermutlich nicht lange weiterhelfen wird. Spätestens beim zweiten Besuch biete ich ihm dann an, einen Termin bei der Suchtberatung zu machen. Wenn er darauf nicht eingeht, dann ist für mich der Punkt gekommen, wo ich kein Geld mehr gebe.

Je mehr ich mich auf einen Mitmenschen einlasse, der mir fremd oder feindlich erscheint, je mehr ich versuche, ihn zu verstehen, desto mehr weicht das Feindbild und ich nehme den Menschen dahinter wahr.

Wir haben ja manchmal das Gefühl: Unsere Welt gerät aus den Fugen. Das weckt unsere Ängste. Macht uns dem anderen gegenüber eher misstrauisch und vorsichtig. Aber genau das ist, was unsere Welt auseinanderdriften lässt. Weil jeder an sich denkt und seinen Vorteil nehmen will. Weil jeder sich zurückzieht in seinen Bereich, in dem er sich sicher fühlt. Dadurch wird aber das noch schlimmer, weil unsere Feindbilder uns leiten. So ähnlich wie es Erich Fried in einem Gedicht formulierte:

Wer denkt, dass die Feindesliebe unpraktisch ist, der bedenkt nicht die praktischen Folgen der Folgen des Feindeshasses.

Wir überwinden die Gräben in einer aus den Fugen geratenen Welt nur, wenn wir bereit sind aus unseren Sicherheitszonen herauszugehen. Im anderen den Mitmenschen sehen, der wie wir auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen ist. Ihn segnen - das heißt Gottes Beistand zusprechen, egal was er uns entgegenhält.

Feindbilder, Abgrenzung, Gewalt zerstört am Ende Leben. Wenn wir auf dieser kleinen Erde zusammen leben wollen, dann können wir das nur miteinander tun. Nur wenn wir gerade in dem Menschen, der uns fremd vorkommt, zuerst nicht den Fremden sondern den Mitmenschen sehen.

Dann leben wir von Gottes Liebe und Gottes Großzügigkeit. Gehen wir so mit anderen um. Dann verändert sich etwas in dieser Welt. Amen.