11. und 18. Dezember 2016 - 3. und 4. Advent


Predigt zu Lukas 1,26-38

Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, sie, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Liebe Gemeinde!

Wohin soll mein Leben führen? Eine Frage die sich in unterschiedlichen Lebensphasen stellt. Da sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die auf das Ende ihrer Schulzeit zugehen. Was soll ich danach machen? Womit wäre ich zufrieden? Sie merken: Es geht nicht nur darum, einen sicheren und gut bezahlten Beruf zu haben. Sondern auch etwas Sinnvolles zu tun, das mich erfüllt. Oft schwere Entscheidungen, die bei manchen auch dazu führen, dass sie immer wieder etwas Neues versuchen.

Wohin soll mein Leben führen? Auch in der Lebensmitte. Wenn die Familienphase zu Ende geht. Oder man im Beruf nicht mehr weiterkommt. Manche Ideale des Anfangs in der alltäglichen Routine aufgerieben sind. Soll das wirklich alles sein?

Wohin soll mein Leben führen? Die Frage am Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand. Vor allem Menschen, die vorher einen großen Einsatz gebracht haben im Beruf, fragen: Und wofür nutze ich jetzt meine Zeit? Werde ich überhaupt noch gebraucht?

Wohin soll mein Leben führen? Wenn ich mit den Grenzen meines Lebens konfrontiert werde. Kräfte durch Alter oder Krankheit genommen werden. Was kommt jetzt auf mich zu? Wie geht es weiter?

Wohin soll mein Leben führen? Die Frage, vor der auch Maria steht in unserer eben gehörten Vor-Weihnachtsgeschichte. Als der Engel ihr nicht nur die unerwartete Geburt eines Kindes ankündigte. Sondern, dass in diesem Kind Gott in die Welt tritt. Was kommt da auf mich zu? Wie geht es weiter?

Doch Maria reagiert in dieser Situation anders als wir. Junge Menschen versuchen, Informationen zu sammeln, sich beraten zu lassen, dann etwas auszuprobieren und eventuell einen zweiten Versuch starten. In den anderen Lebensphasen entweder traurig und niedergeschlagen oder mit großer Unruhe und Rastlosigkeit.

Maria jedoch sagt zum Engel: „Siehe, Dienerin des Herrn bin ich. Es geschehe mir, wie du gesagt hast.“ Maria vertraut sich in ihrer Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit Gott an. Vertraut: Gott führt mein Leben weiter.

So zuversichtlich würden wir auch gerne unser Leben angehen. Aber irgendwie ist bei mir zumindest die Sorge immer größer als das Vertrauen. Wie also spürt Maria das: Gott kümmert sich um mich?

Es sind vier Zeichen der Führung Gottes. Gott leitet Marias Lebensweg

  1. Durch seine Gnade.
  2. Durch seine Kraft.
  3. Durch seine unbegrenzten Möglichkeiten
  4. Durch seine Ermutigung.

Zuerst: Gott leitet durch seine Gnade. Die Sendung des Engels Gabriel zu Maria wird hier beschrieben, wie wenn man mit dem Zoom beim Foto arbeitet. Immer näher zoomt sich Gott an diese junge Frau heran. Erst kommt Galiläa in den Blick, dann Nazareth, dann eine Frau, schließlich ihr Name. Warum gerade Maria? Warum gerade das Kaff Nazareth? Warum gerade der Norden Israels, der ja immer einen schlechten Ruf hatte?

Wir wissen es nicht, warum Gott so handelt. Maria scheint sich auch durch nichts besonders für diese Aufgabe qualifiziert zu haben. Es ist einfach Gottes Gnade. Gott sagt durch den Engel zu ihr: Ich bin bei dir. Ich brauche dich.

So nimmt Gott jeden in den Blick – ganz egal, wie unbedeutend ich mir vorkomme. Gott will jeden gebrauchen – um in dieser Welt Gestalt zu gewinnen.

Wenn ich mal wieder frage: Wohin soll mein Leben führen? Dann mir das sagen: Gott hat mir dieses Leben geschenkt, um in dieser Welt etwas mit mir anzufangen. Mit Maria kann ich sagen: Ich will dir dienen. Mach aus mir, was du willst.

Mich selber hat dieses nervöse Fragen immer dann befallen, wenn eine berufliche Lebensphase zu Ende ging. Am Ende des unständigen Dienstes, als meine erste ständige Pfarrstelle reduziert werden sollte und ich überlegt habe: Wie geht es weiter? Dann wieder als meine befristete Stelle in Ulm zu Ende ging. Und immer wieder ging es weiter und wurde gut. Niemand von uns ist zu unbedeutend, als dass Gott nicht mit uns etwas vorhätte. Das ist seine Gnade.

Das zweite Zeichen: Gott leitet durch seine Kraft. Der Engel verspricht Maria die Kraft Gottes. Sein Geist, seine Kraft kommt zu ihr. Immer wenn Gott uns eine Aufgabe gibt, gibt er die nötige Kraft dazu. Ich weiß noch, wie es mir ging, als ich in Ulm zum hauptamtlichen Jugendpfarrer gewählt wurde. Kurz vor dieser Wahl waren wir im Skiurlaub. Nächtelang lag ich wach. Die quälenden Fragen: Ist das die richtige Entscheidung? Kommst du mit Jugendlichen, mit den Aufgaben zurecht? Da passierte etwas Merkwürdiges: Ich war in diesem Skiurlaub auf dem Fellhorn beim Skifahren, kam mit der Gondel an der Mittelstation an, da hörte ich meinen Namen: Da ist doch der Herr Erhardt! Da saß eine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener, die ich einige Jahre zuvor in der neunten und zehnten Klasse unterrichtet hatte. Ich nahm das als Signal: So abschreckend wirkst du wohl doch nicht auf Jugendliche. Und tatsächlich: Ich habe meine Zeit in Ulm tatsächlich gemeistert. Zur Aufgabe schenkt Gott Kraft.

Das dritte: Gott leitet durch seine unbegrenzten Möglichkeiten. Die Geburt Jesu durch die Kraft des Geistes Gottes weist darauf hin: Gott schafft Leben – diese ganze Welt, jeden Menschen. Und er schafft neues Leben aus dem Tod. Damit ist er auch in meinem Leben am Werk.

Seine Kraft gibt Hoffnung, wo nichts zu hoffen ist. Wir im Pfarrdienst merken das vor allem, wenn wir Trauernde begleiten. Wo man am Anfang oft nicht weiß, in welche Situationen man kommt. Und am Ende merkt, wie dankbar die Menschen dafür sind, dass jemand da ist, der in dieser Situation die Hoffnungsperspektive auf Gottes unbegrenzte Möglichkeiten bringt, auf die Kraft, die stärker ist als der Tod.

Und schließlich viertens: Gott leitet durch seine Ermutigung. Fürchte dich nicht! So sagt es der Engel zu Maria. Immer dann, wenn ich nicht weiß, wie es weitergehen soll, schickt Gott seinen Engel mit dieser Botschaft: „Fürchte dich nicht!“ Gottes Engel sind seine Boten – oft Menschen aus Fleisch und Blut, die in mein Leben kommen. Manchmal auch scheinbare Zufälle, die manches zum Guten wenden.

Wohin soll mein Leben führen? Die Frage, die sich immer wieder neu stellt. Dann sich Gott anvertrauen. Auf seine Zuwendung hoffen. Seine Kraft schenken lassen. Von ihm ermutigt werden. Dann gebraucht auch uns Gott, um in dieser Welt Gestalt zu gewinnen. Amen.