12. Februar 2017 - Septuagesimae


Predigt zu Lukas 17,7-10

Liebe Gemeinde!

Fast jeder, der sich ehrenamtlich engagiert, kennt folgendes Gedicht, das Wilhelm Busch zugeschrieben wird:

Willst Du froh und glücklich leben,

lass kein Ehrenamt dir geben!

Willst du nicht zu früh ins Grab

lehne jedes Amt gleich ab!

Wieviel Mühen, Sorgen, Plagen

wieviel Ärger musst Du tragen;

gibst viel Geld aus, opferst Zeit –

und der Lohn? Undankbarkeit!

Ohne Amt lebst Du so friedlich

und so ruhig und so gemütlich,

Du sparst Kraft und Geld und Zeit,

wirst geachtet weit und breit.

So ein Amt bringt niemals Ehre,

denn der Klatschsucht scharfe Schere

schneidet boshaft Dir, schnipp-schnapp,

Deine Ehre vielfach ab.

Selbst Dein Ruf geht Dir verloren,

wirst beschmutzt vor Tür und Toren,

und es macht ihn oberfaul

jedes ungewaschne Maul!

Drum, so rat ich Dir im Treuen:

willst Du Weib (Mann) und Kind erfreuen,

soll Dein Kopf Dir nicht mehr brummen,

lass das Amt doch and'ren Dummen.

Manche seufzen dieses Gedicht, wenn sie als Gemeinderäte, Vereinsvorstände, Trainer, Jugendmitarbeiter, Kirchengemeinderäte und was auch immer sich engagieren und dafür angegriffen werden: Weil sie schwierige Entscheidungen treffen mussten, die andere nicht akzeptierten, weil der sportliche Erfolg ausblieb, weil die Mannschaft oder Jugendgruppe grundsätzlich nur das sagt, was nicht gut gelaufen ist, weil Lob, Anerkennung, Wertschätzung aber nicht ausgesprochen wird. Nach dem Motto: Nicht geschimpft, ist schon genug gelobt!

Dabei wollen wir doch Anerkennung, Wertschätzung und Dankbarkeit für unser Engagement. Ja, wir lechzen danach wie ein trockenes Land nach Wasser.

Aber weil das ehrenamtlich Engagierten so oft vorenthalten wird, wird es immer schwerer Menschen zu finden, die sich in ihrer Freizeit für andere und für eine Aufgabe einsetzen. Doch letztlich braucht unsere Gesellschaft – eine Stadt wie eine Kirchengemeinde – das Ehrenamt, um ein soziales und lebenswertes Gemeinwesen zu sein. Deshalb ist für Verantwortliche in Kommunen und in Kirchengemeinden die sogenannte „Pflege“ von Ehrenamtlichen so wichtig: das Gewinnen, Fördern, Ausbilden, Begleiten, Würdigen und Danken. Dass niemand sich ausgenutzt fühlt und sagt: „Wenn man der Kirche den kleinen Finger gibt, dann nimmt sie gleich die ganze Hand!“

Und nun jetzt geht man am Sonntagmorgen in die Kirche und hört dieses Gleichnis Jesu. Das ist doch für alle Ehrenamtsförderung ein Schlag ins Kontor: Wenn Jesus seine Jünger und damit alle, die in seiner Gemeinde mitarbeiten, mit Sklaven vergleicht, die arbeiten sollen ohne Gegenleistung und ohne auch nur ein „Danke“. Und am Ende soll man noch sagen: Ich bin ein Sklave, der nur wenig Nutzen bietet, sondern nur seine Pflicht tut. Nach dem alten Diakonissen-Motto: „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf!“ Jedem Ehrenamts-Förderer stehen die Haare zu Berge über eine solche Haltung.

So verständlich solche Reaktionen sind, weil wir ja als Menschen ein so starkes Bedürfnis nach Anerkennung haben – so sehr hätten wir Jesus missverstanden, wenn wir sein Gleichnis auf diesem Ohr gehört hätten. Sondern ganz im Gegenteil: Jesus will mit diesem Gleichnis seine Jünger stark machen, dass sie nicht im Frust des Engagements versinken.

Jesus wählt hier wieder ein Bild aus dem Alltag der damaligen Gesellschaft. Und da gab es auf den großen landwirtschaftlichen Gütern eben solche Sklaven. Sie waren in der Antike nicht so unterdrückt, wie wir das aus dem Amerika des vorletzten Jahrhunderts kennen. Sie hatten oft sehr verantwortliche Tätigkeiten als Ärzte, Erzieher oder eben landwirtschaftliche Fachkräfte. Aber sie hatten ihre Pflicht zu erfüllen. So wie jeder von uns bei unserer Arbeit seinen Arbeitsvertrag zu erfüllen hat. Ich gebe meine Arbeitskraft, dafür bekomme ich heute meinen Lohn und Sozialleistungen, damals Essen, Unterkunft, Kleidung und Schutz. Ich mache das nicht, damit ich einen dankbaren feuchten Händedruck bekomme, sondern für eine materielle Gegenleistung. Dank und Anerkennung sind bis heute in Arbeitsverträgen nicht vorgesehen, sondern Pflichterfüllung. Ich mache das Selbstverständliche und Notwendige, weil es selbstverständlich und notwendig ist und nicht, weil ich dafür gelobt werden will und Anerkennung brauche. Dann bin ich nicht frustriert, sondern damit zufrieden, dass ich das getan habe, was getan werden musste. Denn auch Dinge, die nicht im Rampenlicht stehen, müssen getan werden – wie beispielsweise beim Kirchenkaffee nachher: da muss es Menschen geben, die alles vornereiten und den Kaffee kochen wie auch solche, die nachher die Spülmaschine einräumen und wieder ausräumen.

Der Herr im Gleichnis steht für Gott und der Sklave für den Jünger. Dann wird auch klar: Gott gegenüber aufzurechnen, worauf wir einen Anspruch haben, ist sinnlos. Denn Gott gegenüber ist unsere Bilanz immer in den roten Zahlen: Er schenkt uns Leben, er bewahrt uns, er kreidet uns unsere Schwäche und unser Versagen nicht an. Für diese Vorleistung können wir uns mit keiner Gegenleistung revanchieren. Weil sie unbezahlbar ist. Wir können nur aus Dankbarkeit für das, was Gott uns tut, etwas davon an die weitergeben, die unsere Hilfe brauchen. Das Selbstverständliche und Notwendige tun, damit in unserer Welt keiner einsam und hilflos zurückgelassen wird.

Umgekehrt bewahrt uns das auch vor Selbstüberforderung. Wir müssen nicht alle Nöte in der ganzen Welt, alle Schwierigkeiten, mit denen wir konfrontiert sind, beseitigen. Wir sind schwache Menschen und nicht Gott. Wir sind – in der Sprache unseres Gleichnisses – Sklaven mit begrenztem Wirkungsgrad. Manche Dinge können wir getrost Gott und anderen überlassen.

Wir brauchen nicht bei jeder Aufgabe, die nach uns ruft, mit „Ja“ antworten. Wir müssen auch Nein sagen lernen. Die Dinge, die über unsere Gaben und über unsere Kräfte gehen, in Gottes Hände legen. Wer nicht „Nein“ sagen kann, kann auch seine „Jas“ nicht einhalten.

Wenn wir dankbar für Gottes Liebe das tun, was wir als notwendig erkennen, aber auch nicht mehr, dann sind wir weder über mangelnde Wertschätzung enttäuscht noch mit unseren Aufgaben überfordert. Ehrenamtsexperten nennen das: Auftragsgemäß handeln – nicht mehr und nicht weniger – ist eine wichtige Voraussetzung, um seelisch und körperlich gesund zu bleiben.

Wir leben als von Gott Beschenkte und von Gott Beauftragte. Als Menschen, die nicht ständig vom Beifall der anderen abhängig sind, sondern uns dem Menschen oder der Aufgabe zuwenden, wo wir gebraucht werden. In meiner Studienzeit in Münster wohnte ich im Studentenwohnheim. Bei meinem Einzug suchten die Hausbewohner – mit Wilhelm Busch gesprochen – nach zwei „Dummen“, die die Hausbar betreuten: Einkauf der Getränke, Motivation der Mitbewohner zum Bardienst, Sorge für die Sauberkeit. Ich war mit einem anderen neu eingezogenen Studenten einer der „Dummen“. Obwohl ich wusste, dass das nicht mein Ding ist, sagte ich zu. Glücklich war ich mit diesem Ehrenamt nicht. Doch zum Ende des Semesters ergab sich, dass der Mitbewohner, der die Hausbibliothek betreute, den Studienort wechselte. Das war meine Chance, die Aufgabe nach meinen Neigungen zu wechseln: Von der Bar zur Bibliothek, vom Bier zum Buch. Und das habe ich dann meine ganze Münsteraner Zeit gerne gemacht.

Wenn wir uns von Gott geliebt wissen, können wir uns fröhlich engagieren, wo unsere Neigungen und Stärken sind. Und anderes liegen lassen. Frei nach Wilhelm Busch:

Willst Du froh und glücklich leben,

lass von Gott die Kraft dir geben!

Dankbar habe zur nötigen Tat den Mut,

denn der dich trägt: Der Herr ist gut. Amen.