12. Juni 2016 - Dritter Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu 1. Timotheus 1,12-17

Liebe Gemeinde!

In den Tagen vor einer Fußball-Europameisterschaft diskutieren die Millionen von Bundestrainern und Fußball-Experten, die es in Deutschland gibt: welche Spieler sollen zum Kader gehören? Wen soll der etatmäßige Bundestrainer heute Abend auf den Platz schicken? Wer ist fit? Wer ist für welche Position bei welchem Gegner geeignet? Wenn es heute Abend klappt, hat es jeder schon vorher gewusst, klappt es nicht, ebenso.

Aber letztlich geht es nicht nur bei der Aufstellung eines Fußballteams darum, geeignete Personen auszuwählen. Das gilt bei allen Stellenbesetzungen im Beruf und bei allen ehrenamtlichen Tätigkeiten genauso. Diese Frage: Wer ist geeignet? Wer hat sich bewährt? Oder wem traue ich zu, dass er das Potential hat, die Aufgabe zu meistern? Wem gebe ich eine Chance?

Dass dieses Potential sich nicht immer so entfaltet wie erhofft, ist klar. Ich hatte vor vielen Jahren in der Grundschule einen Zehnjährigen, der als hoffnungsvolles Fußballtalent galt. Von den Eltern, dem Jugendtrainer und sich selbst so gesehen. Sein Spruch war: Mit der deutschen Nationalmannschaft geht es so lange bergab, bis ich komme. Heute spielt der nicht mehr ganz junge Mann beim FV Hollenbach in der Oberliga Baden-Württemberg. Immerhin in der fünfthöchsten Spielklasse. Aber weit weg von der Nationalmannschaft.

Ja: Nach welchen Kriterien suchen wir Mitarbeiter aus? Für die Aufgaben, die wir haben – bezahlt oder ehrenamtlich? Wem trauen wir was zu? Was ist das Potential, das ein Mensch hat, um mit den Herausforderungen zurecht zu kommen? Wichtige Fragen, die nicht leicht zu entscheiden sind. Jeder, der mit Stellenbesetzungen zu tun hat, weiß das.

Ganz anders bei Gott. Manchmal wunder wir uns ja, wie er auswählt. Den Mose, der als Mörder vor der Strafverfolgung auf der Flucht ist und kein Redetalent hat. David, den jüngsten Sohn Isais, der eigentlich zum Schafhirten bestimmt ist. Petrus, der Jesus später verleugnet. Oder aber Paulus, von dessen Berufung wir gerade gehört haben.

Paulus beschreibt sich hier als Verfolger der christlichen Gemeinde. Als einen, der den Glauben an Jesus ablehnte. Als erster unter allen Sündern. Und wir können ja im Bericht von der Berufung des Paulus in der Apostelgeschichte nachlesen, wie die Christen in Damaskus, verwirrt waren: Der, der aus Jerusalem kam, um sie zu verhaften, wurde zu ihnen als Mitchrist gebracht. Ausgerechnet den nimmt Gott in sein Team.

Warum hat Gott Vertrauen in Leute, in die wir Menschen keines hätten? Paulus verweist hier auf die Bewegung Gottes auf uns Menschen zu, an der die teilnehmen, die Gott für seine Mannschaft auswählt. Was heißt das?

Ich verdeutliche es an einem Beispiel aus meiner Schulzeit. Im Sportunterricht mussten manchmal Mannschaften gebildet werden, wenn wir Basketball, Fußball oder Hockey spielten. Der Lehrer stellte eine Quizfrage und wer die richtig beantwortete, durfte die Mitspieler auswählen. Die meisten wählten natürlich die entsprechenden Sportskanonen aus – von der Logik her ganz vernünftig. Einer meiner Klassenkameraden suchte nur seine Freunde aus – sicher sehr sympathisch, aber nicht erfolgreich. Wenn ich dran war, versuchte ich zuerst mit einigen guten Sportlern ein leistungsfähiges Grundgerüst für die Mannschaft aufzustellen. Danach wählte ich dann meine nicht so sportlichen Freunde aus. Die hatten dann Erfolg, weil sie im Team mit guten Spielern antraten und dann auch ganz gut spielen konnten.

So ähnlich ist es auch, wenn Gott seine Mannschaft zusammenstellt. Er hat sozusagen ein leistungsfähiges stabiles Grundgerüst dafür. Nämlich Jesus selbst, der im Team ist. Er spielt gewissermaßen in eine Richtung, auf ein Tor. Nämlich, um Gottes Liebe zu den Menschen zu bringen. Um Schuld und Tod zu besiegen. Jesus tut das mit der Kraft Gottes, die stärker ist als alles, was ein Leben bedroht, stärker als der Tod. Das nennt Paulus hier Gnade und Barmherzigkeit.

Diese Bewegung Gottes zu den Menschen könnte Jesus auch alleine machen. Er hat den entscheidenden Punkt gemacht in seinem Ostersieg – gewissermaßen das Golden Goal gegen den Tod. Er braucht eigentlich keine Mitspieler in seinem Team. Denn er hat ja alle Macht im Himmel und auf der Erde.

Aber Jesus will es nicht alleine machen. Er beruft Menschen in sein Team. Weil er diese Grundbewegung Gottes zu den Menschen damit deutlich werden lässt: Jesus kommt in die Welt, um Gott den Menschen nahe zu bringen. Den Menschen, die Gott bisher nicht kennen. Denen es schwer fällt, ihm zu vertrauen. Die sich selbst für zu unbedeutend oder für zu schlecht halten, als dass sich der große Gott um sie kümmern könnte. Dass Gott dieses Ziel hat, wird dann klar, wenn er nicht perfekte Menschen daran beteiligt. Paulus schreibt: „Das ist gewisslich wahr und ein Wort des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder zu retten, unter denen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem Geduld erwiese, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.“

Deshalb kann Gott mich brauchen in seinem Team. Mich mit all meinen Schwächen. Mit all meinen Unzulänglichkeiten. Mit allem meinem Versagen. Weil damit jeder sehen kann: In Gottes Mannschaft muss keiner perfekt sein. Hat jeder seinen Platz. Weil es in diesem Team einen perfekten Mitspieler gibt, der unsere individuellen Schwächen ausgleicht: Jesus Christus.

Deshalb gilt: Gott beruft nicht aufgrund meiner Voraussetzungen, sondern trotz fehlender Voraussetzungen. Weil es auf seine Fähigkeiten, nicht auf meine ankommt. Für mich ist das immer wieder ermutigend, wenn ich scheitere. Und das gehört ja zu den Grunderfahrungen in meinem Beruf, der ja ein unheimlich breites Anforderungsprofil hat. Dass es noch kein Feld gab im Pfarrdienst, in dem ich noch nie einen kapitalen Bock geschossen hätte. Wo ich nicht gedacht hätte: Was für ein blöde Idee Gottes, ausgerechnet so einen wie dich zum hauptamtlichen Mitarbeiter zu berufen. Und besonders dort, wo man seine Stärken vermutet, tut ein Scheitern so weh. Dass da Gott zeigt: Ich gleiche deine Schwächen aus. Ich sorge dafür, dass mein Weg zu den Menschen weitergeht – mit dir, aber manchmal auch trotz dir.

Heißt das nun, dass wir gar nicht mehr auf Gaben und Fähigkeiten achten sollen, wenn wir Menschen für bestimmte Aufgaben suchen? Nein, das wäre unklug. Schließlich hat Gott uns bestimmte Gaben gegeben und andere nicht. Und wenn wir immer Dinge machen müssten, die wir nicht so gut könnten, wäre es für niemand gut. Deshalb müssen wir Mitarbeiter schon gabenorientiert einsetzen.

Aber: Es gibt keine wichtigeren oder unwichtigeren Aufgaben. Und manchmal müsse wir auch etwas tun, für das wir nicht begabt sind – und erleben da Gottes Kraft noch stärker. Und vor allem: Wir brauchen keine Angst vor dem Versagen haben. Nicht aus Furcht vor dem Scheitern manche Dinge nicht tun. Sondern es versuchen.

Wenn wir dann scheitern sollten, ist das kein Urteil über uns als Menschen. Sondern Gott kann uns gerade auch in unserem Scheitern und durch unser Scheitern gebrauchen. Das wurde mir klar, als ich gerade vierzig geworden war und dachte: Damit bist du alt und endgültig aus der Jugendarbeit draußen. Doch nur wenige Tage nach meinem vierzigsten Geburtstag nahm ich an einer Besprechung teil, an der die damalige Bezirksjugendreferentin in Schwäbisch Hall und mein damaliger Dekan dabei waren. Wir waren fertig, da sagte der Dekan zur Jugendreferentin: Sie wollten doch noch mit Herrn Erhardt etwas besprechen. Ja, sagte sie, Du weißt, wir suchen einen neuen Bezirksjugendpfarrer. Wie wäre es mit dir? Was auch immer mich da ritt, ich sagte zu und damit vollzog sich eine Weichenstellung mit drei Jahren nebenamtlicher und über sieben Jahren hauptamtlicher Jugendarbeit. Ich war da wahrscheinlich nicht besonders gut. Aber irgendwie hat es geklappt – obwohl ich meine hauptamtliche Tätigkeit in Ulm nicht gerade unter meinen Erfolgsgeschichten verbuchen würde.

Daran zeigt sich die Großzügigkeit Gottes, der uns trotz allem brauchen kann. So dass wir staunend mit Paulus sagen können: Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.