13. März 2016 - Judica


Predigt zu Hebräer 5,7-9

Liebe Gemeinde!

Ein eindrückliches Bild von Sieger Köder haben Sie am Eingang bekommen - "Engel begleiten dich" ist sein Titel: Menschen gehalten in einer großen Hand. Zugleich halten sie sich fest im Dunkel, das sie umgibt an dieser großen Hand.

Ein Wunsch – gehalten zu sein und etwas zum Festhalten zu haben. Diesen Wunsch haben wir nicht nur, wenn ein Kind sich auf den Weg ins Leben macht. Wenn Sie als Eltern ihn gerne tragen wollen. Vor allem beschützen, was ihn bedroht.

Diesen Wunsch haben wir ebenso für das eigene Leben. Wo wir ja auch oft das Gefühl haben: Wir sind im Dunklen. Wir brauchen eine Hand, die uns auffängt. Wir brauchen etwas, an dem wir uns festhalten können.

Das gilt für Krisenzeiten des persönlichen Lebens: für Phasen der Krankheit. Für Perioden der Traurigkeit – weil das Leben nicht so läuft, wie gewünscht.

Und das gilt für eine Welt, die aus den Fugen scheint. Wo das, was uns lange Sicherheit gab, zu zerbrechen droht. Wo wir schon längst überwunden geglaubten Beispielen von Hass und Gewalt begegnen. Wo Politik versucht, komplexe Probleme mit allzu einfachen Parolen zu lösen. Wo wir in einer immer mehr differenzierten Welt den Überblick zu verlieren drohen.

Wo ist da die Hand, die uns hält? An der wir uns festhalten können?

Wir haben gerade einige Verse aus dem Hebräer-Brief gehört. Dort beschreibt der Autor den Weg Jesu. Den Weg Jesu in die Welt von uns Menschen – als Mensch unter Menschen. Es ist kein bequemer Weg. Sondern ein Weg, auf dem er gelitten und geweint hat. Auf dem er geschrien hat vor Schmerzen und Not. Gebetet, gefleht. Auf dem er also diese dunkle Seite der Welt kennen lernte: Wir gehen ja auf den Karfreitag zu, an dem wir uns an dieses Dunkel auf dem Weg Jesu erinnern.

Die Antwort Gottes auf das Dunkel in der Welt heißt also nicht: Ich mache es einfach kurz hell. Sondern die Antwort Gottes heißt: Ich lasse mich in Christus auf das Dunkel ein. Ich gehe in das Dunkel.

Und Jesus ist am Dunklen nicht zerbrochen. Sondern er hat im Dunkel die Verbindung gehalten zu seinem Vater im Himmel. Für das Weinen und Schreien Jesu, für sein Bitten und Flehen verwendet der Hebräer-Brief das Wort „dargebracht“. Wie für die Opfer, die der Priester im Tempel darbringt. Und damit die Verbindung herstellt zwischen Gott und Mensch.

Jesus hat sich gewissermaßen mit seinem Beten und Weinen an Gott festgehalten. Und er wurde von Gottes Hand gehalten im Dunklen. Gott, der vom Tod retten kann, hat ihn gehört – weil Jesus ihm vertraute. Das Dunkel des Karfreitags wurde abgelöst vom Licht des Ostermorgens. Damit hat er allen, die ihm vertrauen, einen Ausweg aus dem Dunkel gebahnt.

Im Weg Jesu Christi in das Dunkle der Welt hinein und aus dem Dunkel heraus, hat Gott gewissermaßen seine Hand ausgestreckt zu allen, die im Dunkel sind. Kein Dunkel ist so tief, dass uns da Gottes Hand nicht halten könnte, dass wir uns nicht bei ihm festhalten können.

Aber wie geschieht das? Wie halten wir uns im Dunklen dieser Welt fest an Gottes Hand? Wie spüren wir die Hand, die uns hält?

Indem wir uns den leidenden Christus als Vorbild nehmen. Zunächst: In Verbindung bleiben mit Gott. Indem wir wie Jesus beten und flehen. Gott sagen, was uns zu schaffen macht. Die Not von uns Menschen und die Unübersichtlichkeit dieser Welt ihm klagen.

Dazu gehört auch das Weinen und Schreien. Das vor Gott auch ein Gebet ist. Wenn wir keine Worte finden. Vor vielen Jahren wurde ich zu einem Gemeindeglied ins Krankenhaus gerufen. Die Frau – damals gerade vierzig Jahre alt – war unheilbar an Krebs erkrankt und kämpfte mit dem Tod. Schreiend und weinend. Da kam der Krankenhauspfarrer und meinte: Auch das kann ein Gebet sein. Die Verbindung mit Gott halten. Im Beten, im Schreien, im Weinen. Gott hält mich.

Jesus blieb gehorsam – er vertraute dem Gott, der aus dem Tod retten kann. Im Dunkeln dem Gott vertrauen, der uns hält.

Jetzt kann man natürlich einwenden: Was bringt uns das? Wird dadurch das Dunkle in unserem Leben irgendwie heller? Ist das nicht nur eine Illusion, dass da eine Hand uns hält? Wird das Dunkel im eigenen Leben und in der Welt heller, wenn ich Gott vertraue?

Doch das Licht hat Gott bereits gezeigt – am Ostermorgen als er Jesus aus dem Tod rettete. Das ist ein Anhaltspunkt. Und das zweite ist ein einfaches Gedankenexperiment: Was ist angesichts des Dunkels besser: Vertrauen oder verzweifeln? Wer vertraut, der lässt sich nicht vom Dunkel überwältigen. Sondern kann selbst das Dunkel hell machen, indem er anderen seine helfende Hand anbietet. Kranken beisteht, Traurigen zuhört, die Not dieser Welt sieht und hilft, wo es geht. Wer vertraut, macht das Dunkel dadurch tatsächlich heller.

Deshalb: Vor dem Dunkel nicht resignieren. Sondern die Hand halten, die Gott uns in Christus entgegenstreckt. Die vom Tod retten kann. Und dann anderen die Hand reichen. Im Vertrauen auf den, der Urheber der bleibenden Rettung ist. Amen.