13. November 2016 - Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr


Predigt zu Römer 8,18-25

Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt.

Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

Liebe Gemeinde!

Vor etlichen Jahren wurde uns bei einer Sitzung ein Text zum Lesen vorgelegt. Er war mit wenig Kontrast auf Umweltpapier ausgedruckt. Zudem war die Schrift klein und die Beleuchtung schlecht. Ich konnte keinen Buchstaben entziffern und schimpfte: Bei dieser Schummerbeleuchtung auf diesem Papier so klein zu drucken – das kann man doch nicht lesen! Da meinte einer der anderen Sitzungsteilnehmer: Probier es mal mit meiner Lesebrille! Ich setzte die Brille auf und sah alles gestochen scharf! Da wurde mir klar: Jetzt ist es Zeit für eine Brille. Ich hatte es lange nicht wahrhaben wollen, aber der Augenarzt schaute nur auf meine Patientenkarte: In Ihrem Alter kommt das halt!

Das nächste Mal vor einem halben Jahr beim Unfallarzt als ich mit einem Sehnenabriss am Finger kam. Sein Kommentar: „In Ihrem Alter reißt so eine Sehne halt.“ Er zeigte auf das Röntgenbild: „Und ich habe mir es schon gedacht: da steckt auch die Arthrose drin – das ist in Ihrem Alter so!“

So schnell muss man zugeben: Ja, ich bin nicht mehr jung. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Jünger und gesünder werde ich nicht mehr. Im Nahbereich bin ich der älteste Pfarrer. Und drastisch bewusst wurde es mir Ende letzter Woche als ich die Nachricht vom plötzlichen Tod zweier gleichaltriger Kollegen erhielt.

Es geht so weiter: Irgendwann kommt das Hörgerät. Ich erinnere mich noch an eine ältere Dame aus der vorigen Gemeinde. Sie meinte irgendwann: Komisch, früher habe ich meinen Mann gut verstanden, aber seit er älter wird nuschelt er so. Und ich musste ihr sagen: Vielleicht liegt es nicht nur am Alter Ihres Mannes, sondern auch an Ihrem, dass die Ohren auch nicht mehr so gut sind.

Später der Kampf, bis ein Senior den Rollator akzeptiert. Die Entdeckung, dass Gespräche zunehmend von Krankengeschichten dominiert werden. Alle diese Erfahrungen zeigen uns: Die Zeit vergeht. Unsere Kräfte sind vergänglich. Ja, unser Leben ist vergänglich. Es gibt Dinge, die ich nicht mehr so kann wie früher, die ich aus der Hand geben muss. Und ich weiß, dass mit Anfang fünfzig diese Entwicklung erst am Anfang steht. Da kommt die Frage: Was kommt noch auf mich zu? Wie gehe ich damit um? Was gibt mir Halt?

Der Apostel Paulus benennt im eben gehörten Bibelwort diese Erfahrung auch: die Erfahrung, dass unser Leben vergänglich ist. Bei ihm gesteigert dadurch, dass sein Leben in ständiger Gefahr war durch die Drohungen der Machthaber. Aber er bleibt bei dieser Tatsache der Vergänglichkeit nicht stehen. Er schaut nicht nur auf die Vergänglichkeit, sondern zugleich auf Gott. Gott, der da ist, auch wenn wir vergehen. „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“

Gottes Herrlichkeit – das bedeutet: Gottes Nähe und Kraft. Sie ist bei uns in aller Vergänglichkeit. Und wir vergehen nicht ins Nichts, sondern gehen auf Gottes Herrlichkeit zu. Und ein Licht dieser Herrlichkeit fällt auf unser Leben in seiner Vergänglichkeit.

Paulus verwendet das Bild der Waage: Die Vergänglichkeit zieht uns herunter. Aber Gott legt mit seiner Herrlichkeit ein großes Gegengewicht in die andere Waagschale. Für Gewicht und Herrlichkeit wird in der aramäischen Muttersprache des Paulus dasselbe Wort verwendet.

Doch hier könnten wir kritisch einhaken: Die Vergänglichkeit sehen wir, spüren wir – oft schmerzhaft. Aber Gottes Herrlichkeit – die ist unsichtbar! Wird da nicht nur vertröstet und beschwichtigt? Gibt es einen Anhaltspunkt, dass diese Hoffnung des Glaubens berechtigt ist?

Ein Anhaltspunkt ist für mich die Hoffnung. Wir leben anders mit Hoffnung. Die Macht der Vergänglichkeit bekomme ich zu spüren – ob ich auf Gottes Herrlichkeit vertraue oder nicht. Vertraue ich aber nicht, dann zieht das Gewicht der Vergänglichkeit mich nach unten. Ich kann höchstens versuchen, irgendwie meinem Alter davonzulaufen. Falten und graue Haare kosmetisch verdecken. Mich durch übersteigerten Ehrgeiz meiner Fitness versichern. Zu versuchen, mir ein Denkmal zu setzen. Aber diese Fluchtversuche gegen die Vergänglichkeit sind zum Scheitern verurteilt.

Hoffe ich aber auf Gott, habe ich eine Perspektive über die Vergänglichkeit hinaus. Ich lebe bewusster, ehrlicher, freier. Weil ich die Vergänglichkeit akzeptieren kann. Mich bei Gott geborgen weiß. Lieber hoffe ich mich zu Tode, als dass ich ohne Hoffnung zugrunde gehe.

Noch stärker aber der zweite Anhaltspunkt: Paulus nennt es die „Erstlingsgabe“: Wenn der Landwirt auf die Ernte wartet, war das zur Zeit des Apostels eine Geduldsprobe, bei der einiges auf dem Spiel stand. Brachte die Ernte einen guten Ertrag, war das Überleben der Familie gesichert. Andernfalls drohte die Hungersnot. Wenn dann die ersten Früchte herangewachsen sind, war das ein deutliches Zeichen für das Näherrücken einer guten Ernte. Das war die Erstlingsgabe des Schöpfers.

Ebenso hat Gott denen, die auf seine Herrlichkeit warten, eine Erstlingsgabe gegeben: Den Geist Gottes, der Glauben und Vertrauen weckt. Den Geist Gottes, der Jesus bereits lebendig gemacht hat, als er am Ostermorgen auferstanden ist. Das ist wie die Erstlingsgabe der Vorbote der kommenden Ernte ist, der Vorbote der kommenden Herrlichkeit. An der Auferstehung Jesu und der Weitergabe dieser Auferstehungsbotschaft durch die Kraft des Geistes Gottes können wir schon wahrnehmen, auf was wir hoffen.

Die Auferstehungsbotschaft ist für mich ein deutlicher Hinweis auf die Herrlichkeit Gottes. Wäre das Geschehen des ersten Ostermorgens nur ein Hirngespinst der ersten Jünger Jesu gewesen, wären Jesus und seine Anhänger schon längst in Vergessenheit geraten.

So aber ist die Gemeinde Jesu Christi bis heute Hoffnungsträger in einer Welt, die ihre Vergänglichkeit spürt. Und zwar nicht nur wir Menschen spüren die Vergänglichkeit, sondern auch Tiere und Pflanzen. Bei den Pflanzen nehmen wir es jetzt im Herbst wieder deutlich wahr. Das Leiden der Tiere kennen viele von uns auch aus eigener Anschauung. Das, was Paulus hier so beschreibt: Die ganze Schöpfung seufzt und hat Angst bis heute. Alle warten darauf, dass sie von der Vergänglichkeit befreit werden.

Unsere menschlichen Befreiungsversuche sind wie gesagt zum Scheitern verurteilt. Maximal verdrängen oder vertuschen wir die Spuren des Alterns bei uns. Auch ein Lebenswerk, das unseren Tod lange überdauert, schaffen die wenigsten. Jeder, der schon einmal den Haushalt eines verstorbenen Familienmitglieds auflösen musste, weiß, wie viele Dinge man in die Hand nimmt, von denen man ahnt, dass sie dem Verstorbenen wichtig waren, aber von den Zurückbleibenden keiner eine Verwendung dafür hat und es am Ende weggeworfen wird. Ja, so stiften wir keine Hoffnung gegen das Ver­gehen.

Sondern nur durch unser Vertrauen: Wir vergehen nicht ins Nichts. Wir gehen zur Herrlichkeit Gottes – wie der gekreuzigte und auferstandene Christus. Das ist die Freiheit der Kinder Gottes: Zu hoffen, dass die Gemeinschaft mit Gott nicht mit dem Vergehen unseres irdischen Lebens vergeht. Sondern wir für alle Zeit bei Gott geborgen sind. Damit werden wir frei von Ängsten, die das Schwinden unserer Lebenszeit mitbringt. Und frei von Zwängen, uns zu verwirklichen. Frei, uns den Menschen zuzuwenden, die unter der Vergänglichkeit leiden. Frei, uns um die leidende Schöpfung zu kümmern. Optimistisch und zuversichtlich in der vergehenden Welt leben. Unsere Spielräume nutzen.

Also: Nicht traurig sein, wenn wieder ein neues Hilfsmittel nötig wird, um die Belastungen des Alters zu tragen. Sondern in der Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit das tun, was wir können. Amen.