14. April 2017 - Karfreitag


Predigt zu Lukas 23,33-49

Liebe Gemeinde!

„Man weiß nie, wozu es noch gut ist!“ Während des halben Jahres, das ich bei einer Baufirma gearbeitet habe, hörte ich diesen Satz öfter. Damit wurde begründet, warum man in drei Institutionen Mitglied ist: Beim ADAC, in der Gewerkschaft – und in der Kirche. Man könnte mal Hilfe brauchen: bei Pannen im Straßenverkehr hilft der ADAC, bei beruflichen Problemen die Gewerkschaft und wenn niemand mehr helfen kann, die Kirche. Da erwartet man Hilfe in den existentiellen Krisen des Lebens. Wenn Krankheit und Leid, Tod und Trauer nach mir greifen.

In der Notfallseelsorge bin ich gelegentlich mit der Erwartungshaltung konfrontiert worden: Der muss dafür sorgen, dass es mir wieder bessergeht. Mit einigen Worten die Traurigkeit nehmen, in die mich ein Unglück gebracht hat. Als ob das gehen würde. Da war manche Enttäuschung vorprogrammiert.

Die Erwartungen von Hilfe und Rettung, mit denen Jesus auf seinem letzten irdischen Weg konfrontiert wurde, waren noch größer. Da war einer, der durch seine Wunder gezeigt hat: Ich bin stärker als Krankheit und Hunger, als Wind und Wellen – ja, sogar Tote hat er wieder auferweckt. Der muss doch jetzt sich selbst helfen können, wenn die Römer ihm an den Kragen wollen.

Aber was macht Jesus? Er lässt sich zum Hinrichtungsort führen, wehrt sich nicht, lässt Soldaten um seine Kleider losen, lässt sich hinrichten und stirbt. Alle Aufrufe, sich zu retten, sich selbst zu helfen, lässt er an sich abprallen. Die spöttischen Aufforderungen genauso wie die verzweifelten.

Die verzweifelten Hilferufe der Menschen, die hofften, dass Jesus ihnen helfen würde. Und die ihn nun als hilflos erleben. Wer soll sie nun retten?

Dieses Gefühl, das wir auch kennen: Ich bin meinem Leben ausgeliefert. Keiner hilft mir. Die, von denen ich mir Hilfe versprach, sind selber hilflos. Diese Enttäuschung haben wir in unserer Gesellschaft bereits gespürt, als viele das Gefühl hatten: Die Regierung bewältigt die große Zahl an Geflüchteten nicht, die zu uns kommen. Die Polizei schafft es nicht, uns zu schützen: ob bei Wohnungseinbrüchen oder bei Übergriffen wie in Köln in der Silvesternacht. Für Terroristen ist das ihr Geschäftsmodell: das Gefühl der Hilflosigkeit schaffen. Viele Menschen flüchten sich in ihrer Hilflosigkeit in Abschottung, Misstrauen, zu radikalen politischen Kräften oder zu kruden Formen der Selbsthilfe. Ein sonst ganz vernünftiger Mensch sagte mir: „Wenn ich bei mir in der Straße einen Einbrecher erwische, haue ich dem mit dem Spaten eine drüber.“ Dass er vermutlich vorher eine Kugel im Bauch hätte, machte er sich nicht klar. Ebenso wenig, dass Abschotten nichts bringt – ich müsste mich ja komplett aus dem Leben zurückziehen. Und dass die Heilsversprechen der Radikalen auch keine richtige Hilfe bringen.

Ja, gerne hilflos ist niemand. Wer soll uns retten?

Da aber gibt es mitten in dieser Passionsgeschichte eine merkwürdige Wendung. Während viele sich über den Jesus mokieren, der sich nicht hilft oder nicht helfen kann, spricht ihn einer der beiden Verbrecher an, die mit ihm gekreuzigt wurden: „Jesus, denke an mich, wenn du in deine Königsherrschaft kommst!“ Und Jesus antwortet: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.

Da zeigt Jesus einen Ausweg aus der Hilflosigkeit. Den Ausweg in Gottes neue Welt. Wir bleiben den Menschen und den Dingen nicht ausgeliefert, die uns hilflos machen. Sie haben nicht die letzte Macht über uns, sondern Gott, der uns mit Jesus in die Welt führt, in der seine Macht und Hilfe zweifelsfrei da ist.

Das ist keine Vertröstung auf das Jenseits – wie man vielleicht vermuten könnte. Dass wir das, was uns hilflos macht, einfach ignorieren würden. Darum geht es nicht, sondern darum: Wovon lassen wir uns bestimmen? Von den Menschen oder Dingen, vor denen wir uns hilflos fühlen? Oder von der Perspektive auf Gottes Zukunft?

Wer sich von dieser Zusage Jesu leiten lässt: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Der kann auch jetzt schon denen entgegentreten, die uns einschüchtern wollen.

So wie Jesus, der in dieser Lage betet. Sich selbst Gott anvertraut mit den alten Psalmworten: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Und in diesem Vertrauen auf Gott sogar für seine Verfolger betet. Wer für den betet, der uns hilflos machen will, der verändert die Situation. Der vertraut nämlich den Gegner Gott an. Zeigt damit: Es gibt einen Stärkeren als Dich. Einer, gegenüber dem du hilflos bist. Mir fällt da der Siebtklässler ein, der kurz nach der US-Wahl im Schulgottesdienst vor Weihnachten sagte: „Ich bete für Donald Trump“ – und das auch tat. Oder die Tatsache, dass die Nazis in der Regel Pfarrer verfolgten, die Hitler in Fürbittgebete einbezogen haben. Fürbitte für scheinbar Allmächtige ist ein Schritt, sie auf Normalmaß zu bringen.

Und dann gibt es die beiden Männer die merken: Gerade der hilflose Jesus ist der, der uns helfen kann. Weil er die Verbindung hält zu Gott mitten im Leid. Weil durch ihn Gott in unsere Hilflosigkeit kommt. Es ist der Verbrecher, der mitgekreuzigt wird und sagt: „Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Der zweite ist der römische Offizier unter dem Kreuz. Der sagt: „Ja, das war ein gerechter Mensch.“

Hilflos fühlen wir uns dann, wenn unsere menschlichen Handlungsmöglichkeiten an ihr Ende kommen. Wir können dann resignieren. Wir können zwischen Verzweiflung und Zynismus schwanken wie viele derer, die Jesu Kreuzigung sahen. Aber damit verändern wir unsere Situation nicht. Wir lassen vielleicht Frust ab, aber bleiben hilflos. Wer aber wie der Verbrecher und der Römer vertraut: Gott hält zu uns die Verbindung im Leid. Er bahnt einen Weg aus der Sackgasse der Hilflosigkeit in sein Reich, ins Paradies – der resigniert nicht. Wer betet: Jeus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Oder: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Der findet Wege, wo andere nur Mauern sehen. Amen.