14. April 2019 - Palmsonntag


Predigt zu Jesaja 50,4-9

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.

Liebe Gemeinde!

Jeden Tag begegnen uns viele Menschen. Menschen, mit denen wir in Kontakt treten – ganz automatisch. Geplant: unsere Familienmitglieder, die Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit, Klassenkameraden. Dazu führen wir je nach Tätigkeit Kundengespräche oder Teambesprechungen, sind in Vereinsvorständen oder Elternbeiräten, treffen Menschen im Seniorenkreis oder im Zug zur Arbeit, an der Kassenschlange im Supermarkt oder begegnen ihnen auf der Straße. Manchmal muss man auch eine öffentliche Rede halten – so wie ich heute Morgen vor Ihnen. Oder schreiben Mails oder WhatsApp. Manche telefonieren sogar hin und wieder.

Ein kluger Mensch hat gesagt: Man kann nicht nicht kommunizieren. In irgendeiner Weise treten wir zueinander in Kontakt. Meist durch Worte. Doch da beginnen ja oft unsere Probleme. Was rede ich mit dem anderen?

Denn wir wissen: Worte können guttun. Es ging mir mal als Student in München so. Es waren Semesterferien – also keine Vorlesungen und Seminare, wo ich Studienkollegen treffen konnte. Mein WG-Mitbewohner mache Praktikum in Düsseldorf – ich war also alleine zu Hause. Ich musste eine Hausarbeit schreiben und saß den ganzen Tag am Schreibtisch. Nach zwei Tagen merkte ich: Ich habe mit niemand gesprochen. Die Decke fiel mir fast auf den Kopf. Ich fand einen Grund, in die Uni-Bibliothek zu fahren – nur damit ich endlich wieder jemand zum Reden hatte. Sicher ein Extremfall – aber mir wurde deutlich: Wir sind darauf angewiesen, mit anderen zu reden. Sonst geht es mir schlecht.

Aber die Kehrseite des Redens ist: Worte können auch nerven. Weil uns jemand volltextet. Als ich meine Frau kennen lernte, hatte sie von mir den ersten Eindruck: Was ist denn das für ein Schwätzer? Schon die Balance zwischen zu viel und zu wenig reden, fällt schwer.

Dazu: Worte können trösten oder verletzen, zum Lachen bringen oder traurig machen. Missverständnisse gibt es rasch: Manchmal regt mich die Aussage eines anderen fürchterlich auf, obwohl es ganz anders gemeint war. Und umgekehrt. Jemand bekommt in den falschen Hals, was ich gesagt habe. Es gibt Dinge, die ich gesagt habe – und es mich hinterher fürchterlich ärgert, dass ich nicht meine Klappe halten konnte. Und es gibt Situationen, da habe ich mich nicht getraut, etwas zu sagen – was mich danach ebenso geärgert habe über mein Schweigen.

Wie also richtig reden? So dass es anderen hilft. Wie richtig auf das reagieren, was andere sagen? Dass ich nicht unnötig verletzt oder gekränkt werde. Dass Missverständnisse rasch ausgeräumt werden?

Ich muss mich dem anderen gegenüber öffnen, bereit sein auf ihn zuzugehen. Dann mache ich mich jedoch zugleich angreifbar und verletzlich. Manchmal muss ich den anderen in Ruhe lassen, weil er von mir nicht genervt und vollgelabert werden will.

Diese Spannung zwischen sich Öffnen und sich Abgrenzen durchzieht auch das Gedicht des Knechtes Gottes, das wir gerade aus dem Jesaja-Buch gehört haben.

Einerseits wendet er sich im Auftrag Gottes den Menschen zu. Soll die müde gewordenen und enttäuschten Israeliten in der Verbannung in Babylonien ermutigen und aufrichten. Offen auf Menschen in Not zugehen.

Andererseits erlebte er Ablehnung und Feindschaft. Beschimpft, verleumdet, angespuckt, ja sogar geschlagen. Deshalb macht er sich hart wie ein Kieselstein.

Warum erlebt man Ablehnung, wenn man doch eigentlich dem anderen helfen will? Das hängt oft mit der Lebensgeschichte des anderen zusammen. Mit Verletzungen, Kränkungen, Enttäuschungen – und gar nicht mit uns selbst.

Wichtig ist, in solchen Situationen nicht aufgeben, sondern durchhalten. Wie kann man das? Dazu gibt dieses Lied des Knechtes Gottes einige Hinweise

Zunächst: Die großen und die kleinen Zeichen der Ablehnung, die offene und die versteckte Aggression – sie lassen sich ertragen in der Orientierung an Gott. Das Lied des Gottesknechtes beginnt ja bei seiner persönlichen Beziehung zu Gott. Gott weckt ihm Morgen für Morgen sein Ohr. Dass er Gottes Botschaft hört – ja wie ein Schüler bei Gott in die Schule geht.

Dieser tägliche Unterricht in Gottes Schule hat einen eigenen Bildungsplan: Wir werden von Gott gerecht gesprochen. In der Schulsprache: Wir bekommen eine gute Note vorweg – ohne Leistungsnachweis. Gott sagt mir Tag für Tag zu: Ich habe dich gut geschaffen. Ich habe etwas mit dir vor in meiner Welt. Ganz egal, ob du zufrieden bist mit dir. Egal, ob andere zufrieden sind mit dir. Egal, was andere dir sagen oder womit sie dich angreifen: Ich bin auf deiner Seite. Die Urteile und Taten der anderen Menschen vergehen, meine Liebe bleibt.

Daraus lernen wir als erstes Bildungsziel: Anderen mit der Liebe begegnen, mit der uns Gott begegnet. Durch unser Reden. Der Prophet spricht von einer geübten Zunge, einer durch Gottes Liebe trainierten Zunge. Dass wir müde, erschöpfte, traurige Menschen trösten können. Das richtige Wort zur richtigen Zeit finden.

Zum Training der Zunge gehört als Voraussetzung die Ausrichtung der Gedanken – nur dann finden wir die passenden Worte. Wenn wir unsere Mitmenschen mit den Augen der Liebe Gottes sehen und das dann äußern. Dankbar sind für das, was andere tun. Auch Kritisches liebevoll ansprechen.

Für das hebräische Denken gehören Worte und Taten zusammen – das bedeutet: Derjenige, der mit den Müden richtig reden kann, der handelt auch so, dass ihnen geholfen wird.

Diese Offenheit gegenüber den anderen ist das eine – dadurch aber werden wir auch verletzlich. Deshalb muss die Offenheit durch Härte ergänzt werden. Hart wie ein Kieselstein konnte der Knecht Gottes sich den Angriffen der anderen aussetzen. Dadurch konnte er seinen Auftrag auch gegen Widerstand ausführen.

Tatsächlich gehört das bis heute dazu: im richtigen Augenblick auch hart sein können. Schwieriges aushalten. Grenzen ziehen. Widersprechen.

Natürlich fällt das niemand leicht. Wir alle würden gerne ein Leben im grünen Bereich leben – ohne Stress, ohne Auseinandersetzungen, ohne Konflikte. Viel lieber Ja sagen als Nein. Leider ist das Leben nicht immer so im grünen Bereich. Dann bin ich gezwungen, zu etwas auch Nein zu sagen. Jemand deutlich zu machen, dass er mit seiner Verhaltensweise sich oder anderen schadet.

Beispielsweise helfen wir einem Alkoholkranken nicht, wenn wir seine Fehler ausbügeln und vertuschen, sondern nur, wenn wir ihn mit seinem Verhalten konfrontieren. Ihm klar machen, dass wir erst wieder mit ihm etwas zu tun haben wollen, wenn er sich in Therapie begibt.

Wir brauchen die Balance zwischen Offenheit und Härte, zwischen dem Zugehen auf andere und dem Abgrenzen. Das gelingt, wenn wir uns an Gott orientieren. Nach seinem Willen fragen. Nicht nach falscher Anerkennung gieren, aber auch nicht nach falschem Streit suchen. Wenn wir Tag für Tag uns auf Gott besinnen und in seine Schule gehen. Amen.