14. Januar 2018 - 2. Sonntag nach dem Erscheinungsfest


Predigt zu 1. Korinther 2,1-10

Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern wir reden, wie geschrieben steht: "Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben."

Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

Liebe Gemeinde!

Welche Menschen beeindrucken uns? Als wir Kinder und Jugendliche waren, häufig die Stars. Ob aus dem Bereich des Sports, der Musik, Film. Aber wenn man mal ein paar Jahre auf dem Buckel hat, merkt man, wie dieser beeindruckende Glanz der Stars verblasst. Die Fußballer des FC Schalke 04 aus meiner Kindheit, die ich gut fand, weil sie die Bayern-Jäger Nummer 1 in den frühen siebziger Jahren waren – nur wenige Jahre später versunken im Strudel des Bundesliga-Skandals. Wer kennt heute noch unsere Fernseh-Helden von Bonanza, Shilo-Ranch oder dem Einsatz in Manhattan? Auch wenn man sicher die alten Filme irgendwo im Netz finden kann. Als ich kürzlich mit Abiturienten ein Wiederholungsquiz spielte mit der Überschrift „Der große Preis“, da haben mich die Achtzehnjährigen groß angeschaut: Warum heißt das Ding der große Preis? Ich kam mir dann sehr alt vor, als ich von Wim Thoelke, Wum und Wendelin erzählte. Daran merken wir schnell: Stars und ihr Ruhm vergehen.

Heute beeindrucken mich ganz andere Menschen. Wenn ein Mann seine schwerkranke Frau über Jahre versorgt und mit immer neuen selbst gebauten Hilfsmitteln ihr das Leben erleichtert. Eine Schülerin, die sich mutig für ihre gemobbte Klassenkameradin einsetzt. Menschen im Rentenalter, die ihre neu gewonnene Freizeit dafür nutzen, sich um ihre pflegebedürftigen Eltern und um ihre Enkelkinder zu kümmern. Und diese Sandwich-Position über Jahre durchhalten. Jugendliche, die verlässlich Woche für Woche eine Gruppe leiten. Kurz: Alle die Menschen, die unsren Alltag menschlich machen, die die Belastungen des Lebens leichter machen. Natürlich stehen diese Leute nicht so im Rampenlicht wie die Stars aus Sport, Musik und Film. Aber wir sind auf diese Engagierten angewiesen, dass wir gut zusammenleben können. Während unser Leben ohne Promis vermutlich auch ganz gut funktionieren würde.

Also: Mut zum Unspektakulären, nicht Perfekten, nicht strahlend Glitzernden. So wie es der Apostel Paulus seiner Gemeinde in Korinth im eben gehörten Bibeltext verdeutlicht.

Dieser Paulus hatte offensichtlich nichts von einem Star an sich. Mit einer Krankheit behaftet, die ihn in seinem Tun oft einschränkte. Wir wissen nicht, was es war – aber so wie er schreibt, hat die Krankheit ihn sehr belastet. Seine Auftritte waren wohl auch keine perfekten Performances. Er litt unter Lampenfieber – zitterte, konnte seine Schwachheit nicht verbergen, hatte Angst. Es war kein rhetorisches Feuerwerk und keine beeindruckende Präsentation, was er – zumindest nach seiner eigenen Einschätzung – ablieferte. Und die Christen in Korinth hielten ihm das vor. Griffen ihn deshalb an – erklärten, dass andere Prediger besser ankommen.

Klar – ohne viel in sein Denken hineingeheimnissen zu müssen: Es wäre Paulus sicher auch lieber gewesen, er hätte souveräner auftreten können. Die Sympathien wären ihm leichter zugeflogen. Jeder von uns, der auch in der Öffentlichkeit auftreten muss, kennt den Neid auf andere, denen das offensichtlich viel besser gelingt als mir selber. Doch Paulus lässt dem Neid in seinen Sätzen keinen Raum. Sondern verweist auf die Innenseite. Im Bild gesprochen: Es kommt nicht so sehr darauf an, was ich im Schaufenster ausstelle, sondern auf das, was tatsächlich im Laden angeboten wird.

Und da bietet Paulus nur eines, ja nur einen: Christus, den Gekreuzigten. Auch Gott hat von außen betrachtet keine schillernde Performance hingelegt, um diese Welt zu retten. Kein Götterdrama wie in den antiken Mythologien der Griechen, Römer, Ägypter oder Babylonier. Auch keine Vergötterung von Menschen wie im römischen Kaiserkult oder bei den ägyptischen Pharaonen. Oder bei vielen anderen, die seitdem sich kultisch verehren lassen. Die Diktatoren, die gerne göttlich sein wollen. Die Stars, die zu Göttinnen der Musik, die Fußballer, die zu Flanken-Göttern, die Schauspielern, die für unsterblich erklärt wurden.

Ja – Menschen wollen gerne Gott sein. Gott aber wurde Mensch. Als Kind in einem Viehstall. Als Wanderprediger mit schillerndem Freundeskreis, der zu zwielichtigen Gestalten ins Haus ging. Als Verbrecher gekreuzigt. Abgelehnt. Weil die Menschen ihre Rettung und Hilfe von ganz anderen Figuren erwarteten. Wenn sie diese Weisheit Gottes erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt, schreibt Paulus.

Aber weil Gottes Weisheit so anders war als die Weisheit der Menschen, kann Gott gerade bei denen sein, die keiner beachtet. Die unbemerkt leiden. Wenn Gott mit seiner Kraft in die Armut eines Stalles, in die Verzweiflung des Kreuzes, in die Nacht des Grabes kommt, dann gibt es nirgends mehr einen Menschen, der fern wäre von Gottes Kraft. Darin zeigt sich Gottes Liebe. Und wer sich diese Liebe schenken lässt, wer Gott im Leid vertraut, der erkennt Gottes Nähe auch in ganz unspektakulären Dingen.

Gott kommt dann gerade zu denen, die nach unseren menschlichen Maßstäben gescheitert sind. Die versagt haben. Schuldig geworden sind. Nicht beachtet werden. Und kann durch diese Menschen etwas bewegen in unserer Welt. Weil dann klar wird: Wir bewegen in unserer Welt nichts durch unsere Kraft und Weisheit, sondern Gott bewegt mit seiner Kraft diese Welt. Und gebraucht uns – trotz unserem Versagen, mit unserem Versagen und durch unser Versagen. Gerade auch durch unsere Schwäche.

Ein ganz merkwürdiges Erlebnis hat mich lange beschäftigt – ich habe vermutlich schon davon erzählt: Vor vielen Jahren noch als Pfarrer im Hohenlohischen machte ich im Krankenhaus in Schwäbisch Hall meine Besuche. Da traf ich auf dem Flur eine Frau aus einer Nachbargemeinde, die ich flüchtig kannte. Wir sprachen kurz miteinander. Sie wartete auf ihre Untersuchung im Computertomographen und machte sich Sorgen über den möglichen Befund. „Herr Erhardt, denken Sie an mich, dass ich die Kraft bekomme!“ Ich versprach das zum Abschied, wünschte alles Gute und ging weiter zu meinen Besuchen. Rasch hatte ich das Gespräch vergessen. Wochen später hielt ich in jener Nachbargemeinde einen Bibelabend. Da kam diese Frau auf mich zu: „Herr Erhardt, vielen Dank, dass Sie an mich gedacht haben da im Krankenhaus. Ich habe so viel Kraft bekommen, alles ist gut verlaufen!“ Ich weiß nicht, mit welchem Gesicht ich der Frau zugehört habe. Beschämt, peinlich berührt, verwirrt. Da hat sich etwas bei ihr verändert, obwohl ich nichts dazugetan habe. Aber Gott offensichtlich unser Gespräch benutzt hatte, sie zu ermutigen – obwohl ich rasch mit meinen Gedanken wo anders war.

Gottes Kraft wirkt sich in unserem unspektakulären Leben aus. Obwohl wir äußerlich gesehen andere Menschen so oft enttäuschen. Obwohl wir so häufig an unseren Grenzen und Schwächen leiden. Obwohl wir keine Promis und Stars sind. Aber wer seine eigenen Schwächen kennt, nicht mehr ins Schaufenster legt als er im Laden hat, verlässt sich umso mehr auf Gottes Kraft. Und traut sich, trotz aller Unzulänglichkeiten, sich zu engagieren.

Diese Menschen, von denen ich vorher erzählt habe, waren nicht perfekt. Sie kommen an ihre Grenzen. Das gilt für pflegende Angehörige, für Mitarbeitende in Kirchengemeinden und Vereinen, für solche, die sich für ein gutes Klima in Schulklassen und Kollegenschaften einsetzen. Oft genug werden sie dafür angegriffen, müssen sich – wie Paulus in Korinth – ihre Fehler und Schwächen vorhalten lassen. Aber gerade deshalb sich nicht engagieren, um Anerkennung und Bewunderung zu bekommen. Sondern weil die Arbeit getan werden muss. Weil dadurch das Leben menschlicher und leichter wird. Wer sich von Gottes Geist und Kraft getragen weiß, braucht nicht den Beifall und die Anerkennung von Menschen.

Denn: Dieser Beifall verebbt, der Ruhm der Stars verblasst, die Liebe, die wir anderen schenken jedoch bleibt. Amen.