14. Mai 2017 - Cantate


Predigt zu Matthäus 21,14-17

Und es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen: "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet"? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Liebe Gemeinde!

Sie kennen vermutlich den alten Witz: Die Familie sitzt nach dem Essen gemütlich im Esszimmer. Die Mutter schuftet mit dem dreckigen Geschirr in der Küche. Dann der Satz eines Familienmitglieds: Mama, ich kann nicht mit ansehen, wie du arbeiten musst – mach bitte die Küchentür zu!“

Was hier ein schlechter Witz ist, geschieht oft in unserer Welt: Wir machen die Tür zu, damit wir vom Leid in dieser Welt nichts sehen und nichts hören. Wir wollen doch in einer harmonischen Welt leben – da stören uns disharmonische Töne der Klage oder der Anblick von Leid.

Ich hatte in der früheren Gemeinde in den Außenorten ohne Gottesdienst im Winterhalbjahr einmal im Monat Bibelstunde. In einer der Ortschaften, in der ein Altersheim war, kam ich auf die Idee, die Bibelstunde im Altersheim anzubieten, damit die Bewohner auch etwas davon hatten. Nach ein paar Versuchen wollten das die – meist älteren – Menschen aus dem Ort nicht mehr. Sie hielten den Anblick der oft sehr gebrechlichen Altersheimbewohner nicht aus. Lieber bleibt die Tür zum Seniorenheim zu.

Oder: Man hört ja in der Flüchtlingsdiskussion oft den Satz: Besser die Fluchtursachen bekämpfen als Flüchtlinge hier aufzunehmen. Selbstverständlich ist das besser, wenn Menschen in ihrer Heimat gut und sicher leben könnten. Aber dazu müssten wir vom reicheren Teil der Welt bereit sein, den ärmeren mehr abzugeben. Das geschieht aber auch nicht. So versucht man, Flüchtlinge aufzuhalten, aber dennoch nichts abzugeben. Das ist auch so eine Tür-zu-Mentalität: Ich kann nicht mit ansehen, wie du leidest – also mach die Tür zu und bleibe außerhalb meiner Sichtweite und Hörweite.

Aber diese Haltung: Wenn ich etwas nicht sehe oder höre, stört es mein Harmoniebedürfnis nicht, weil es dann für mich nicht existent ist – so einfach ist sie nicht: Denn die Probleme holen mich irgendwann ein. Sie drängen sich durch die geschlossene Tür durch.

Im vorher gehörten Bibelwort lässt Jesus sich nicht darauf ein, die Tür zu schließen. Sondern er lässt sich darauf ein – auf die Not der Blinden und Gelähmten, auf die Rufe der Kinder. Eigentlich sollte ihnen die Tür verschlossen bleiben zum Tempel. Kinder, die noch nicht verstehen, worum es dort geht. Blinde und Lahme, weil angeblich sie den König David hätten abwehren können bei seiner Eroberung Jerusalems – deshalb ließ man sie nicht in den Tempel. Doch Jesus schenkt den Gelähmten neue Bewegungsfreiheit, öffnet die Augen der Blinden, lässt sich das Lob der Kinder gefallen.

So die Tür zu öffnen, ist zunächst unbequem und macht Mühe. Die Tür aber nicht zu öffnen, schafft noch mehr Probleme. Denn ein Problem löst sich nie durch Verdrängen.

Aber selbstverständlich kann niemand von uns alle Probleme aller Menschen lösten, offene Türen für alle Nöte haben, offene Herzen, Augen, Ohren und Hände für alle, die Hilfe brauchen. Wer sich zu viel aufhalst, wird am Ende niemand helfen.

Deshalb ist wichtig: Es ist Jesus, der hier hilft. Der von den Kindern als Retter, als Sohn Davids gepriesen wird. Der also als von Gott gesandter Gottessohn die Tür öffnet für die Menschen, die ihn brauchen. Der mit Gottes Kraft bei den Menschen ist. Deshalb zitiert er ja auch den Psalm, den wir vorher als Lesung gehört haben: von Gott, der aus dem Lob der Kinder und Unmündigen eine Kraft macht. Es ist Gottes Kraft, die den Blinden und Gelähmten hilft.

Wenn wir uns das klarmachen, wird uns deutlich: Nicht wir sind es, die die Nöte der Welt heilen können. Es ist Gott mit seiner Kraft, die in Jesus in der Welt Gestalt gewonnen hat. Das ist eine Absage an alle Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Denn es ist niemand geholfen, wenn der Helfer erschöpft zusammenbricht. Das sage ich oft pflegenden Angehörigen, wenn sie sich bei der Pflege kaputt machen. Lieber mal andere in der Familie um Entlastung bitten oder die Kurzzeitpflege in Anspruch nehmen.

Dann können wir auch unsere Tür leichter öffnen. Weil wir keine Angst vor Überforderung haben müssen. Sondern so viel tun können, wie uns möglich ist. Das bedeutet für die Beispiele vom Anfang: Wir können sicher nicht wie Jesus Blinde sehend machen und Gelähmte gehend. Das können wir getrost in Gottes Hände legen. Aber wir können Menschen die Augen öffnen, die nicht mehr über ihre Probleme hinwegsehen. Menschen neue Spielräume eröffnen, die wie gelähmt sind von ihrer Sorge.

Ich denke da an eine junge Frau, die in meinem Ulmer Büro stand und Geld wollte. Weil sie arbeitslos und ungewollt schwanger alleine dastand und nicht mehr über ihre finanzielle Klemme hinwegsah. Ich sagte ihr dann: Wenn ich Ihnen jetzt 30, 50 oder 100 Euro gebe, dann stehen Sie in wenigen Tagen wieder da und haben dasselbe Problem. Besser ist, ich mache ihnen einen Beratungstermin in der Diakonischen Bezirksstelle. So machten wir es dann. Die Beraterin ging mit ihr alle Anträge und Hilfsmöglichkeiten durch. Sie sah wieder Land und konnte die nächsten Schritte tun.

Oder beim Beispiel vom Altersheim. Natürlich beschäftigt auch mich die Not der Menschen dort. Die Macht von Alter, Krankheit und Vergänglichkeit kann ich nicht stoppen – da hat Jesus, der Auferstandene den Weg frei gemacht zur neuen Welt Gottes. Aber wenn ich mir Zeit nehme für einen Besuch, dann entdecke ich, was diese gebrechlichen Menschen noch können. Wir erleben es im Gottesdienst beim Singen, beim Beten von vertrauten Psalmen und dem Vaterunser. Oder irgendwann habe ich bei meinen Geburtstagsbesuchen bei Demenzkranken in meiner Not, weil ich nicht wusste, was man reden sollte, einfach die Geburtstagshefte mit den Leuten angeschaut und vorgelesen – viele reagieren auf die Bilder oder die vertrauten Bibelworte. Bei anderen recht, sich auf deren Welt einzulassen. Mich aber dann wieder zu lösen nach dem Besuch und Abstand gewinnen – mich nicht von den Nöten auffressen lassen.

Und das Beispiel der Flüchtlingshilfe: bestimmten Menschen helfen oder an begrenzten Projekten mitwirken. Mit meiner Spende die Hilfe in den Herkunftsländern und hier unterstützen. Also im Rahmen meiner Möglichkeiten etwas tun und das andere getrost Gott überlassen. Weder sagen: Man kann eh nichts machen, deshalb lasse ich es. Noch: Ich versuche, möglichst vielen zu helfen – und mich dabei kaputt mache.

Wenn ich auf Gottes Hilfe und auf Gottes Nähe vertraue, kann ich die Tür öffnen und auch wieder schließen – so gut, wie es geht. Weil ich dann nicht nur mich, meine begrenzten Möglichkeiten und die unendliche Fülle der Notlagen sehe. Sondern Gottes Möglichkeiten, an denen ich teilhaben kann. Dieses Vertrauen ermutigt mich.

Die Kinder äußern in unserem Predigttext dieses Vertrauen in ihrem Rufen angesichts der Wunder Jesu: „Hosianna dem Sohn Davids.“ Hilf du – der mächtige Helfer.

Cantate heißt dieser Sonntag – singt! Singt wie die Kinder hier von Gottes Wunderkraft. Singt aber auch eure Klagelieder, wo ihr nicht mehr weiterwisst. Zum Singen der Gemeinde Jesu Christi gehören beide Aspekte des „Hosianna“-Rufs. Die Bitte um Hilfe und das Lob, das Kyrie eleison und das Gloria, das „Herr, erbarme dich“ und das „Ehre sei Gott in der Höhe.“ So finden wir Mut, Türen zu öffnen. Amen.