15. Dezember 2019 - 3. Sonntag im Advent


Predigt zu Jesaja 45,1-8

Der HERR sagt zu Kyrus, den er gesalbt und zum König eingesetzt hat:

»Ich habe dich bei der Hand genommen und stehe dir zur Seite. Ich unterwerfe dir die Völker und nehme ihren Königen die Macht; ich öffne dir Türen und Tore. Ich selbst gehe vor dir her und beseitige alles, was dir im Weg steht. Die bronzenen Türen schlage ich in Stücke und zerbreche die eisernen Riegel. Ich liefere dir die verborgenen Schätze und die versteckten Vorräte aus.

Daran sollst du erkennen, dass ich der wahre Gott bin, dass der HERR, der Gott Israels, dich beim Namen gerufen und in seinen Dienst gestellt hat. Obwohl du mich nicht kennst, habe ich dich berufen und verleihe dir einen Ehrennamen; denn durch dich will ich meinem Diener und Schützling Israel helfen, der Nachkommenschaft Jakobs, die ich erwählt habe. Ich bin der HERR, ich bin der Einzige, außer mir gibt es keinen Gott. Ich gebe dir die Macht, obwohl du nichts von mir weißt.

Überall auf der ganzen Erde sollen sie erkennen, dass ich allein Gott bin, ich, der HERR, und sonst keiner. Ich mache das Licht und ich mache die Dunkelheit; Glück wie Unglück kommen von mir. Ich, der HERR, bin es, der dies alles vollbringt.

Öffne dich, Himmel! Sende Rettung auf die Erde herab wie Regen! Die Erde lasse Heil und Frieden aufsprießen! Dies bewirke ich, der HERR, der Schöpfer.«

Liebe Gemeinde!

Die Adventszeit ist immer auch die Zeit, in der wir Türen öffnen. Die des Adventskalenders, um unsere tägliche Schokoladenration bis zum Heiligen Abend zu bekommen. Am Heiligen Abend selber die Türe zum Weihnachtszimmer. Kinder voller Spannung und Vorfreude, was sie da an Geschenken erwartet. Manchmal auch die Türen zur eigenen Wohnung – wir empfangen Besuch. Oder Türen zu anderen Wohnungen, weil wir andere besuchen.

Wenn wir Türen öffnen oder durch Türen hindurchgehen, dann überschreiten wir automatisch Grenzen. Die Grenzen in die Wohnung eines anderen. Zugleich lassen wir andere in unsere Nähe kommen. Lassen sie die Grenze zu unserem privaten Bereich überschreiten. Und auch die Türen im Adventskalender und zum Weihnachtszimmer symbolisieren eine Grenzüberschreitung. Wie ich am Morgen meinen Adventskalender leere, gehe ich in das unbekannte Gebiet des Tages, der vor mir liegt. Wie ich gespannt und erwartungsvoll das Weihnachtszimmer betrete, so gehe ich in die Zukunft – gespannt und erwartungsvoll. Hinter der Tür kommt immer etwas, das ich noch nicht kenne. Das macht Türen so spannend.

Deshalb sind unsere Türen in der Adventszeit immer zugleich Zeichen für das, was Gott für uns tut. Gott öffnet Türen und kommt zu uns – hält Advent, Ankunft. Damit zugleich: Gott überscheitet die Grenzen zu uns Menschen, kommt uns ganz nahe. Überschreitet sogar Grenzen, die uns unüberwindlich scheinen. Und Gott öffnet die Türen zur Zukunft. Mit ihm dürfen wir gespannt und erwartungsvoll in das Unbekannte gehen, das vor uns liegt. Advent bedeutet ja zugleich Zu-Kunft.

Was das bedeutet: Gott öffnet Türen. Das erkennen wir im eben gehörten Prophetenwort. Die Israeliten waren von den Babyloniern besiegt worden. Jerusalem und der Tempel zerstört. Die Oberschicht war nach Babylonien verschleppt worden. Fünfzig Jahre waren sie bereits dort. Da kommt es zu einer weltgeschichtlichen Wende. 539 vor Christus taucht eine neue Weltmacht am Horizont auf: Die Perser, die Babylonien angreifen. Der König Kyros erobert die Länder und sorgt dafür, dass die Menschen wieder heimziehen dürfen. Viele fragen sich: Was bedeutet diese neue Weltmacht für uns? Da übermittelt der Prophet das Wort Gottes.

Kyros, der fremde König, ist Gottes Gesalbter, sein Werkzeug. Gott gibt dem Perserkönig Kraft, indem er ihn bei der Hand nimmt. Das, was früher von den Königen Israels gesagt wurde, wird nun auf den König eines fremden Volkes übertragen. Der, der Gott nicht kennt, wird von Gott bei seinem Namen gerufen. Beauftragt. Gott öffnet für ihn Türen zu anderen Völkern, zu den verborgenen Schatzkammern Babylons, zu einer neuen Zukunft. Kyros erobert Babylon und die Israeliten dürfen wieder heimkehren.

Damit macht Gott klar: Ich öffne die Türen für euch. Gott öffnet:

  1. die Tür zum Fremden
  2. die Tür zu sich selbst
  3. die Tür zur Zukunft.

Erstens: Gott öffnet die Tür zum Fremden. Wie gesagt: der Perserkönig wird vom Gott Israels beauftragt. Bekommt Türen geöffnet zu anderen Völkern. Kann Grenzen überschreiten. Mauern bilden keine Hindernisse mehr, Abwehranlagen werden durchlässig.

Doch wir Menschen schließen gerne Türen, errichten Mauern, wehren andere ab. Gerade, wenn andere uns fremd erscheinen, grenzen wir uns ab.

Anfang des Jahres hatte ich an einem Sonntag predigtfrei und ging als Gottesdienstbesucher in unsere Niederstotzinger Andreaskirche. Ich ging auf die massive Eingangstür zu, musste sie öffnen, komme in einen Vorraum, wo kein Mensch ist. Öffne die nächste Tür und sehe nur den Rücken der Gottesdienstbesucher vor mir. Muss mir mein Gesangbuch nehmen und setze mich in die Bankreihe. Keiner nimmt Notiz von mir. Klar, als sich jemand zu mir umdreht und mich erkennt, begrüßt er mich. Doch ich frage mich: Was wäre passiert, wenn ich wirklich ein fremder Gottesdienstbesucher wäre? Dann hätte mich vermutlich niemand angesprochen.

Da fiel mir ein, was einer unserer Nachbarkollegen von seiner Schwester erzählte: Sie – Pfarrerskind und kirchlich engagiert – war in eine neue Stadt gezogen. Am ersten Sonntag ging sie in die Kirche. Keiner nahm Notiz von ihr. Das zweite Mal ebenso. Und noch das dritte Mal. Seitdem geht sie in eine Freikirche, wo sie sofort herzlich begrüßt wurde. Oder der Ruhestandskollege, der völlig irritiert war, dass in der Kirchengemeinde, in der er seine Ruhestandswohnung bezogen hatte, keiner von ihm Notiz nahm Als er das seinen erwachsenen Kindern erzählte, meinten sie nur: „Jetzt weißt du endlich, wie es uns immer erging, wenn wir irgendwo neu zugezogen waren.“

Wenn wir einem Gott vertrauen, der Türen zu Fremden öffnet. Der weiter geht als unsere Grenzen, dann muss das Konsequenzen haben für die Türen unserer Kirchen und Gemeinderäume – wenn schon nicht für unsere Wohnungstüren. Sonst werden wir als Gemeinde des Gottes, der Türen öffnet und Advent hält, unglaubwürdig.

Das Zweite: Gott öffnet die Tür zu sich selbst. Er sagt zu Kyros: „Ich rief dich bei deinem Namen, obwohl du mich nicht kanntest. Ich bin der Herr und außer mir ist keiner. Ich rüstete dich aus und du kanntest mich nicht.“ Bevor Kyros Gott erkennt, hat Gott ihn bereits erkannt. Beauftragt. Ergriffen.

Kyros und jeder andere können zu Gott nur kommen, wenn zuvor Gott die Türe öffnet. Gott kann sogar Menschen gebrauchen, die sonst mit Gott wenig am Hut haben. In einer meiner früheren Gemeinden wohnte die Mesnerin direkt neben der Kirche. Ihr Mann ging nur sehr selten in den Gottesdienst. Aber an einem Morgen als ich vor dem Gottesdienst mein Auto vor der Kirche abstellte, kam er zu mir und meinte: Herr Erhardt, Ihr linkes Vorderlicht ist kaputt. Geben Sie mir Ihren Autoschlüssel, so lange Sie in der Kirche sind, repariere ich Ihr Licht. Nach dem Gottesdienst hatte ich wieder meinen Autoschlüssel und eine funktionierende Beleuchtung. Auch ein Werkzeug Gottes.

Und im Advent denken wir Christen daran: Gott hat die Türen geöffnet durch Jesus Christus. Gott ist uns ganz nahegekommen, bevor wir zu ihm kommen können. Unser Weg zu Gott ist frei.

Das Dritte: Gott öffnet die Tür zur Zukunft. Wie gesagt: was hinter einer Tür kommt, wissen wir nie sicher. So ist auch unsere Zukunft wie hinter einer Tür verborgen. Den Israeliten damals in Babylonien, die nicht wussten, wie es weitergeht, hat Gott durch Kyros eine neue Zukunft in Freiheit eröffnet. Licht und Dunkel, Schönes und Schweres liegen in Gottes Hand. Wie Tau und Regen vom Himmel kommt, so lässt Gott zuverlässig seine Nähe auf uns kommen.

Diese Zukunft der Israeliten war nicht nur hell, nicht nur friedlich, nicht nur gut. So wie auch unsere Zukunft immer durchmischt ist: Helles und Dunkles, Schönes und Schwieriges, Frieden und Streit warten auf uns. Gott verspricht nicht: Hinter der Tür zur Zukunft wartet nur Gutes. Aber er verspricht: Ich öffne die Tür und begleite dich durch Schönes und Schweres.

So können wir in jeden neuen Tag gehen. Zuversichtlich uns am Morgen sagen: Du Gott, öffnest mir die Tür zum neuen Tag. Du bist da bei den Aufgaben, die auf mich warten. Du bist auch bei den Menschen, die mir heute begegnen. Hinter der Tür zur Zukunft wartet nicht ein blindes Schicksal, warten keine bösen Menschen. Sondern Gott mit seiner Gerechtigkeit – also seiner Treue zu uns Menschen. Zukunft heißt nicht: Es kommt irgendetwas auf mich zu. Sondern Gott kommt auf mich zu – das bedeutet Advent.

Advent heißt: Gott öffnet die Tür – zum Fremden, zu sich, zur Zukunft. Und wir gehen mit Gott hindurch. Amen.