16. April 2017 - Ostersonntag


Predigt zu Lukas 24,36-47

Als die Jünger aber davon redeten, trat Jesus selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm's und aß vor ihnen.

Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden, und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass der Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern.

Liebe Gemeinde!

Ein Kollege – selber Pfarrerskind – erzählte mir kürzlich, wie seine Schwester in einen neuen Ort zog. Sie ging am Sonntag zum Gottesdienst – keiner sprach sie an. Am nächsten Sonntag wieder – ebenso wenig eine Reaktion. Als es am dritten Sonntag wieder so war, ging sie in eine Freikirche. Dort wurde sie gleich freundlich begrüßt und aufgenommen – seitdem engagiert sie sich dort. Mir fiel dann ein Ruhestandskollege ein, der innerhalb der Stadt, in der er in seinen letzten Dienstjahren tätig war, in seine Ruhestandswohnung umgezogen war. Er war befremdet, dass dort in der Kirchengemeinde keiner etwas von ihm wissen wollte. Als er das befremdet seinen erwachsenen Kindern schilderte, meinten die nur: „Jetzt weißt du, wie es uns bei jedem Umzug ging.“

Mich haben diese Schilderungen nachdenklich gemacht. Würde ich mich als Pfarrer gegenüber jemand Neuem offener verhalten als die Kollegen in den besagten Gemeinden? Wären wir als Gemeinde offen genug, jemand der neu zu uns kommt, anzusprechen? Oder genügen wir uns selbst? Sind so mit uns und unseren Problemen beschäftigt, dass wir nicht mehr über unseren Tellerrand blicken?

Dieses sich ins Vertraute Zurückziehen, sich einigeln, die eigenen Themen zu verhandeln – das ist heute nicht nur in der Kirche sehr verbreitet. Je unübersichtlicher und unsicherer unsere Welt um uns erscheint, desto mehr sehnen wir uns nach dem Vertrauten. Das spüren Möbelhäuser – die Menschen richten sich aufwändig in ihren vier Wänden ein. Rückzug ins behaglich eingerichtete Private.

Diese Reaktion auf Verunsicherung scheint nichts Neues zu sein. Bereits von den Jüngern Jesu am Ende des ersten Ostersonntages wird das berichtet. Was sie erlebt und gehört hatten, verwirrte sie. Erst die Kreuzigung Jesu – das eigene Leben nun auch bedroht. Dann die Nachrichten vom leeren Grab durch die Frauen und Petrus. Was ist davon zu halten? Wie soll es weitergehen? Vermutlich drehten sich die Gespräche im Kreis. Selbstbeschäftigtes Kreisen um sich selbst – häufig eine Reaktion auf Unsicherheit.

Doch da tritt Jesus in ihre Mitte. Er durchdringt die Abschottungen und öffnet Türen. Aber das steigert zunächst nur die Verwirrung der Jünger. Spinnen wir jetzt Hirngespinste?

Doch Jesus zeigt sich ihnen. Er wünscht Frieden. Lässt sich anfassen. Isst mit ihnen. Legt ihnen die Schrift aus. Er stellt sozusagen die alte Gemeinschaft her – wie früher, wo sie miteinander unterwegs waren. Wo er ihnen in Gleichnissen und Predigten von Gott erzählte. Wo sie miteinander gegessen haben. Dadurch nimmt er die Furcht.

Das ist das erste, was uns befreit vom selbstbezogenen Kreisen um uns selbst. Wenn Jesus zu uns kommt. Uns anspricht. Bei uns ist. Sein Wort zu uns redet. Uns an seinen Tisch einlädt. Wenn wir Gottesdienst feiern, hören wir sein Wort, feiern sein Mahl, lassen uns im Segen seinen Frieden zusprechen. Das ist wie ein Gegengift gegen alles, was uns verunsichert.

Aber reicht das schon? Die Erfahrungen, die ich am Anfang geschildert habe, sprechen dagegen: Da waren Gottesdienstgemeinden, die ja sicher auch das Wort des Christus gehört hatten, sein Mahl gefeiert haben, denen der Frieden im Segen zugesagt wurde. Und dennoch nahmen sie die neuen Gesichter nicht wahr oder sahen über sie hinweg.

Doch die Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern reicht weiter. Jesus gibt ihnen den Auftrag, seine Nähe und seine Vergebung allen Menschen zu sagen. Im Lukas-Evangelium geht es jetzt rasch zum Missionsbefehl, zu Himmelfahrt und in der Fortsetzung – der Apostelgeschichte – zu Pfingsten. Vorher ängstliche Jünger werden mutige Zeugen.

Wie kann das auch bei uns geschehen? Wenn wir uns vom auferstandenen Christus senden lassen. Wenn wir wahrnehmen, dass er mit seinem Frieden bei uns eintritt. Die Wände, mit denen wir uns abgrenzen, und die Türen, die wir verschließen, durchlässig macht. Das geschieht dann, wenn wir uns klar machen: Mit jedem, der neu zu uns kommt, will Jesus, der Auferstandene, uns etwas zeigen. Tritt er selbst in unsere Mitte.

Wenn wir auf die Menschen neugierig zugehen. Die uns vielleicht durch Taufen, Trauungen, Konfirmandenarbeit, Kindergarten in unseren Gottesdienst geführt werden. Das nicht als Störung unserer Routine begreifen, sondern als Chance, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Kirchenkaffee und Mittagessen nach dem „Gottesdienst für dich“ sind solche Chancen.

Dann aber wie die Jünger auch nach draußen gehen. In der evangelischen Landeskirche in Württemberg besuchen circa 5% aller Gemeindeglieder den Gottesdienst. Da die Chancen nutzen, die uns als Volkskirche mit den anderen 95% in Kontakt bringen.

Der Auferstandene sendet seine Jünger in den Alltag und begegnet ihnen im Alltag. Dietrich Bonhoeffer schrieb es in einem Brief aus dem Gefängnis so: „Die christliche Auferstehungshoffnung unterscheidet sich darin von der mythologischen, dass sie den Menschen in ganz neuer Weise an sein Leben auf Erden verweist.“

Nehmen wir unser alltägliches Leben, mit dem was wir tun und vor allem mit den Menschen, die uns begegnen, als Orte der Auferstehung. Zurückstellen, was uns beschäftigt. Nicht immer dieselben Dinge mit denselben Menschen reden oder tun. Sondern uns auf den Fremden, Unbekannten einlassen. Zuhören und dann erst reden.

Das können wir tun, weil der lebendige Christus in unsere Mitte tritt. Uns Frieden zusagt im Wort, im Mahl und Segen. Und in diesem Frieden zu anderen gehen und ihnen ebenso zusagen: Friede sei mit euch. Amen.