16. November 2016 - Buß-und Bettag


Predigt zu Römer 2,1-11

Liebe Gemeinde!

Nicht nur Jugendliche werden ständig beurteilt und urteilen ständig über andere – so wie Ihr uns das vorher gezeigt habt. Auch sonst: Bestelle ich etwas über Amazon, kommt kurze Zeit später die Mail: Bewerten Sie Ihren Einkauf! Suche ich ein Restaurant oder einen Zahnarzt über Google leuchten neben der Adresse mehr oder weniger viele Sterne auf, je nach der Beurteilung im Netz. Und wir wissen, dass viele Firmen sich professionell gute Beurteilungen erstellen lassen. Und umgekehrt: Dass jemand, der einem anderen schaden will, schlechte Beurteilungen ins Netz stellt.

Ebenso: wir bewerten auch unterschwellig ständig andere. Wir beurteilen sie nach ihrer Kleidung, ihrem Aussehen, der Art und Weise, wie sie reden. Ständig werden andere von uns einsortiert, beurteilt – oft genug sogar verurteilt. Ganz abgesehen von den Schimpfkanonaden, die wir als Autofahrer hinter der Windschutzscheibe über andere Verkehrsteilnehmer herunterprasseln lassen. Die anderen hören es ja nicht – genauso wenig wie wir das hören, was sie über uns sagen.

Warum urteilen wir oft so hart über andere? Klar, manchmal ist es einfach der Ärger über viele Hausaufgaben, eine schlechte Note, den Straßenverkehr, meine Zahnschmerzen oder ein Essen im Lokal, das einfach nicht gelungen ist. Da ist das Schimpfwort über den Lehrer, den Verkehrsteilnehmer, den Zahnarzt oder den Koch nur das Ventil, um Dampf abzulassen. Besser wäre natürlich, dem Ärger auf den Grund zu gehen und die Ursache abzustellen.

Manchmal aber urteilen wir über andere so hart, weil wir uns selber dadurch etwas besser machen wollen. Wenn ich die Fehler anderer kritisiere, erscheinen meine Fehler in einem milderen Licht. Da andere das aber mit uns auch so machen, erscheint unsere Gesellschaft so gnadenlos. Toleriert kaum Fehler anderer. Doch letztlich sind wir Menschen mit Fehlern und Schwächen, wie auch die anderen ihre Fehler und Schwächen haben. Durch harte Beurteilungen und Verurteilungen ändern wir das nicht. Wir müssen mit unseren Schwächen und Fehlern leben. Ebenso wie mit denen der anderen.

Wir haben vorher einen Abschnitt vorgelesen aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom. Paulus weiß, wie hart die Menschen in dieser Gemeinde über andere urteilen. Aber er weist sie nicht nur darauf hin, dass die, die beurteilen auch nicht besser sind als die, die von ihnen beurteilt werden. Sondern er weist auf Gott hin, der ganz anders mit uns Menschen umgeht: „Missachtet ihr die große Güte, Nachsicht und Geduld, die Gott euch bis jetzt erwiesen hat?“

Was das bedeutet habt Ihr uns ja mit euren Bildern gezeigt: Gott, der als Quelle des Lebens allen Menschen, Tieren und Pflanzen Leben schenkt und das Leben erhält – ohne uns nach unserem Verhalten zu beurteilen. Und der jedem Schutz bietet. Für alle da ist.

Eigentlich hätte Gott Grund genug, jedem die Lebensquelle abzudrehen und aus seiner Burg herauszuwerfen. Aber er macht das nicht. Er schenkt und erhält unser Leben. Er beschützt uns trotz oder gerade wegen unserer Fehler. „Seht ihr nicht“, fragt Paulus, dass Gott euch durch seine Güte zur Umkehr bewegen will?“

Wenn wir merken: Wir leben von dieser Güte Gottes. Dann gehen wir miteinander ebenfalls gütiger und verständnisvoller um. Merken, warum wir so oft ungerecht beurteilen. Was der wahre Grund für unseren Ärger ist.

Das bedeutet aber nun nicht, die eigenen Fehler und die der anderen unter den Teppich zu kehren. Dann hätten wir ja gar nicht mehr die Chance, aus Fehlern zu lernen. Sondern zu unterscheiden zwischen einem Fehler und der Person, die sie macht. Der Mensch bleibt trotz seines Fehlers von Gott geliebt. Dann kritisieren wir den Fehler, aber nicht die Person. Um zu helfen, nicht um jemand in die Pfanne zu hauen.

Am Ende spricht Paulus noch eine Drohung aus: Mit dem Maßstab, den wir an andere anlegen, wird Gott uns als unparteiischer Richter beurteilen. Können wir dann vor diesem Urteil bestehen?

Wir sind miteinander auf Gottes Güte angewiesen. Leben wir das auch den anderen gegenüber? Dann würden wir in einer besseren Welt leben. Amen.