17. Februar 2019 - Septuagesimae


Predigt zu Prediger 7,15-18

Beides sah ich in meinen flüchtigen Tagen: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit. Sei nicht übergerecht, und gib dich nicht gar zu weise. Warum willst du scheitern? Sei nicht zu oft ungerecht, und sei kein Tor. Warum willst du sterben vor deiner Zeit? Gut ist es, wenn du dich an das eine hältst und auch vom anderen nicht lässt. Wer Gott fürchtet, wird beidem gerecht.

Liebe Gemeinde!

Wenn ich im Fitnessstudio meine Schlüsselnummer selbst aussuchen darf, nehme ich gerne die 22 oder die 44. Das sind meine Lieblingszahlen seit der Grundschulzeit. Warum? Als ich rechnen lernte, waren mir die geraden Zahlen immer sympathischer als die ungeraden. Weil die sich so glatt durch Zwei teilen ließen. Und die beiden ersten geraden Zahlen noch gedoppelt sind eben 22 und 44.

Im übertragenen Sinne lieben wir vermutlich alle die geraden Zahlen mehr als die ungeraden. Wir wünschen uns, dass als im Leben glatt aufgeht wie eine einfache Rechnung mit geraden Zahlen. Dass uns nichts Probleme macht. Nichts Unangenehmes zurückbleibt und uns belastet.

Doch so einfach ist das nicht. Die Probleme unseres Lebens lassen sich nicht so glatt lösen wie die Rechenaufgabe, 22 durch zwei zu teilen. Da grübeln wir über ungelösten Rätseln des Lebens. Empfinden viele Schicksale als ungerecht – im eigenen Leben und in dem der anderen. Warum müssen manche Menschen allzu früh sterben? Warum gibt es schlimme Krankheiten? Warum gibt es Kettenraucher, die wie der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt fast 100 werden und Menschen, die nie geraucht und sich viel bewegt haben, die früh an Lungenkrebs sterben? Oder wie es mir als Notfallseelsorger der Angehörige eines tödlich verunglückten jungen Mannes entgegenschleuderte: Warum lässt Gott einen so guten Menschen sterben und so viele Verbrecher leben lange?

Ja – das Leben stellt uns vor viele Rechenaufgaben ohne glatte Lösungen. Wo wir zwar manchmal Ursachen für eine schlimme Situation ermitteln können, aber den Sinn meist nie. Rätsel, vor denen bereits der gelehrte Weise in Israel stand, dessen Aussprüche uns im Prediger-Buch in der Bibel überliefert sind. Die Tradition identifizierte ihn mit dem klugen König Salomo in Jerusalem. Von ihm haben wir gerade gelesen: „Beides sah ich in meinen flüchtigen Tagen: Da ist ein Gerechter, der zugrunde geht in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Ungerechter, der lange lebt in seiner Bosheit.“ Wir können es auch mit Herbert Grönemeyer sagen, der nach dem Tod seiner Frau dichtete: „Das Leben ist nicht fair!“

Wie sollen wir mit diesen ungelösten Rätseln umgehen? Der Prediger sagt: Mach dir nicht zu viele Gedanken. Grüble nicht zu viel. Strebe nicht nach Perfektion. Wir müssen einfach akzeptieren, dass es Fragen gibt, die in diesem Leben nicht zu beantworten sind. Dass nicht alles glatt aufgeht. Dass ich nicht immer zufrieden bin. Wer immer alles im Leben perfekt machen will, wer ständig in seinen Gedanken und Grübeleien versinkt, der wird innerlich öde, vertrocknet, ausgelaugt – so könnten wir das hebräische Wort übersetzen. Der sieht das Schöne nicht mehr. Der findet in jeder Suppe irgendein Haar. Der ärgert seine Mitmenschen mit ungebetenen und besserwisserischen Ratschlägen. Er koppelt sich ab von den Kraftquellen seines Lebens. Deshalb vertrocknet er in seinen Grübeleien innerlich wie eine Pflanze, die kein Wasser bekommt.

Ich weiß aus dem eigenen Leben, wie das ist. Ich gehöre zu dem Menschenschlag, der sich eher zu viel als zu wenig Gedanken im Leben macht. Der sich häufig am eigenen Perfektionsanspruch misst und deshalb sehr unzufrieden mit der eigenen Arbeit und mit der eigenen Leistung ist. Daraus erwachsen neue Gedanken und Grübeleien. Das Leben wird dadurch nicht einfacher. Sondern wird ausgelaugt durch schwere Gedanken. Von daher kann ich die Empfehlung des Predigers gut nachvollziehen. Nicht zu viele Gedanken sich machen. Nicht perfektionistisch sein. Ja – wenn es nur so einfach wäre, dass man auf Kommando seine Gedanken abstellen könnte.

Zudem könnte diese Empfehlung auch missverstanden werde: Lebe doch einfach in den Tag hinein! Das Leben ist nicht fair – genieße es also doch so gut es geht. Habe Spaß und denke nicht allzu viel nach. Blende deine Fragen und Zweifel einfach aus – oder dröhne sie zu. Mit Alkohol, Extremsport oder als Workaholic mit viel Arbeit. Fatalistisch, einem blinden Schicksal ergeben. Oder hedonistisch – als nur auf Spaß und Vergnügen aus. Kümmere dich nicht um die Probleme in dieser Welt oder die Not anderer Menschen.

Nein – so soll der Prediger nicht verstanden werden. Deshalb folgt ein zweiter Satz: „Sei nicht zu rücksichtslos und sei kein Narr. Warum willst du vor der Zeit sterben?“ Wenn ich also gedankenlos lebe und mich um die Probleme in dieser Welt gar nicht kümmere, dann ist das lebensgefährlich.

Das gilt – statistisch gesehen – von jedem einzelnen Leben. Natürlich gibt es Kettenraucher, die alt werden, und Nichtraucher, die früh sterben. Aber das sind die Ausnahmen, die uns deshalb auffallen. Im Regelfall gilt schon: Wer raucht, stirbt früher. Das gilt auch von unserer Welt insgesamt: So gedankenlos, wie wir mit unserer Umwelt umgehen, gefährden wir unsere Gesundheit, unser Leben und das der kommenden Generationen.

So schwer man sich das Leben durch zu viele Gedanken und durch Perfektionsansprüche macht, so riskant ist ein Leben mit zu wenig Gedanken und ohne Maßstäbe. Der Mittelweg zwischen zu hohen und zu niedrigen Perfektionsansprüchen, zwischen zu vielen und zu wenigen Gedanken musss gefunden werden. Nur dann kommen wir gut durch eine rätselhafte Welt. Doch wie finden wir diesen Mittelweg?

Der Prediger empfiehlt die Orientierung an Gott: „Gut ist es, wenn du dich an das eine hältst und auch vom anderen nicht lässt. Wer Gott fürchtet, wird beidem gerecht.“ Oder wörtlich: Wer Gott fürchtet, findet aus dem allem einen Ausweg.

Gott fürchten – das heißt in der Sprache der Bibel nicht: Vor Gott Angst haben. Sondern Gott respektieren. Auf den Willen Gottes achten. Sich von Gottes Liebe getragen fühlen.

So haben wir es im Konfirmandenunterricht gelernt bei Martin Luthers Erklärungen zu den zehn Geboten: Jede Erklärung zu einem Gebot fängt er im kleinen Katechismus so an: „Wir sollen Gott fürchten und lieben.“ Wir sollen uns an dem Gott orientieren, der uns liebt.

Wenn wir also mit unseren Fragen, auf die wir keine Antwort wissen, zu Gott kommen. Ihm unsere Not klagen. Vertrauen wir wie es vorher gesungen haben: „Es gibt Gewissheit unsres Glaubens, auch wenn wir manches nicht versteh‘n.“ Wenn wir an unseren eigenen Perfektionsansprüchen scheitern, uns klar machen: Gott liebt uns auch und gerade als nicht perfekte Menschen. Seine Vergebung in Anspruch nehmen. Unsere schweren, grüblerischen Gedanken zu Gebeten machen. Sagen: Ich lege alles in Deine Hand. Ich muss nicht alle Probleme der Welt lösen – dafür bist du da.

Das lässt uns entspannter ins Leben gehen, aber nicht gedankenlos und ohne Maßstäbe. Denn zum Respekt vor Gott und zur Liebe zu Gott gehört auch, dass wir seine Geschöpfe respektieren und lieben. Dass wir Menschen in Not beistehen. Mit unserer Welt sorgsam umgehen. Dass wir uns an Gottes Geboten orientieren – nicht um ein problemloses Leben zu haben, aber ein sinnvolles.

Und Gott bahnt einen Ausweg aus dieser so oft rätselhaften Welt. Einen Ausweg in seine neue Welt. Wenn er unsere Welt verwandeln wird am Ende der Zeit. Dann betrachten wir dieses Leben und diese Welt im Horizont des neuen Lebens und der neuen Welt Gottes. Dann verstehen wir manches, was uns jetzt ungerecht und unverständlich erscheint. Dann sind bisher ungelöste Fragen beantwortet.

So lange suchen wir den Mittelweg: Zwischen zu hohen und zu niedrigen Ansprüchen, zwischen zu vielen Gedanken und zu wenigen. Den Mittelweg mit Gott – orientiert an seiner Liebe und seinen Geboten. Amen.