17. Januar 2016 - Letzter Sonntag nach dem Erscheinungsfest


Predigt zu 2. Korinther 4,6-10

Liebe Gemeinde!

Lichttüten haben wir in der Weihnachtszeit oft gesehen. Bei Dunkelheit entfalten sie eine ungeheure Wirkung, weil das Licht durch das Papier mit seinem Muster durchscheint. Ohne das Licht der Kerze wäre es bloßes Papier – umgekehrt ohne die bunte Tüte hätte die Kerze nur eine eingeschränkte Wirkung.

Damit ist die Lichttüte ein Symbol für unser Leben. Wir Menschen nehmen voneinander oft nur die Außenseite wahr. Und die ist oft unscheinbar oder erscheint uns merkwürdig. Oder es gibt Verhaltensweisen, die uns stören. Sehr rasch urteilen wir über andere – und das oft nicht sehr positiv. Schwächen anderer werden aufgespießt – denn je mehr wir andere schlecht machen, desto besser erscheinen wir selbst in unseren Augen. Dass andere das mit uns genauso machen, steht auf einem anderen Blatt ….

Im Bild von der Lichttüte: Wir sehen das unscheinbare Papier der Tüte beim anderen – aber nicht das Licht, das in ihm leuchtet. Umgekehrt sehen wir bei uns selbst gerne das Licht besonders hell und von der Tüte die hell erleuchteten Farben, aber nicht so sehr das schlichte und leicht zu zerreißende Papier.

Das erging offensichtlich dem Apostel Paulus in der Gemeinde in Korinth nicht viel anders. Die Korinther nahmen die Außenseite des Paulus wahr – und die erschien ihnen nicht so sehr begeisternd. Kränklich, körperlich angeschlagen, vielleicht sogar leicht reizbar. Nicht der attraktive Starprediger, den sie sich gewünscht hatten. Deshalb wurde Paulus massiv angegriffen.

Es ist ja manchmal so in Gruppen und Organisationen – oft auch in Kirchengemeinden: Wenn die Sache nicht so läuft, wie gewünscht, dann sucht man einen Schuldigen. Wenn der sein Geschäft besser machen würde …

Ich weiß noch, wie das 1997 war als ich mich zum ersten Mal auf eine ständige Pfarrstelle bewerben durfte. Wir hatten eine Gemeinde in den Blick genommen, wo ein älterer Pfarrer in den Ruhestand ging. Doch im Informationsgespräch schimpften die Kirchengemeinderäte nur auf den Pfarrer, der mit seinen zwei Hörgeräten eh nichts geblickt hätte, der schuld ist, dass die Gemeindearbeit nicht so läuft … Alle Hinweise von mir, dass ja in den meisten Gemeinden die Konfirmierten kaum noch zum Gottesdienst kämen unabhängig von der Zahl der Hörgeräte des Pfarrers, wurden weggewischt. Da war mir rasch klar: In eine solche Gemeinde will ich nicht …

So ähnlich stelle ich mir die Situation des Paulus in Korinth vor. Die Menschen sahen die äußerlichen Schwächen – ob es die Krankheit des Paulus oder die Schwerhörigkeit des Pfarrers ist und sehen nicht mehr, was in diesem Menschen steckt. Das Licht, das in ihm leuchtet.

Deshalb verwendet Paulus hier ein Bild, das dem von der Lichttüte ganz ähnlich ist. Er sagt: Gott hat ein helles Licht in einen Menschen gelegt. Aber dieses Licht ist in einem brüchigen Tongefäß.

Jetzt könnte man sagen: Schade, dass Gott sein Licht so verhüllt. Könnte er diese Lichttüte nicht richtig schön gestalten? Dass sein Licht richtig gut zum Ausdruck kommt?

Nein, meint Paulus. Sonst würden wir vor allem auf die schöne Verpackung achten und nicht auf das Licht. Ohne Bild: Wir würden uns auf unsere Kraft verlassen und nicht auf Gottes Kraft. Würden unsere schön gestaltete Lichttüte mit dem Licht verwechseln. Und damit uns Menschen und unsere Fähigkeiten an Gottes Stelle setzen. Mit dem Effekt, dass wir unserer Kraft mehr vertrauen als Gottes Kraft. Unserer Kraft, die immer begrenzt ist, mehr zutrauen als Gottes Kraft, die die Welt geschaffen hat und stärker ist als der Tod.

Deshalb zeigt Gott: Entscheidend ist sein Licht, das er in unser Leben gegeben hat. Es spiegelt das Licht der Schöpfung – das erste Wort Gottes war: „Es werde Licht!“ Wer an Gott glaubt, dem ist dieses Licht im Herzen aufgegangen.

Und dieses Licht geben wir mit unserer begrenzten Lichttüte, unserem zerbrechlichen Tongefäß weiter. Dass andere davon angesteckt werden – obwohl oder weil es so schwach daherkommt. Durch uns entsteht die Erleuchtung bei andren. Dass Gottes Licht in ihnen aufgeht und sie in Christus Gott erkennen.

Was das bedeutet, das Licht Gottes in einer unscheinbar schwach anmutenden Verpackung weiterzugeben, zeigt Paulus am Weg Jesu und an seinem eigenen Weg. So wie Jesus leiden musste und als schwacher Mensch gekreuzigt wurde, so trägt Paulus das Leiden Jesu am eigenen Leib, so bleibt Menschen, die Jesus vertrauen, das Leid nicht erspart.

Doch so wie der Kreuzestod das Licht Gottes nicht auslöschen konnte, sondern es neu aufstrahlte an Ostern, so zeigt sich auch das neue Leben Jesu im Leben des Paulus. Im Leben eines jeden, der mit Jesus lebt. Die Kraft Gottes, lässt uns weitergehen. Trotz allem Druck. Trotz aller Angst.

Wann geschieht das? Mir fällt da eine Pfarrerskollegin ein. Sie leidet oft an ihrem Beruf. Ihr Dekan sagt: „Die Frau hätte nie Theologie studieren dürfen!“ Doch dann begegnete mir im Nachbarort eine Frau, die sagte: Wenn diese Pfarrerin predigt und ich gerade kein Auto habe, dann gehe ich sogar zu Fuß in den Nachbarort, weil mir ihre Predigten so wichtig sind.

Oder mein Religionslehrer in den ersten beiden Schuljahren. Heute weiß ich, dass er Alkoholiker war und der Schulleiter dachte: Im Reliunterricht bei Erst- und Zweitklässlern kann der nicht viel Schaden anrichten. Und der Unterricht war auch chaotisch. Erst später habe ich begriffen, wie viele biblische Geschichten ich trotz allem in diesem Unterricht gelernt habe.

Oder manche meiner eigenen Gottesdienste, wo ich dachte: Da kam heute gar nichts rüber. Da prallte alles an den Zuhörern ab. Und dann kommen hinterher Mails und Anrufe von Menschen, die sich für die Predigt bedankten.

Wenn ich nicht das immer wieder erlebt hätte: Ich fühlte mich im Beruf gescheitert, doch dann kamen solche ermutigenden Signale, dann wäre ich vermutlich schon lange nicht mehr Pfarrer.

Da wird deutlich wie Gottes Licht in meiner unzureichenden Lichttüte, in meinem brüchigen Tongefäß seine schöpferische Wirkung tut. Und dann sogar dieses Licht weitergegeben wird, um andere hell zu machen. Amen.