18. Juni 2017 - Erster Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Johannes 5,39-47

Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind's, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.

Ich nehme nicht Ehre von Menschen an; aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

Meint nicht, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; der euch verklagt, ist Mose, auf den ihr hofft. Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

Liebe Gemeinde!

Der Philosoph Arthur Schopenhauer definierte im vorletzten Jahrhundert: die Ehre ist, objektiv, die Meinung Anderer von unserm Wert, und subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung. Das gilt heute vermutlich noch stärker als damals: Uns treibt oft die Frage an: Wie stelle ich mich vor anderen dar? Was denken andere über mich?

Eine Frage aller Generationen: Da ist ein älteres Ehepaar im Garten tätig. Der Mann stolpert und schürft sich die Hand auf. Die Frau kümmert sich jetzt nicht um die Verletzung, sondern ruft: „Mann, steh schnell auf bevor dich die Nachbarn sehen!“ Ja nicht bei den anderen als schwach und hinfällig dastehen.

Bei jüngeren Menschen wird das – im Gegensatz zu Schopenhauers Zeiten – noch verschärft: Weil die Meinung anderer von unserem Wert durch die sozialen Netzwerke in einem Maß beschleunigt und vervielfältigt wird, wie es sich frühere Generationen nicht vorstellen konnten. Unsere Furcht vor dieser Meinung versuchen wir dadurch zu reduzieren, indem wir das Bild von uns selbst sorgfältig inszenieren und verbreiten. Fröhliche Urlaubsbilder als Selfies über WhatsApp. Aufwändig gestylte Porträtfotos als Profilbilder bei Facebook. Ständig ploppen solche Versuche, selber sich Ehre zu verschaffen, bei mir im Handy auf. Und der Beifall wird an der Zahl der nach oben gereckten Daumen deutlich Und wehe, man macht es nicht. Anfang der Woche erhielt ich den mahnenden Hinweis von Facebook: „Ulrich, du hast dein Profil seit einem Jahr nicht mehr verändert!“ Selbstvermarktung und Selbstinszenierung, um Beifall zu bekommen. Ehre im Sinne einer guten Meinung anderer von mir.

Kein Wunder, dass auch Glaube und Kirche oft dazu dienen sollen, unsere Ehre zu vergrößern. Da sind wir Hauptamtlichen besonders gefährdet. Als ich als Pfarrer zur Anstellung in Ebersbach zwei ältere Kollegen hatte, war ich doch versucht, die Gottesdienstbesucherzahlen bei denen und meine zu vergleichen. Je nach Ergebnis ging es mir besser oder schlechter. Wie gut für mein Ego: Wenn man selber vorne steht, sieht man alle Menschen in der Kirche. Als Gottesdienstbesucher ja nur die vor und neben einem. Deshalb hat man als Prediger immer den Eindruck, es sind mehr Leute da als wenn ich als Zuhörer in den Reihen sitze.

Oder als ich als ständiger Pfarrer ins Hohenlohische kam. Es waren vier evangelische Kirchengemeinden, die in denselben kommunalen Mitteilungsblättern ihre Veranstaltungshinweise veröffentlichten. Dazu noch zwei katholische und die neuapostolische. Da gab es Menschen, die mit dem Lineal abgemessen haben, welche Gemeinde die längsten Mitteilungstexte hatte – entweder waren sie stolz über die eigene Länge oder als Pfarrer bekam man die Kritik, warum wir denn im Gegensatz zur Nachbargemeinde nicht mehr Veranstaltungen gebracht hätten.

Und wie viel Engagement in einer Kirchengemeinde wird getan, um Anerkennung und Lob zu bekommen? Und rasch aufgegeben, wenn diese Anerkennung ausbleibt – wenn die Kinder in einer Jungschargruppe eben nicht immer pflegeleicht sind, Menschen, die ich im Besuchsdienst zu Hause aufsuche, nicht immer nur freundlich und nett, Mitglieder eines Choes auch ihre Unzufriedenheit am Leiter auslassen?

Ja: Beifall ist der Lohn des Künstlers sagt man. Und jeder von uns braucht auch eine Form der Anerkennung, wenn andere sagen: Was du machst, ist gut. Oder: Ich mag dich. Und wir sollen natürlich in unseren Familien, Freundeskreisen, Vereinen und besonders der Kirche eine Kultur der Wertschätzung, der Anerkennung, der Dankbarkeit pflegen. Wir tun das ja oft allzu wenig nach dem alten schwäbischen Grundsatz: Nicht geschimpft, ist schon genug gelobt.

Aber es ist nicht gut, wenn wir uns nur vom Beifall der anderen, vom Lob der Menschen, vom Urteil der anderen über unseren Wert abhängig machen. Denn dann halten wir die Dürrezeiten nicht durch, wo der Beifall ausbleibt. Dann werden wichtige Dinge nicht gemacht, nur weil sie öffentlich keine Anerkennung finden. Dann lässt sich niemand auf schwierige Menschen ein, die vielleicht nicht immer freundlich auf unsere Hilfe reagieren.

Und wenn wir uns ständig immer nur gegenseitig loben, verlieren wir die Chance, auch aus unseren Fehlern zu lernen. Als Pfarrer hören wir meist nur positive Feedbacks auf unsere Gottesdienste – komischerweise scheinen das aber 95% der Gemeindeglieder in unserer Landeskirche anders zu sehen und wegzubleiben. Das erinnert mich immer ein wenig an die frühere DDR: ständig wurden angeblich die Planzahlen von der Wirtschaft übertroffen und dennoch ging am Ende das gesamte System bankrott.

Deshalb legt Jesus Wert im eben gelesenen Streitgespräch: Ziel unseres Tuns kann nicht die Ehre und Anerkennung von Menschen sein. Ein an sich gutes Verhalten wird problematisch, wenn es nur getan wird, um Ehre von den Menschen zu bekommen. Dann vermittelt selbst die gründliche Beschäftigung mit der Bibel nur Selbstbestätigung, aber kein bleibendes Leben.

Dieser Sucht nach Selbstbestätigung, Ehre und Anerkennung durch die Menschen stellt Jesus hier die Ehre und Anerkennung durch Gott gegenüber. So wie er selbst es in seinem Leben gezeigt hat: Als Gefangener, Verurteilter, Geschlagener und Gekreuzigter wurde ihm von den Menschen keine Ehre zuteil. Aber Gott hat ihm die Ehre erwiesen als er ihn aus dem Tod auferweckte.

Ehre und Anerkennung bei Gott bekommen wir, wenn wir zu Jesus kommen. Ihm vertrauen. Die Liebe Gottes uns zusprechen lassen. Dann schenkt er uns Leben – ein Leben, das diese Welt und unser irdisches Leben überdauert.

Das Lob und die Anerkennung durch Menschen ist vergänglich. Die Anerkennung durch Gott bleibt. Wer sich von Gott geliebt weiß, der wird frei und unabhängig vom Beifall der Menschen. Kann deshalb mit kritischen Äußerungen anderer besser umgehen – sie als Anstoß nehmen, Dinge zu verändern. Der kann Wichtiges tun, das aber keine Anerkennung findet. Sich auch schwierigen Menschen zuwenden. Gibt nicht gleich auf, wenn Erfolge ausbleiben. Verwendet mehr Zeit darauf, seine Dinge sorgfältig zu erledigen, als das Getane möglichst laut öffentlich zu vermarkten.

Dass das in vielen Bereichen unserer Kirche gelingt, ist schön: wenn Jugendliche in unseren Gruppen Heimat finden, die weder sportlich noch musikalisch Erfolge vorweisen können. Wenn Menschen in schwierigen Situationen in aller Stille begleitet werden. Dass wir über allen schönen Veranstaltungen vor allem von dieser Botschaft leben: Dass Gott uns ein Leben schenkt, das stärker ist als der Tod.

Aber eine Frage bleibt – und deshalb ist die Versuchung so groß, Ehre von den Menschen zu suchen und uns vor dem Urteil der anderen zu fürchten: Der Beifall von Menschen ist hörbar und sichtbar. Wir leben in Gemeinschaften, in denen wir wahrnehmbar anerkannt werden wollen. Aber Gottes Ehre, Gottes Urteil, Gottes Liebe und Anerkennung – sie sind oft so wenig wahrnehmbar. Was hilft es mir, von Gott geliebt zu sein, wenn ich ständig den Hass anderer erlebe? So fragen nicht nur Jugendliche.

Deshalb ist so wichtig, dass unsere Ehre, die Gott uns gibt, die Liebe, die er uns schenkt, durch uns hindurchstrahlt. Dass Menschen bei uns etwas davon spüren und sich wohlfühlen. Auch wenn sie nichts vorweisen können. Wenn wir anderen begegnen können mit der Haltung: Schön, dass es dich gibt. Dass durch uns Gottes Liebe sichtbar wird.

Aber wichtig bleibt: es geht nicht um unsere Anerkennung, es geht nicht um menschlichen Beifall und menschliches Lob. Sondern um Gott, der uns einlädt. Denn menschliche Ehre vergeht. Gottes Ehre bleibt. Amen.