18. November 2018 - Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr und Volkstrauertag


Predigt zu Offenbarung 2,8-11

An den Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: So spricht Er, der Erste und der Letzte, der tot war und wieder lebendig wurde:

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut; und doch bist du reich. Und ich weiß, dass du von solchen geschmäht wirst, die sich als Juden ausgeben; sie sind es aber nicht, sondern sind eine Synagoge des Satans.

Fürchte dich nicht vor dem, was du noch erleiden musst. Der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, um euch auf die Probe zu stellen, und ihr werdet in Bedrängnis sein, zehn Tage lang. Sei treu bis in den Tod; dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben.

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt: Wer siegt, dem kann der zweite Tod nichts anhaben.

Liebe Gemeinde!

Wir scheinen im Paradies zu leben – oder kurz davor zu sein. Zumindest, wenn man die Werbung in Radio oder Fernsehen verfolgt. Ob die Paradies-Creme, Paradiso Body Lotion, Nudeln Paradiso Bio, himmlischer Fahrtkomfort im neuen Auto oder paradiesisches Schlafvergnügen im neuen Bett. Ständig wird uns das Paradies versprochen, wenn wir nur ein entsprechendes Produkt kaufen.

Doch die Werbestrategen bauen ja ihre Werbung bewusst so auf – weil sie in den Menschen eine Sehnsucht wecken wollen. Eine Sehnsucht, weil jeder von uns spürt: unser Leben ist nicht immer ein himmlisches, es spielt sich nicht stets im Paradies ab. Weil das jeder spürt, versucht die Werbung uns das Gefühl zu vermitteln: wenn du die Paradies-Creme anrührst, die Paradiso Body Lotion schmierst, die Paradiso Bio Nudeln kochst, dieses Auto fährst oder dich in dieses Bett legst – dann kommst du ein Stück von der nicht paradiesischen Erde dem himmlischen Paradies näher.

Wie gesagt: Das Gefühl soll geweckt werden, bevor sich unser Kopf dazwischenschaltet. Denn der Kopf weiß genau: Nur durch Pudding, Body Lotion, Nudeln, Autos und Betten wird kein Paradies erreicht. Zu bedrängend ist oft das, was unser Leben belastet. Erfahrungen, die mit der Endlichkeit unseres Lebens und der Begrenztheit unserer Kräfte zu tun haben. Es wird gelitten und gestorben – schicksalhaft und verhängnisvoll durch Krankheiten oder Unfälle. Aber noch schlimmer: Auch durch Menschen gemacht – geplant, erdacht, durchgeführt.

Gerade dieser Volkstrauertag führt uns das von Menschen verursachte Leid vor Augen: in der Trauer um die Toten der Weltkriege, der Opfer von Flucht und Vertreibung, die Kriegsopfer bis heute. Den Rassenhass, der hier in Deutschland einen grausamen Höhepunkt (oder besser: Tiefpunkt) erreichte, den es aber bis heute in verschiedenen Schattierungen nach wie vor hier im Land und überall in der Welt gibt.

Und noch tragischer. Wenn wir ehrlich sind, sind die Bösen nicht nur die anderen. Sondern wir begegnen der Bosheit auch im eigenen Herzen. Wie oft werten wir andere ab und verletzen sie. Zumindest in unserem Denken, oft genug mit unseren Worten, hoffentlich nicht mit unseren Taten.

Wenn man am Volkstrauertag manchmal fragt: Wie war das möglich, diese Gewaltherrschaft mitten im zivilisierten Deutschland? Wie konnte die Nation von Goethe und Schiller, von Bach und Beethoven für die dumpfen Parolen der Nazis so empfänglich sein? Dann müssen wir weiterfragen: Wären wir später Geborene tatsächlich widerständiger gewesen als unsere Großeltern und Urgroßeltern? Oder schlummert nicht auch im eigenen Denken und Fühlen der Keim zu Bosheit und Gewalt?

Ja, wir haben nicht das Paradies- weder um uns noch in uns. Nun haben wir vorhin ein Wort des erhöhten Christus gehört an seine Gemeinde in Smyrna – dem heutigen Izmir in der Türkei. Diese Gemeinde lebt offenkundig nicht im Paradies. Sie steht unter Druck. Von außen durch die Verfolgung durch die Römer, durch ihre finanzielle Armut. Von innen durch falsche Freunde, die sie verraten.

Christus spricht zu dieser Gemeinde, die bedrängt ist, als einer, der ihr Leiden kennt. Er stellt sich vor als der Erste und der Letzte, als der, der tot war und nun lebendig ist. Denn er – Christus - selbst hat am eigenen Leib erlitten, was Menschen immer wieder erleiden. Er wurde Opfer der Gewalt bis zum Tod am Kreuz. Aber damit endete der Weg Jesu nicht. Gott hat Jesus lebendig gemacht. Aus dem Grab herausgeholt. Von Karfreitag zu Ostern geführt.

Seitdem umgreift Christus unser Leben mit allen seinen Seiten - vor allem mit den Seiten, die nicht himmlisch sind. Deshalb ist er der Erste und der Letzte. Der vor allem da war und nach allem noch ist. Er begleitet die Menschen, die leiden. Führt sie aus dem Tod in ein neues Leben. Ins wirkliche Paradies zu Gott. Es gibt kein Leid mehr, das uns aus der Gemeinschaft mit Christus reißen kann.

Wenn wir es so sagen wollen: Wir leben nicht im Garten Eden, sondern im Garten Getsemane. Aber wie Christus von Getsemane über Golgatha ins Paradies ging, nimmt er die mit auf diesem Weg, die ihm vertrauen.

So von Christus gehalten und begleitet, beim Ersten und Letzten geborgen - egal, was kommt - so leben wir in dieser Welt, die nicht immer und überall paradiesisch ist. Wir leben in dieser Welt mit der Perspektive auf die neue Welt des Friedens. Wir leben darin in der Treue zum liebenden Christus. Egal, welche Widerstände es gibt. Egal, was uns Angst macht.

Es gibt genügend Menschen, die auf diese Welt mit Angst, Abwehr und Gewalt reagieren – gerade, weil sie kein Paradies ist. Da versucht man, sein eigenes Paradies zu schaffen. Nicht indem man Paradies-Creme anrührt, sondern eine finstere Brühe menschenverachtender Ideologie. Nicht indem man Paradiso Bio Nudeln kocht, sondern rassistische Vorurteile aufkocht. Nicht indem man Paradiso Body Lotion einreibt, sondern dem anderen Hass-Mails, Posts oder Tweets aufs Butterbrot schmiert. Denn sie glauben, wenn man viele Grenzen zieht, Feindbilder schafft, Fremde ablehnt, dass man dann seinen kleinen privaten Garten Eden schaffen könnte. Doch diese Schrebergärtner ihres privaten Paradiesgärtleins werden scheitern. Denn ich kann nicht eine heile Welt schaffen, indem ich überall Gift versprühe – das wird auch meinen eigenen privaten Paradiesgarten Eden vergiften. Man kann sich nicht von den Problemen dieser Welt abkoppeln. Sondern man muss sich den Problemen dieser Welt stellen, sonst stellen die Probleme uns. Und es ist besser, den Problemen dieser Welt mit Zuversicht und Liebe zu begegnen als mit Angst und Abgrenzung. Und wir Christen können das, weil wir wissen: nicht wir müssen das Paradies schaffen, sondern wir gehen mit Christus auf das wahre Paradies zu.

Wenn wir so leben, dann müssen wir überlegen: Wie denken und reden wir über andere? Wie handeln wir? Uns bewusst sein: Worte werden manchmal unbedacht gebraucht und verletzen dadurch andere. So ist es zu der verhängnisvollen Wirkungsgeschichte der Passage unseres Textes gekommen, wo von der Synagoge des Satans die Rede ist. Sie wurde zur Rechtfertigung der Ablehnung des Judentums herangezogen – bis hin zur Verfolgung und Massenvernichtung. Weil man nicht beachtete, dass hier nicht vom Judentum im Allgemeinen die Rede ist, sondern von speziellen Auseinandersetzungen damals innerhalb der Gemeinde von Smyrna.

Das zeigt: Es gibt nur Frieden, wenn wir unser Denken, Reden und Handeln an unserem Vertrauen auf Jesus Christus ausrichten. Geduldig den Scharfmachern entgegentreten. Verräterisch abwertende Sprache hinterfragen. Denen helfen, die Schutz suchen. Dann können wir in dieser Gesellschaft etwas dafür tun, dass Verständnis und Hilfsbereitschaft da sind für alle Menschen. Das ist der Reichtum, aus dem Gemeinde Jesu lebt. Im Vertrauen auf Gottes Sieg und Gottes Frieden. In der Hoffnung auf das Paradies. Nicht gerührt, nicht gekocht, nicht geschmiert – sondern geschenkt. Amen.