18. September 2016 - 17. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Römer 10,9-18

Liebe Gemeinde!

„Glauben kann ich doch für mich allein! Dazu brauche ich keine Kirche.“ Ein Satz, den man als Pfarrer öfter hört. Besonders von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind – und merkwürdigerweise besonders dann, wenn sie für sich eine kirchliche Trauung oder für ihre Kinder die Taufe oder Konfirmation wünschen. Und da merkt man schnell, dass die Argumentation irgendwie schief ist: Denn Taufe, Konfirmation oder Trauung kann es nur geben, wenn es auch die Gemeinschaft der Kirche gibt, die ich doch eigentlich gar nicht für meinen privaten Glauben brauche.

Ganz ähnlich die Argumentation: „Ich lasse meine Kinder nicht taufen, die sollen sich eines Tages selbst entscheiden.“ Als ob wir unsere Entscheidungen im luftleeren Raum treffen würden, ohne Einfluss und Anstoß durch andere Menschen.

Solche Gedankengänge finden wir interessanterweise fast ausschließlich im Bereich von Glauben, Kirche und Religion. Sie klingen zunächst ja auch ganz einleuchtend: Mein Glaube ist etwas, was in meinem Herzen geschieht. Etwas, über das niemand anderes bestimmen oder gar urteilen soll. Deshalb stimmt der Satz: „Glaube ist Privatsache.“ Das wurde hart erkämpft gegen Einflussnahmen des Staates und der Religionsgemeinschaften auf das Gewissen des Einzelnen. Und in Saudi-Arabien oder Nordkorea wären viele froh, dieser Satz würde gelten gegen den Druck einer islamischen oder atheistischen Regierung auf das Gewisse des Einzelnen.

Aber so richtig dieser Satz ist in Bezug auf staatliche oder religiöse Bevormundungen, so sehr er die individuelle Gewissensfreiheit schützt, so falsch ist er, wenn es um die Glaubensentwicklung des Einzelnen geht.

Denn jeder von uns kommt zu seinen Überzeugungen, Vorlieben, Lebensmaximen immer durch Anstöße von außen und die Auseinandersetzung mit diesen Anstößen von außen. Wie gesagt: Im luftleeren Raum entwickelt niemand Überzeugungen. Natürlich ebenso wenig durch Druck von außen und Indoktrination. Sondern dadurch, dass ich Impulse von anderen aufnehme, mich damit auseinandersetze, manches übernehme, anderes für mich abwandle, wieder anderes auch für mich ablehne.

Das macht der Apostel Paulus hier seiner Gemeinde in Rom deutlich. Glaube kommt nicht einfach so. Sondern Paulus stellt eine logische Kette her: Wie soll man denn zu Gott beten, wenn man nicht an ihn glaubt? Wie soll man aber an den glauben, von dem man nichts gehört hat? Wie soll man hören, ohne dass jemand die Botschaft verkündigt? Wie soll man aber verkündigen, ohne dass man gesandt wird? So kommt der Glaube aus der gehörten Botschaft, die Botschaft aber durch das Wort Christi.

Der Glaube braucht den Impuls von außen, Menschen, die das Wort des Christus weitersagen. Wir, die wir heute Morgen zum Gottes­dienst gekommen sind, können vermutlich recht genau sagen, wem wir die entscheidenden Impulse für unseren Glauben verdanken. Das ist bei vielen das Elternhaus, dann Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Jugendarbeit. Für mich waren es vor allem die Zeltlager und Freizeiten in den Ferien seit ich zwölf Jahre alt war, die mich geprägt haben. Und den ersten Anstoß gab mein Religionslehrer in der vierten Klasse – der Pfarrer der Nachbargemeinde. Weil er zu Beginn jeder Unterrichtsstunde mit uns gebetet hat. Einfach so mit Gott geredet, wie man mit einem anderen Menschen redet. Da habe ich gelernt: So einfach ist es zu beten. Dann habe ich es genauso gemacht.

Wenn das geschieht, ist Kirche, ist Gemeinde Jesu Christi da. Wenn Menschen das weitersagen, was sie selber prägt, was sie selber trägt, was ihnen Halt gibt. Den Inhalt dieser Botschaft fasst Paulus hier so zusammen: „Wenn du mit deinem Mund bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, wirst du gerettet.“

Mit diesem Inhalt wird deutlich: Da ist einer, der diese Welt und mein Leben in der Hand hält. Da ist einer, der sogar stärker ist als der Tod. Diese Botschaft macht unseren Glauben an Christus einmalig. Dass wir Hoffnung haben über den Tod hinaus. In einer Welt, die aus den Fugen zu geraten scheint, zu vertrauen: Nicht die Machthaber steuern diese Welt – kein Putin, kein Erdogan und schon gar kein Trump, kein Islamischer Staat und keine chinesische oder nordkoreanische Partei –, sondern Christus ist der Herr. In einer Welt, in der so viel gelitten wird, in der so viel Schreckliches geschieht, in der gestorben wird zu vertrauen: Christus ist stärker als der Tod. Wer ihm vertraut hat ein Leben, das mit dem Tod nicht endet. Diese Botschaft soll die Gemeinde Jesu in die Welt tragen. Hoffnungsträger sein.

Wenn wir diese Hoffnung weitertragen in unseren Gottesdiensten, in unserer Jugendarbeit, im Seniorenkreis, in Gesprächen und Begegnungen, in unserem täglichen Verhalten – dann sind wir die Freudenboten Jesu. Dann erfüllen wir als seine Gemeinde unseren Daseinszweck.

Unsere Welt braucht uns als diese Hoffnungsträger und nicht so sehr als Anbieter sozialer Dienstleistungen. Diakonie, Kinderhaus, Angebote für Jugendliche machen nur dann Sinn, wenn sie verknüpft sind mit dieser Hoffnungsbotschaft. Weil das gewisser maßen unser Alleinstellungsmerkmal ist als Kirche. Alles andere können andere mindestens ebenso gut.

Deshalb brauche ich für meinen Glauben die Kirche, deshalb muss es einen Raum geben, in dem ich mich für oder gegen meine Taufe entscheiden kann. Auch wenn ich für mich alleine natürlich Ja oder Nein sagen muss, Kirche bietet den Raum, dass ich überhaupt eine Entscheidungsgrundlage habe.

Aber Paulus spricht auch die ernüchternde Erfahrung an: Dass Menschen die Botschaft hören, aber doch nicht glauben. Eltern, die erleben, dass ihre Kinder ganz andere Wege gehen, als sie es sich wünschen.

Oder: Bevor ich im Beruf war, dachte ich immer: wenn ich sympathischer und netter Mensch Pfarrer bin, dann müssen die Menschen doch in großen Massen in die Kirche kommen, die Botschaft hören. Aber dann der Schock am Berufsstart: Viele Menschen finden mich gar nicht so nett und sympathisch wie ich mich selber. Manche kommen deswegen nicht, weil ich Pfarrer bin. Irgendwann merkt man: Ich wollte alles besser machen als die Pfarrer meiner Jugendzeit. Heute weiß ich, dass ich die gleichen oder andere Fehler mache. Dass ich nicht Teil der Lösung sondern Teil des Problems bin.

Die Antwort des Apostels: Es gibt Menschen, die verweigern sich dieser Botschaft. Trotz aller Bemühungen. Das muss man nüchtern akzeptieren, ohne sich deshalb verrückt machen zu lassen. Und einfach weitermachen.

Ebenso gibt es Menschen, die mich als Person nicht mögen, die deshalb von mir nicht erreicht werden. Ohne dass ich denen etwas Böses getan hätte oder umgekehrt. Man spricht dann gerne von der Chemie, die nicht stimmt. Das einzige, was wir Pfarrer da machen können, ist: Freundlich bleiben. Und schauen, dass wir nach plus/minus zehn Jahren wieder die Stelle wechseln, damit auch die eine Chance haben, die uns nicht mögen.

Und wir müssen unser Gemeindeleben immer wieder kritisch befragen: Gibt es Dinge, die bestimmte Menschen abschrecken? Weil unterschiedliche Musikstile, Lebens­ge­wohn­heiten, Vorlieben da sind. Deshalb brauchen wir eine große Vielfalt der Gottesdienste, der Musik, der Angebote – selbst wenn mir selbst nicht alles gefällt. Ein Ruhestandskollege sagte mir vor Jahren: „Wie könnt ihr englische Lieder im Gottesdienst singen, nachdem doch die Leistung Martin Luthers es war, dass der Gottesdienst endlich auf Deutsch gefeiert wird?“ Meine Antwort: Ein junger Mensch heute versteht leichter ein englisches Lied als eines im Lutherdeutsch.

So sind wir als Gemeinde Jesu unterwegs. Als Hoffnungsträger, die den Sieg Jesu über den Tod verkündigen. Und schauen, dass wir dadurch Menschen Impulse geben. Dass sie dem Wort Christi vertrauen. Amen.