19. April 2019 - Karfreitag


Predigt

Liebe Gemeinde!

Als ich im Herbst 1992 als Vikar in den Nordschwarzwald kam, hatte ich die Langlaufloipen fast direkt vor der Haustür. Und so brachte ich mir im ersten Winter das Skilanglaufen selbst bei – und wenn es zu schnell bergab ging, schnallte ich entweder die Skier ab oder ließ mich irgendwie halbwegs elegant fallen. Bis mich das vor ein paar Jahren nervte und ich dann Langlaufunterricht nahm. Die Lehrerin gab mir gleich zu Anfang einen guten Tipp: Wenn es zu schnell wird und wir Angst bekommen, dann versuchen wir vor dem, was uns Angst macht, zu flüchten und gehen aus der Hocke heraus, dadurch verlieren wir aber das Gleichgewicht. Deshalb: immer nahe an das an, was dir Angst macht. Also in die Hocke gehen – dann hast du dein Gewicht besser auf dem Ski und du stürzt nicht zu schnell.

Das mache ich seitdem – mit ganz gutem Erfolg. Doch irgendwann kam der Gedanke im Skiurlaub: Das ist doch beim Langlauf wie sonst im Leben. Wenn mir etwas unangenehm ist, wenn ich vor etwas Angst habe, dann versuche ich möglichst weit weg zu gehen. Und mache alles schlimmer. Ich müsste da wie auf den Skiern mich richtig hineinknien, dass ich die Situation besser meistere.

So schiebe ich unangenehme Gespräche oft immer weiter hinaus – und die Situation wird immer schwieriger. Oder überschuldete Menschen öffnen irgendwann keine Briefe mit Rechnungen oder gar Mahnungen. So lässt sich das Problem eine Weile verdrängen bis der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Ich kenne schwerkranke Menschen, die alle Symptome verdrängen und nicht zum Arzt gehen bis es zu spät ist. Oder Abiturienten, über deren Prüfung ich mir Sorgen mache. Die kommen aber spät oder gar nicht zum Beratungsgespräch, weil sie das Problem der Prüfung verdrängen – dabei könnten sie es mit Beratung leichter bewältigen.

Wir könnten besser leben, wenn wir vor dem Unangenehmen nicht flüchten, sondern uns bewusst dem aussetzen, hineingehen.

Damit sind wir beim eben gehörten Bibelabschnitt aus der Passionsgeschichte des Johannes-Evangeliums. Jesus flüchtet hier nicht vor dem Schwierigen und Gefährlichen, sondern geht mitten hinein. Er geht mitten dort hinein, wo Menschen leiden. Mitten unter die Opfer römischer Gewaltherrschaft – zwei hat er an seiner Seite. Mitten hinein in die Gewalt und Willkür der Soldaten – die ihn ausrauben, zum Opfer machen, zum Spielball ihrer Machtgelüste. Mitten hinein an den Hinrichtungsort, wo die Gaffer sich an seinem Elend nicht sattsehen können.

Jesus geht mitten hinein ins Leid, das Menschen bis heute zu schaffen macht. Überall dort, wo Gewalt und Krieg herrschen, wo Menschen andere Menschen in ihre Gewalt bringen, sie nicht mehr als Menschen, sondern als Opfer sehen. Überall dort, wo die Gaffer stehen – die ja heute alles sofort fotografieren und in die sozialen Netzwerke stellen müssen. Jesus flüchtet nicht, sondern stellt sich dem Bösen und hält es aus.

Wie es auch beim Skilanglauf ist und bei anderen schwierigen Dingen im Leben – wenn wir nicht davonlaufen und verdrängen, sondern uns dem stellen, uns hineinknien, dann können wir die Situation zum Besseren wenden.

So schafft Jesus die Wende für alle Leidenden, indem er sich selbst ins Leid hineinkniet. Zunächst dadurch, dass er im Leiden neue Gemeinschaft stiftet. Die Frauen und der Lieblingsjünger stehen unter dem Kreuz. Und Jesus sagt zu seiner Mutter: das ist dein Sohn. Und zum Lieblingsjünger: Das ist deine Mutter. Jesus schafft damit durch sein Wort seine Gemeinde als Familie, als geschwisterliche Gemeinde.

Genau das wirkt dem Leid entgegen: Leid macht einsam. Wenn wir als Gemeinde Leidende aufnehmen, ihnen zur Seite stehen, ist das der erste Schritt zur Wende. Gaffer und Gewalttäter machen den Leidenden zum einsamen Opfer – zum Gegenstand ihrer Bedürfnisbefriedigung. Die Gemeinschaft Jesu Christi holt den Einsamen in eine Gemeinschaft zurück, macht ihn zum Menschen. Es ist einfach ein Unterschied, ob ich einem Verletzten helfe oder ihn nur fotografiere.

Gemeinde Jesu Christi darf Leid nicht verdrängen. Leidenden nicht ausweichen. Sondern auf ihrer Seite stehen.

Aber natürlich ist die Kraft unserer menschlichen Gemeinschaften begrenzt. Doch Jesus bringt mitten ins Leid Gottes Kraft. Das wird deutlich, wenn er vor seinem Tod sagt: Es ist vollbracht. Gottes Wille ist geschehen. Und wenn der Evangelist darauf hinweist, dass in vielem die Schrift erfüllt ist – also die Psalmen gewissermaßen das Drehbuch für das Leiden Jesu und die Kreuzigung zur Verfügung stellen. Damit sagt er: Gott schreibt das Drehbuch und führt die Regie bei der Kreuzigung – nicht die politischen und religiösen Führer, nicht Pilatus und die Legionäre.

Wenn Jesus mitten ins Leid sich hineinkniet, dann bringt er Gottes Kraft ins Leid. Die Kraft, die seinen Weg vollendet. Die ihn in den Tod hineinführt und aus dem Tod hinausführt. Es gibt keinen Leidenden mehr, dem Gott nicht zur Seite stehen würde. Es gibt Hoffnung über das Leid hinaus. Diese Kraft Gottes gibt der Gemeinde Jesu Christi Kraft, dem Leid zu widerstehen.

Dann brauchen wir auch Leid nicht ausweichen, sondern können dem Widerstand entgegensetzen, das Menschen leiden lässt. So wie Jesus mitten unter den Außenseitern gekreuzigt wurde, so diesen Menschen zur Seite stehen. Wie Jesus den politisch und religiös Mächtigen entgegentrat, uns für Gerechtigkeit einsetzen. Nicht vor dem Leid resignieren, nicht vor dem Leid flüchten, sondern uns im Vertrauen auf Gottes Kraft hineinknien. Amen.