19. Januar 2019 - Ökumenischer Neujahrsempfang


Predigt zu Josua 3,5-11.17

Josua sagte zum Volk: Heiligt euch; denn morgen wird der Herr mitten unter euch Wunder tun. Und zu den Priestern sagte Josua: Nehmt die Bundeslade auf, und zieht dem Volk voran! Und sie nahmen die Bundeslade auf und gingen dem Volk voraus.

Da sagte der Herr zu Josua: Heute fange ich an, dich vor den Augen ganz Israels groß zu machen, damit alle erkennen, dass ich mit dir sein werde, wie ich mit Mose gewesen bin. Du aber sollst den Priestern, die die Bundeslade tragen, befehlen: Wenn ihr zum Ufer des Jordan kommt, geht in den Jordan hinein, und bleibt dort stehen!

Darauf sagte Josua zu den Israeliten: Kommt her, und hört die Worte des Herrn, eures Gottes! Dann sagte Josua: Daran sollt ihr erkennen, dass ein lebendiger Gott mitten unter euch ist: Er wird die Kanaaniter, die Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter vor euren Augen vertreiben. Seht, die Bundeslade des Herrn der ganzen Erde zieht vor euch her durch den Jordan.

Die Priester, die die Bundeslade des Herrn trugen, standen, während ganz Israel trockenen Fußes hindurchzog, fest und sicher mitten im Jordan auf trockenem Boden, bis das ganze Volk den Jordan durchschritten hatte.

Liebe Gemeinde!

„Wir stehen 2019 vor großen Herausforderungen!“ Ich weiß nicht, ob dieser Satz nachher in der Rede des Bürgermeisters fällt – aber oft gehört haben wir ihn bei Aussagen, die das neue Jahr betreffen. Ist das eigentlich ein positiver Satz: Wir stehen vor Herausforderungen? Manchmal hat man den Eindruck: Bei Herausforderungen kann ich zeigen, was ich kann. Welche Fähigkeiten und Kräfte in mir stecken. Da sagt dann jemand: Ich brauche eine neue Herausforderung. So ähnlich wie an der Spielkonsole: Jedes Level, das ich schaffe, macht mich stärker.

Aber eigentlich: das Wort Herausforderung verschleiert. Als ich am Ende meines Vikariats in meinen Abschlussbericht an den Oberkirchenrat etwas von „Problemen im Konfirmandenunterricht“ geschrieben hate, meinte mein Ausbildungspfarrer: Schreibe beim Oberkirchenrat nie etwas von Problemen, sonst giltst du als Problemfall. Schreibe: Ich stelle mich auch in Zukunft den Herausforderungen in der Konfirmandenarbeit! Da habe ich gelernt: „Herausforderung“ ist nur ein verharmlosendes Wort für „Problem“. Es klingt einfach besser, wenn der Bürgermeister nachher sagt: „Wir stehen 2019 vor großen Herausforderungen!“ Als: „Wir haben eine ganze Menge Probleme an der Backe!“

Aber genau das ist es, was in jedem neuen Jahr auf uns wartet: Herausforderungen in Gestalt von Problemen, die wir zu lösen haben. Und anders als beim Zocken auf der Spielkonsole können die Niederlagen – wenn ich das nächste Level nicht erreiche – ganz schön weh tun.

Deshalb sind die Herausforderungen, ja die Probleme, die es in jedem Leben gibt, nichts, was ich mir wünsche, sondern etwas, dem ich mich stellen muss. Das gilt für jeden Einzelnen und für jede Einzelne. Ob es die nächste Klassenarbeit, ein Schulabschluss, eine berufliche Umstrukturierung, eine Baumaßnahme ist. Ein kleines Kind oder ein Kranker, die meine Fürsorge brauchen. Der Alltag eines Vereinsvorsitzenden als Dauermotivator der Ehrenamtlichen oder als Gemeinderat, der wegen jedem Schlagloch auf irgendeiner Nebenstraße blöd angemacht wird. Das gilt für unsere Familien, für unsere Stadt, für unser Land und die ganze Welt. Ein neues Jahr ohne alte und neue Herausforderungen, respektive: Probleme, gibt es nicht. Auch wenn ich mir immer ein unproblematisches Leben wünsche – auch wenn ich dann vielleicht nicht an Herausforderungen wachsen kann, nicht auf dem nächsten Level an der Spielkonsole des Lebens zeigen kann, was ich kann.

Also: Wie gehen wir mit unseren Herausforderungen oder Problemen um? Als Beispiel wurde uns gerade in der Lesung Josua vor Augen gestellt. Er hat das nächste Level im Berufsleben erreicht. Einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter gemacht. Bisher als Zweitkraft mit Mose zusammen die Israeliten aus Ägypten durch die Wüste geführt. Jetzt ist Mose verstorben und Josua muss die Israeliten über den Jordan ins versprochene Land führen.

Da sagt Gott zu Josua: Ich will dich groß machen vor ganz Israel, damit sie wissen: So wie ich mit Mose gewesen bin, werde ich auch mit dir sein. Groß wird Josua nicht durch Glanztaten, die ihn als Supermann erscheinen lassen. Als einer, der mit seiner eigenen Kraft alle Probleme löst, alle Herausforderungen meistert – und deshalb bewundert wird. Sondern dem bewusst ist: groß ist nur der, der weiß, wie klein er ist. Stark ist nur der, der weiß, wie schwach seine Kraft ist. Überragend ist nur der, der sich unterordnen kann. Vorn sein kann nur der, der sich zurücknehmen kann. So wie Josua, der groß ist, weil er sich auf Gottes Nähe verlässt. Weil er weiß: Es gibt Herausforderungen und Probleme, die sind für meine Kraft zu groß. Aber der große Gott steht an meiner Seite.

Ich selber bin in meinem Leben immer dann krachend gescheitert, wenn ich vorher dachte: Das schaffst du mit links. Dann war ich unkonzentriert und nachlässig, so dass es schiefging. Aufgaben, an die ich mit Sorgen heranging, konnten oft besser bewältigt werden.

Wer um seine Grenzen weiß, weiß wie Josua: Ich bin auf Gottes Hilfe angewiesen. Darauf, dass Gott mitten in meinem Leben da ist als lebendiger Gott – als einer, der ansprechbar ist, der handelt. Gott ist – wie es hier heißt – der Herr der ganzen Erde. Der unbegrenzte Macht hat, der Schöpfer - er kommt in mein kleines Leben. Steht mir zur Seite.

So konnte Josua mit den Israeliten auf den Jordan zugehen. Sozusagen auf das Risiko hin, nasse Füße zu bekommen, dass das Wasser bis zum Hals steht, ich keinen festen Boden unter den Füßen habe, mir meine Felle davonschwimmen. Es ist ja bemerkenswert, dass wir bis heute für große Herausforderungen Begriffe wählen, die aus einer solchen Flussüberquerung stammen.

Doch Josua bekommt mit den Israeliten im Jordan festen Boden unter die Füße. Weil der Fluss gewissermaßen den Atem anhält. Wodurch? Durch die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Welt. Eigentlich ein Holzkasten mit Gold überzogen, von Engeln gekrönt. Darin befanden sich die Steintafeln mit den zehn Geboten. Zugleich Zeichen des Bundes Gottes mit den Menschen. Die Priester stellen sich damit in den Fluss, der versiegt.

Für uns, wenn wir in den Herausforderungen des Jahres 2019 festen Boden suchen: Symbole finden für die Nähe Gottes in unserem Leben. Für manche ist das Kreuz an der Halskette oder im Zimmer so ein Erinnerungszeichen. Die Taufkerze, die ich anzünde. Für die Zusage Jesu: Ich bin bei euch alle Tage! Für mich ist das der Karabinerhaken am Schlüsselbund – einst in Ulm bei einer Andacht von einer Kollegin uns geschenkt. Für andere: Eine Schale auf der Fensterbank – immer, wenn ich etwas Gutes erlebt habe, schreibe ich es auf einen kleinen Zettel und lege ihn in die Schale. Wenn ich Sorgen habe, lese ich diese Zettel: Ja, Gott hat mir so oft geholfen. Er ist auch jetzt da.

Und die Bundeslade trägt die Gebote Gottes. Auch sie können uns ins neue Jahr leiten: Liebe Gott – liebe deinen Mitmenschen. Nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe meistern wir die Herausforderungen.

So gehen wir ins Jahr 2019. Manchmal wie in einen Fluss. Bekommen nasse Füße. Stehen bis zum Hals im Wasser. Suchen festen Grund in den Herausforderungen, in den Problemen. Finden wir Halt und Kraft in Gottes Nähe. Gehen wir mit ihm weiter. Amen.