2. April 2017 - Judica


Predigt zu Genesis 22,1-14

Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne. Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.

Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.

Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt. Und Abraham nannte die Stätte "Der HERR sieht". Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der HERR sich sehen lässt.

Liebe Gemeinde!

Es gibt Dinge, die Menschen einander antun – die machen mich fassungslos. Die Zeitungsberichte über einen Mann, der auf der Autobahn 7 einen Stein von der Brücke warf, so dass eine ganze Familie schwer verletzt wurde. Der dann vor Gericht aber keine Spur von Reue zeigte, sondern noch dem Opfer drohte. Die Berichte aus Bundeswehrkasernen in Pfullendorf und Bad Reichenhall von merkwürdigen Ritualen. Ganz zu schweigen von Kriegsverbrechen und Terroranschlägen, die uns immer wieder erschüttern.

Bei solchen Berichten frage ich mich: Was geht in einem Menschen vor, der so etwas tut? Eine merkwürdige Gemengelage von psychischen Problemen, Gruppendruck, Gedankenlosigkeit, Aggressionspotential, Machtstreben. Dazu manchmal Weltbilder, Ideologien, ja sogar Gottesvorstellungen, die den Menschen dazu bringen, seine Tat für ein gutes Werk zu halten. Und von Zeit zu Zeit erschrecke ich über mich selbst, zu welchen Aggressionen und Gewaltphantasien ich in der Lage bin, welche Abgründe sich im eigenen Herz und in den eigenen Gedanken auftun.

Für Menschen, die an Gott glauben, verschärft sich die Fassungslosigkeit: Was für ein Gott soll das sein, der Menschen befiehlt, anderen zu schaden? Und warum greift Gott nicht ein, um das Leid zu verhindern?

Mit dem allem sind wir mitten drin in der eben gehörten Geschichte von Abraham und Isaak. Ein Befehl Gottes bringt Abraham dazu, das Leben seines Sohnes Isaak aufs Spiel zu setzen. Damit zugleich seine Zukunft, ja die Verheißung Gottes: Ich will dich segnen. Ich will dich zu einem großen Volk machen! Schlagartig verdunkelt sich die Zukunft, die gerade erst offen schien Endlich hatten Abraham und Sara das lange versprochene Kind bekommen. Endlich hatte Gott sein Versprechen wahrgemacht. Doch nun scheint das alles wieder rückgängig gemacht zu sein.

Soll Abraham nun wirklich seinem Sohn Gewalt antun? Selbst seine Zukunft aufs Spiel setzen? Was ist hier der Wille Gottes? Der vorher so klare Wille Gottes, die vorher so helle Zukunft – das erscheint nun dunkel und verborgen.

Martin Luther hat diese Erfahrung so beschrieben: Gott zeigt sich manchmal als verborgener Gott. Dessen Weg für uns unklar und rätselhaft erscheint. Der Dinge tut oder nicht verhindert, wo wir nur fragen können: Warum? Dem wir in guter Absicht dienen wollen wie Abraham, damit aber Leben und Zukunft aufs Spiel setzen. Wir finden uns in einem Leben und in einer Welt vor, die uns fassungslos und ratlos machen. Wir müssen Wege gehen, auf denen wir uns hilflos fühlen.

Weil wir dem Gott vertrauen, der einerseits es gut mit uns und dieser Welt meint. Zugleich andererseits allmächtig ist und trotzdem scheinbar nicht verhindert, was an Schlimmem geschieht. Der Menschen die Freiheit lässt, Böses zu tun – ja, die sogar Gewalttaten für den Auftrag Gottes halten. Hier geraten wir in Glaubensfragen, auf die es keine leichte, schnelle und glatte Antwort gibt.

Über Abrahams Gedanken in dieser Situation erfahren wir nichts. Nur, dass er sich mit seinem Sohn auf den Weg macht. Hin zu einem Berg, den Gott ihm zeigt. Er geht einer rätselhaften Zukunft entgegen. Spürt einen schrecklichen Auftrag in sich.

Doch zugleich scheint Abraham auf diesem Weg Hoffnung zu haben. Dass Gott es doch gut meint mit ihm und Isaak. Das wird an zwei Stellen deutlich:

Zuerst, als er seinen beiden Knechten sagt, sie sollen zurückbleiben. Er müsste ihnen nicht mehr sagen. Aber er fügt hinzu: „Wenn wir angebetet haben, werden wir zu euch zurückkehren.“ Eine Notlüge hat Abraham hier nicht nötig, er ist den Knechten ja keine Rechenschaft schuldig. Vielmehr steckt hinter diesem Satz die Hoffnung: Gott lässt ihn zusammen mit Isaak zurückkehren.

Dann wieder, als Isaak seinen Vater nach dem Opfertier fragt. „Gott selbst wird sich ein Lamm ausersehen.“ Gott wird eine Lösung finden – diese Hoffnung auch hier.

Uns wird oft nicht erspart, unsichere, rätselhafte, abgründige Wege zu gehen. Dinge zu erleben, die uns fassungslos zurücklassen. Gott nur in seiner Verborgenheit zu spüren.

Doch Martin Luther rät: Vom verborgenen Gott sollen wir zum offenbaren Gott flüchten. Uns an seinen Zusagen festklammern, so rätselhaft uns unser Weg auch gerade erscheint. So wie Abraham dem Gott vertraut, der ihn und Isaak führt, der Lösungen sieht, wo wir Menschen nur Sackgassen erkennen.

Das bewahrt uns davor, in solchen Situationen der Verunsicherung und Ratlosigkeit, zu selbstgewiss selbst das Heft in die Hand zu nehmen. Selbst Zukunft sichern und Unsicherheit reduzieren zu wollen.

Manche Gewalttat erklärt sich so, dass Menschen selbst sich ihren Weg freikämpfen wollen. Sich vergewissern wollen, dass sie ihr Leben in der Hand haben.

Und manche Eltern sind bis heute bereit, um einer sicheren Zukunft willen, das Leben ihrer Kinder zu opfern. Nicht buchstäblich mit Feuer, Seil und Messer wie Abraham hier. Aber doch, dass sie aus Sorge ihre Kinder dauernd überwachen. Nachdenklich hat mich ein Gespräch mit Kindergarteneltern gemacht, die sagten: „Wir als Kinder haben es genossen, dass unsere Eltern uns den ganzen Nachmittag draußen haben spielen lassen, ohne nach uns zu schauen – aber komisch, bei den eigenen Kindern trauen wir uns das nicht.“ Oder Kinder, die die Ziele der Eltern verwirklichen sollen. Wenn sie durchs Gymnasium gequält werden, weil man ohne Abitur angeblich keine Zukunft habe. Jeder, der händeringend einen Handwerker sucht, weiß, dass das nicht stimmt.

Ja – eine unsichere Zukunft auszuhalten ist schwer. Mit den Abgründen des Lebens umzugehen ebenso. Doch am Ende kommt Gott selbst in diese unklare Situation. In Gestalt seines Engels spricht er Abraham an, befreit Isaak und eröffnet damit die Zukunft neu. Gerade nochmal ist Isaak mit dem Leben davongekommen. Das Volk Israel hat sich deshalb mit diesem befreiten Isaak identifiziert – gerade nochmal wurde das Leben gerettet. Sogar aus den Gaskammern der Nazis.

Warum Gott Leid nicht verhindert, warum er Menschen einander Böses antun lässt, warum er sich so oft verbirgt – wir wissen es nicht. Wenn wir diese Unsicherheit aber lösen wollten, indem wir entweder die Zukunft mit Gewalt uns sichern wollten oder uns völlig von Gott abwendeten: Wir hätten auch dadurch keine Zukunft. Weil Gewalt Zukunft noch unsicherer macht. Und ohne das Vertrauen auf Gott die Zukunft nicht klarer wird, sondern nur hoffnungsloser.

Deshalb wie Abraham und Isaak auf den rätselhaften Wegen Gott vertrauen. Dass er uns sieht, dass er Auswege findet und in unsere Unsicherheit hineinkommt. Abraham und Isaak hat Gott in Gestalt des Engels angesprochen. Wir Christen vertrauen, dass Gott in Gestalt seines Sohnes in diese unsichere und oft brutale Welt gekommen ist. Der wie Isaak das Holz auf seine Schulter nahm. Die Gewalt der Menschen ertrug. Und einen Ausweg aus dem Tod gebahnt hat. Im Engel und in Christus zeigt sich Gott als der offenbare Gott, der uns nicht allein lässt.

Natürlich macht uns das Leid in dieser Welt immer noch fassungslos. Natürlich fragen wir „Warum?“ Wenn wir aber Gott vertrauen, der in diese unsichere Welt kommt, dann brauchen wir nicht zu resignieren. Wir können der Gewalt entgegentreten, wo es geht. Und die Zukunft Gott anvertrauen. Amen.