2. Dezember 2018 - Erster Advent


Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht: "Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers."

Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!

Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.

Liebe Gemeinde!

Als Kind war ich von Magneten fasziniert – Magnete, die Metallteile anziehen oder aber andere Magnete abstoßen. Dass da eine Kraft wirkt, die ich nicht sehen kann. Später in der Schule haben wir dann Magnetfelder mit Eisenspänen sichtbar gemacht. Da bildeten sich um den Magneten Kraftlinien aus diesen Spänen, durch die man sein Kraftfeld erkennen konnte.

Deshalb leuchtete mir sofort als Kind in der Geschichte von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer ein, wie die beiden aus der Lokomotive Emma ein perpetuum mobile machten – ein Fahrzeug, das ohne Kraftstoffzufuhr sich endlos bewegen konnte. Dazu brachte Lukas an einer Stange vor der Lok einen Magnet an, der die Emma immer anzog.

Solche unsichtbaren Kraftfelder wünschen wir uns manchmal im Leben. Auch unabhängig von Magnetfeldern. Die uns wie dem Perpetuum mobile Antriebskraft verleihen. Dass wir durchhalten können, wenn das Leben uns schwerfällt. Uns den Antrieb raubt.

Und es gibt ja manches, was aus unserer Lebenslokomotive alles andere macht als ein perpetuum mobile. Ob es der alltägliche Wahnsinn zum Jahresende ist, der Schüler in eine Flut von Klassenarbeiten treibt, Betriebe in Termindruck, Familien in Hektik, was noch alles für Advent und Weihnachten fertig sein soll, das in den Städten zu Stress bei Kunden, Verkäufern und Parkplatzsuchenden sorgt. Dazu in jedem Leben die individuelle Belastung vielleicht durch gesundheitliche Einschränkungen, Konflikte in Familie, Nachbarschaft oder Kollegenkreis.

Und dazu ein merkwürdiges Klima der Sorge, das sich in viele Gespräche legt, die ich in letzter Zeit geführt habe. Ich möchte diese Stimmung mit „Ja, aber“ kennzeichnen. Ja – es geht uns in Deutschland so gut, wie nie – aber wie lange bleibt das noch so? Ja – wir haben so lange Frieden wie noch keine Generation vor uns hate, aber so wie es in der Welt aussieht, ist das doch in Gefahr. Ja, im Grunde geht es mir gesundheitlich für mein Alter gut – aber … dann folgt die detaillierte Beschreibung aller Beschwerden der letzten Jahre. Man könnte es so zusammenfassen: Ja – eigentlich müsste ich zufrieden und dankbar sein, aber ich will mir einfach Sorgen machen.

Natürlich ist es richtig, sich auch Gedanken zu machen, wo Risiken in unserem Leben liegen und dafür vorzusorgen. Aber wenn ich mir davon die Zufriedenheit rauben lasse, ist das für meinen Kräftehaushalt nicht gut.

Wo also ist dieser Magnet, wo sind diese unsichtbaren Kraftlinien, die meiner Lebenslokomotive neuen Schwung geben?

Wir haben vorher das Sonntagsevangelium gehört vom Einzug Jesu in Jerusalem. Mancher wundert sich, warum die Kirche diese Bibelstelle nicht nur am Palmsonntag, sondern auch am ersten Advent liest. Wo es doch eigentlich um die Vorbereitung auf das Kommen Jesu als Kind in der Krippe von Bethlehem geht. Warum hier das Evangelium vom Kommen des erwachsenen Jesus nach Jerusalem? Weil wir sonst das Geschehen von Bethlehem zu sehr als romantisches, nettes, harmloses Event abtun könnten. Es ist ja anrührend süß dieses Baby im Stall, mit Ochs und Esel, Schafen und Hirten, Königen, einer zauberhaften Maria und einem immer etwas im Weg herumstehenden Josef. Da es aber im Weihnachtsereignis um mehr geht als nur um eine rührselige Kindergeschichte, muss es in die größeren Dimensionen eingebettet werden. Es geht darum: Gott kommt mit seiner Kraft in diese Welt, die oft genug ihre Kraftlosigkeit spürt. Das soll an diesem ersten Adventsonntag deutlich werden am Kommen Jesu nach Jerusalem. Advent ist nicht nur der Countdown für Weihnachten, sondern eine Erinnerung: Gott lässt uns Menschen nicht allein mit unseren Erfahrungen, die uns oft die Kraft rauben.

Wie die Eisenspäne das Kraftfeld des Magnetes sichtbar machen, so zeigt uns der Advent die Kraft Gottes in dieser Welt. Diese Kraft, die sonst nicht sichtbar ist. Wir sehen diese Kraft in unserem Sonntagsevangelium. Da läuft das ganze Geschehen geheimnisvoll auf Jesus zu wie die Linien der Eisenspäne auf den Magneten. Die Jünger finden die Esel wie es Jesus vorausgesagt hat. Fraglos überlässt sie der Besitzer ihnen. Als Jesus einzieht, magnetisiert das die ganze Stadt und setzt sie in Bewegung. Die Menschen spüren: da bringt einer uns diese Kraft, die wir brauchen. Deshalb rufen sie ihm zu: Hosianna – auf Deutsch: Hilf doch! Steh auf unserer Seite mit deiner Kraft!

Die Leute breiten ihre Kleider aus – als Teppich auf dem Weg und als Sitzunterlage auf dem Esel. Kleidung drückt vieles aus, was uns als Person ausmacht. Man sagt deshalb ja: „Kleider machen Leute.“ Kleider symbolisieren gewissermaßen unser Leben. Auch das sehen wir an Redensarten: „Etwas hängt mir noch in meiner Kleidung.“ „Da ist mir etwas so nahe wie mein Hemd.“ „Irgendwo kenne ich mich aus wie in meiner Westentasche.“ Wenn die Menschen also ihre Kleidung vor Jesus ausbreiten, breiten sie damit ihr Leben vor ihm aus. Bringen ihr Leben in Verbindung mit seiner Kraft.

So macht dieser Einzug in Jerusalem Gottes Kraftlinien in einer Welt sichtbar, die so oft wenig von Gottes Kraft spürt. Dieses Geschehen damals bleibt kein einmaliges Geschehen vor 2000 Jahren. Sondern so kommt Jesus in unser Leben. Seine Kraftlinien sind da – bringen unsere Lebens-Lokomotive in Bewegung.

Wie geschieht das? Wenn wir unser Leben vor Jesus ausbreiten wie die Menschen in Jerusalem ihre Kleider. Alles, was uns belastet ihm sagen im Gebet. Dazu brauchen wir keine schönen Worte finden. Es genügen die geprägten Wendungen. So wie hier die Jerusalemer mit einem Psalm rufen: Hosianna – hilf doch! So können wir das auch tun.

Das Hosianna war damals aber nicht nur eine Bitte, sondern wurde auch zum Lobruf: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Wenn wir das Lob nicht vergessen. Nicht immer nur Ja …, aber … sagen, sondern zuerst: Ja – dafür bin ich dankbar. Dann entdecken wir auch darin die Linien von Gottes Kraftfeld in unserem Leben.

Dann ist Advent in unseren Herzen. Jesus kommt mit seiner Kraft.

Das perpetuum mobile von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer mit dem Magneten funktioniert physikalisch nicht. Deshalb wird die Lokomotive unseres Lebens nicht in das Kraftfeld eines Magnets gestellt, sondern in das Kraftfeld Gottes. Seine Linien wirken in unserem Leben, wenn wir ihn einladen: Hosianna – hilf doch. Und: Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Amen!