2. Juni 2019 - Exaudi


Predigt zu Epheser 3,14-21

Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf Erden seinen Namen hat, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne.

Und ihr seid in der Liebe eingewurzelt und gegründet, damit ihr mit allen Heiligen begreifen könnt, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen könnt, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet, bis ihr die ganze Fülle Gottes erlangt habt.

Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus durch alle Geschlechter von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde!

Eine Nachricht hat die Presse in den letzten Wochen verbreitet: Die christlichen Kirchen in Deutschland verlieren bis 2060 die Hälfte ihrer Mitglieder. Weitgehend deshalb, weil geburtenstarke Mitgliedsjahrgänge dann sterben und nicht so viel neue Mitglieder nachkommen – mein geburtenstarker Jahrgang 1964 ist eben 2060 96 Jahre alt. Und so alt werden die meisten meiner Altersgenossen nicht. Diese Entwicklung lässt sich nicht verhindern. Etwas anderes ist es mit Verlusten aufgrund von Austritten und nicht gewonnen Mitgliedern, weil Menschen sich nicht taufen lassen oder eintreten. Natürlich gibt es ein Abschmelzen aller großen Organisationen – ob das Vereine, Gewerkschaften, Parteien oder aber Kirchen sind. Und die Kirchen sind auch 2060 noch die größte nichtstaatliche Organisation in Deutschland. Dieser Trend zur Individualisierung lässt sich auch nicht einfach mit Bordmitteln stoppen. Doch trotzdem bleibt die Frage: Was macht Kirche attraktiv für andere Menschen?

Ideen kommen da relativ schnell: Moderner werden, Musik und Sprache mehr am Lebensgefühl der Menschen heute orientieren und weniger an der Zeit Martin Luthers. Mehr persönliche Gemeinschaft. Größere Events. Und so weiter.

Das ist ja alles nicht falsch – und wenn ich kirchliches Leben heute mit meiner Konfi-Zeit vor über vierzig Jahren vergleiche, dann hat sich da vieles verändert. Aber das Problem dieser guten Ideen ist: Sie bleiben an der Oberfläche. Und Oberflächenkosmetik allein löst die strukturellen Probleme nicht.

Das ist ein bisschen so wie bei uns Menschen: Wenn wir nach außen attraktiv sein wollen, dann behelfen wir uns mit Kosmetik, Hairstyling, neuen Kleidern und so weiter. Obwohl wir wissen und es oft sagen: Die wahre Attraktivität muss von innen kommen. Denn egal, wie gutaussehend ein Mensch ist – wenn er ein Ekel ist, stößt er am Ende ab. Und umgekehrt: Selbst wenn jemand äußerlich nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, kann er oder sie in der direkten Begegnung, im Gespräch eine Ausstrahlung und Schönheit entwickeln.

Also stellt sich die Frage: Wie wird die Kirche von innen her attraktiv für die Menschen? Das geht nur dann, wenn Menschen das Gefühl haben: Hier bin ich willkommen mit meinen Fragen, mit meinen Sorgen, mit meinen Zweifeln. Hier bekomme ich Hilfe, die ich brauche: ein offenes Ohr, eine helfende Hand, ein gutes Wort. Hier werde ich gesegnet, hier wird für mich gebetet. Hier spüre ich, dass mein Leben in einen größeren Zusammenhang eingebettet ist als meine Augen sehen können. Getragen von Gottes Hand.

Doch wie kann das geschehen, dass die Menschen das erfahren? Nicht zuerst durch hektische Aktivitäten nach außen, die Stress und Unruhe bringen, am Ende aber doch nur äußerlich Dinge aufwirbeln. Sondern durch eine Wendung nach innen. So wie es der Apostel Paulus hier beschreibt im eben gehörten Abschnitt aus dem Epheserbrief.

Er bittet Gott für seine Gemeinde, dass Gottes Kraft ins Innere der Christen kommt. Gottes Kraft - das ist die Energie, die die ganze Welt erschaffen hat. Deshalb ist ja Gott der Vater allen Lebens im Himmel und auf der Erde. Dieser Reichtum soll den Christen Kraft geben von innen her. Indem Gottes guter Geist in die Menschen kommt. Indem Jesus Christus in ihren Herzen Wohnung nimmt. Die Christen in seiner Liebe wurzeln können.

Dieses Geschehen sieht man von außen erst einmal nicht. So wenig wie man bei uns Menschen Knochen, Muskeln und Sehnen sieht. Aber genau diese unsichtbaren inneren Bestandteile geben uns Menschen Halt, Stabilität und Kraft. Und wie wir im Fitness-Programm unsere Muskulatur aufbauen, so braucht unser innerer Mensch ein geistliches Fitness-Programm – gewissermaßen im Fitnessstudio des Geistes Gottes. Gekräftigt von Gottes Schöpferkraft. Gestärkt durch die Liebe Jesu.

Dieses geistliche Fitnessprogramm beginnt mit dem Gebet – wie bei Paulus hier. Wir wenden uns an Gott. Paulus kniet und zeigt damit: Ich ordne mich Gott unter. So soll unsere innere Haltung auch sein. Uns ganz in Gottes Hand begeben. Ihm sagen, worunter wir leiden. Wo wir an unsere Grenzen geraten. Wo wir ihn brauchen. Nicht wie sonst nach außen die Starken spielen, die alles im Griff haben, ohne Probleme sind. Sondern sagen: Herr, ich brauche dich und deine Kraft. Komme in mein Herz.

Dann können wir begreifen, dass wir in der Gegenwart Gottes leben. Paulus drückt das in geometrischen Kategorien aus: „Ihr könnt mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist.“ Gott baut einen inneren Raum für uns, nach außen unsichtbar. In diesen Raum dürfen wir eintreten. In uns selbst, in unserem Herzen. Ein Raum, wo wir nicht immer fragen müssen: Was denken die anderen? Was muss ich tun? Was steht als Nächstes in meinem Kalender, in meiner to-do-Liste? Was sagt mir mein schlechtes Gewissen, was jetzt zu tun wäre? Sondern wo wir einfach sein dürfen. Bei Gott. Kraft holen. Da werden wir erfüllt von der Fülle Gottes sagt Paulus. Wir spüren, dass es eine Kraft in unserem Leben gibt, die uns und unsere Möglichkeiten übersteigt. In diesen inneren Raum können wir immer zurückkehren, wenn wir uns leer und überfordert fühlen.

Das kann in Zeiten der Stille und des Gebetes sein. Dafür können wir Wartezeiten an der Supermarktkasse, auf dem Bahnsteig oder im Wartezimmer nutzen. Oder mitten im Trubel kurz innehalten, auf unseren Atem achten. Einfach sagen: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.

So dann erfüllt und getragen nach außen gehen. Den Menschen entgegenkommen. Zuhören, nachfragen, helfen. Diese Fülle ausstrahlen in der Begegnung mit anderen.

Das dann nicht nur als Einzelne, sondern als Kirche und als Gemeinde ebenso tun. Das ausstrahlen: Du bist hier willkommen. Und da haben wir immer noch Nachholbedarf. Wir werden noch zu sehr als Behörde oder Amt wahrgenommen statt als Begegnungsraum. Deshalb bin ich nicht glücklich, dass wir als Kirchengemeinde im Mitteilungsblatt Öffnungszeiten des Pfarramtes angeben. Wir haben das in der guten Absicht getan, den Menschen zu signalisieren: Zu diesen Zeiten erreicht ihr auf jeden Fall jemanden. Es wird aber oft gehört als: Zu anderen Zeiten dürft ihr nicht kommen. Was natürlich nicht der Fall ist – es kann dann halt nur sein, dass der Anrufbeantworter sich meldet. Aber selbst dann rufen wir rasch zurück. Oder dass Menschen sich fast entschuldigen, wenn ich ans Telefon gehe – wenn ich nicht gestört werden will, darf ich nicht ans Telefon gehen, wenn ich den Hörer abnehme, bin ich natürlich gesprächsbereit. Ich frage mich, warum wir unsere evangelischen Kirchen so oft verschlossen halten und nicht als Ort der Stille und des Gebetes den Menschen auch außerhalb der Gottesdienste anbieten. Kurz: Wir vermitteln nach außen noch zu viele Hürden, obwohl wir es nicht wollen.

Wichtig ist für uns: Nicht aus unserer inneren Logik als Kirchengemeinde denken. Sondern uns stärker von der Außenperspektive her wahrnehmen. Das wurde mir Anfang Februar deutlich: Ich war seit langem das erste Mal wieder als ganz normaler Gottesdienstbesucher hier in der Andreaskirche. Was mir vorher nicht aufgefallen war: Ich kam herein, niemand begrüßte mich. So ging ich in meine Bankreihe. Ich dachte dann: Als Fremder hätte ich mich hier fremd gefühlt und nicht willkommen.

Mehr als oberflächliche Rezepte hilft uns zur Attraktivität: Uns selbst mit Gottes Kraft erfüllen lassen. Diese Fülle weitergeben zu den Menschen. Dass sie sich bei uns willkommen fühlen. Etwas spüren von dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden. Amen.