20. April 2019 - Ostern


Predigt zu Hoheslied 3,1-5

Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen: "Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?" Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los, bis ich ihn brachte in meiner Mutter Haus, in die Kammer derer, die mich geboren hat. - Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, dass ihr die Liebe nicht aufweckt noch stört, bis es ihr selbst gefällt.

Liebe Gemeinde!

An Ostern gehört das Verstecken und Suchen dazu. Man sucht, bis das Osternest gefunden ist. Dieser Brauch soll angeblich daher kommen, dass das Ei ein Symbol für das Leben und das Glück ist. Wahres Leben und wahres Glück muss gesucht und gefunden werden.

Wenn es nur so einfach wäre, könnten wir denken. Das Osternest ist meist schnell gefunden – aber die Suche nach wahrem Leben und nach wahrem Glück? Da denkt man oft, man hätte es gefunden: Vielleicht in beruflichen Erfolgen. In erworbenem Vermögen. In dem, was ich mir leisten kann an Lebensstil. Nach der alten Bank-Werbung: Mein Haus, mein Boot, mein Auto.

Oder indem ich mich meiner eigenen Leistungskraft versichere. Wenn ein Mann einem erklärt, dass er auf einen Marathon trainiert, dann kann man sicher sein, dass der fünfzigste Geburtstag nicht weit weg ist. Ich nenne das immer Midlife-Krisen-Management. Auch im Fitnessstudio treffe ich immer wieder Männer in diesem Alter, die ständig an den Geräten stöhnen und schnaufen, damit auch jeder sieht und hört, wie leistungskräftig sie sind.

Aber wir wissen alle, dass wir in diesen kurzfristigen Erfolgen letztlich weder wahres Leben noch wahres Glück finden. Zu flüchtig ist das alles – mein beruflicher Erfolg und damit auch mein Lebensstandard beruht auf einem Bündel von Faktoren, die ich nur zum Teil beeinflussen kann. Rasch kann ich in Turbulenzen kommen. Ebenso bei unserer Gesundheit – sie ist vor allem Geschenk. Ein Geschenk, das wir nicht in der Hand haben. Das uns rasch wieder genommen werden kann.

Deshalb verlagern wir diese Suche gerne in die Zukunft. Wir leben dann auf den Feierabend, auf das Wochenende, auf den Urlaub, auf den Ruhestand zu. Glück und wahres Leben suchen und finden wir nicht jetzt und heute, sondern nachher, morgen, irgendwann. Ob es dieses Nachher wirklich gibt?

Hinter unserer Suche nach Glück und wahrem Leben steckt ja unsere Sehnsucht nach Liebe. Wir wollen geliebt werden und versuchen uns das, mit Ersatz zu verschaffen: mit messbaren Erfolgserlebnissen, mit Stolz auf unsere Leistung, mit Befriedigung von Konsumwünschen. Das verschafft uns vielleicht einen kurzfristigen Kick, vielleicht sogar Respekt und Anerkennung – aber Liebe? Liebe zu finden, ist nichts, was so einfach bewerkstelligt werden kann, wie das Finden eines Osternests.

Das wird deutlich an dem Bibelwort, das wir gerade gehört haben. Da berichtet jemand von einer nächtlichen Suche. Vordergründig sucht eine junge Frau nach ihrem Liebhaber. Sie durchstreift die Stadt, kann ihn aber nicht finden. Die Wächter, die ihr begegnen, können ihr nicht weiterhelfen. Doch dann findet sie ihn und bringt ihn nach Hause zurück – sie kann sich einer ungestörten Liebe hingeben.

Auf dieser vordergründigen Ebene geht es um die Suche nach der Liebe eines anderen Menschen. Dass wir da fündig werden, dass wir in Freundschaft, Partnerschaft, Ehe und Familie Glück und wahres Leben finden – das ist nicht selbstverständlich. Hier ist Finden Geschenk. Und wenn man sich mit Menschen unterhält, die auf ein langes gemeinsames Leben zurückblicken können – dann merken wir: dazu gehört auch, überzogene Erwartungen an den anderen aufzugeben. Sich gegenseitig als Menschen akzeptieren, die auch Schwächen und Grenzen haben. Wenn wir immer Mr. oder Mrs. Perfect suchen, dann werden wir nie lange fündig werden. Die Suche nach Liebe kommt nur ans Ziel, wenn wir Liebe schenken und Liebe empfangen.

Doch auch unabhängig von diesem Suchen und Finden von Liebe bei anderen Menschen, kann ich ein erfülltes, glückliches, geliebtes Leben finden. Wenn ich anderen Liebe schenke, kommt davon wieder etwas zurück.

Doch unser Bibelwort hat eine weitere Dimension über die menschliche Liebe hinaus. Das Hohelied kam in die Bibel, weil diese Liebesgeschichten und Liebesgedichte immer schon auf unser Verhältnis zu Gott hin gelesen und gedeutet wurden. Das Verhältnis Gottes zu seinem Volk gilt als besonderes Liebesverhältnis. Die Suche der jungen Frau nach Liebe spiegelt deshalb die Suche von uns Menschen nach Gott. Weil wir eben merken, dass menschliches Glück, menschliches Leben und menschliche Liebe immer gefährdet und begrenzt ist. Gefährdet und begrenzt, weil wir sterblich sind. Gefährdet und begrenzt durch den Tod.

Wenn wir hinter die Suchprozesse der Menschen blicken, die Glück und wahres Leben finden möchten in beruflicher oder sportlicher Leistung, in der Erfüllung unserer materiellen Bedürfnisse, in der Sehnsucht nach dem perfekten Menschen fürs Leben – dann steckt dahinter auch eine Verdrängung dieser Suche nach dem wahren Leben. Nach einem Grund, der mich trägt auch über die Grenzen meines Lebens hinaus, einer Liebe, die den Tod überdauert, einem Glück, das bleibt. Nach einer Liebesbeziehung, die stärker ist als der Tod. Es steckt dahinter die Frage nach Gott.

Damit sind wir wieder bei der Suche, die mit dem Osterfest verbunden ist. Die Suche nach Ostereiern symbolisiert unsere Suche nach einem glücklichen Leben so haben wir gesagt. Zugleich weist sie uns hin auf eine Suche in der Osternacht. Als Frauen sich auf den Weg gemacht haben wie die junge Frau in unserem Bibelwort. Nach dem geliebten Menschen. Nach dem, in dem ihnen Gott begegnet ist. Sich nicht von Wächtern haben abschrecken lassen.

Als die Frauen sich im nächtlichen Jerusalem auf den Weg machen zum Grab Jesu, wussten sie, dass sie den Geliebten nicht mehr so finden können wie jene Frau, von der das Hohelied berichtet. Denn Jesus war tot und der letzte Liebesdienst für die Frauen die Grabpflege und das Einbalsamieren des Leichnams. Dann aber fanden sie das Grab leer, suchten Jesus, fragten sich durch.

Doch nicht die Frauen fanden Jesus, sondern der lebendige Christus fand sie. Das ist das Ziel jedes österlichen Suchprozesses: Jesus findet uns. Begegnet uns als der, der stärker ist als der Tod. Der ein Leben schenkt, das mit dem Tod nicht endet. Dadurch finden wir eine Liebe, die mit dem Tod nicht endet. Weil uns in diesem Christus Gott selbst zusagt: Ich gehe mit dir eine Beziehung ein. Eine Beziehung, die mit dem Tod nicht endet. Wer sich so über dieses irdische Leben hinaus geliebt und gefunden weiß, der geht in diesem Leben anders auf die Suche.

Der muss das wahre Leben und das wahre Glück nicht mehr suchen im beruflichen Erfolg, in der sportlichen Leistung, in materiellen Gütern, im Beifall und der Anerkennung der anderen Menschen. Denn ich habe wahres Leben bereits im lebendigen Christus, in der Beziehung zu Gott. Dann kann ich das andere genießen: Erfolg, Urlaub, Liebe zu anderen Menschen. Aber ich brauche es nicht mehr zu überladen, überfrachten, überfordern mit meinen tiefen Sehnsüchten. Dann kann ich darin das kleine und das vorläufige Glück finden, den Augenblick genießen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ostern hat mit Suchen zu tun. Genießen wir unsere gefundenen Ostereier. Auch als Zeichen: Wir sind schon gefunden von Christus. Der wahres Leben schenkt und wahres Glück. Amen.