20. November 2016 - Ewigkeitssonntag


Predigt zu Offenbarung 21,1-7

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Liebe Gemeinde!

Was macht der Tod mit uns? Dieser Abschied von einem lieben Menschen? Viele, die heute hier sind, können sicher etwas davon erzählen, was sie erlebt haben – als der Tod in das eigene Leben eingebrochen ist. Weil jemand in der Familie oder im Freundeskreis unvermittelt gestorben ist. Oder weil man eine lange Leidenszeit hilflos mit ansehen musste. Weil man mit der Pflege eines Angehörigen bis an den Rand der eigenen Kraft gegangen ist oder sogar noch weiter – der Tod deshalb als Erlösung, aber zugleich als schmerzlicher Einschnitt empfunden wurde. Vielleicht mussten welche unter uns vom Unfalltod oder Suizid eines nahen Menschen erfahren. Todesnachrichten sind Schreckensnachrichten. Was machen sie mit uns? Was macht der Tod mit uns?

Der Tod macht uns hilflos. Wir merken, wie wenig wir der vergehenden Zeit, den Beschwerden von Alter und Krankheit entgegensetzen können. Wie wenig wir einen geliebten Menschen festhalten können im Leben.

Der Tod macht uns einsam. Ein Mensch, mit dem wir unser Leben geteilt haben, ist nicht mehr da. Eine Stimme, die wir gehört haben, schweigt. Ohren, die uns zugehört haben, gibt es nicht mehr. Wie oft sagen mir trauernde Angehörige: „Vielleicht halten Sie mich für verrückt – aber ich rede jeden Tag mit meinem verstorbenen Mann, meiner Frau, meiner Mutter …“

Der Tod macht uns stumm – was sollen wir sagen angesichts von Trauer und Leid? Oft sind unsere Trostversuche nicht mehr als hilflose Floskeln.

Der Tod überfordert uns. Vor allem Ehepaare haben über Jahre hinweg eine Arbeitsteilung entwickelt. Wenn dann einer stirbt, muss sich der andere erst mühsam in diese Felder einarbeiten, die der andere beackert hat.

Damit macht der Tod Angst vor einer ungewissen Zukunft. Unserer Zukunft als Trauernde in diesem Leben und unserer Zukunft nach dem Tod.

Das alles gehört zu unserer Welt, die endlich ist. Man kann das verdrängen, man kann davor davonlaufen – aber ausweichen kann man dem Tod nicht. Wir bleiben hilflos, einsam, stumm, überfordert, voll Angst.

Doch dieser Welt stellt der Seher Johannes im eben gehörten Bibelwort die Vision einer neuen Welt gegenüber: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.“ Mit dieser neuen Welt vergeht die Macht des Todes: „Gott wird abwischen alle Tränen und der Tod wird nicht mehr sein.“

Da ist einer, den der Tod nicht hilflos macht: Gott, der diese neue Welt schafft. Da ist keiner mehr einsam, sondern er ist in der Nähe Gottes und seiner Leute. Da verstummt eine Stimme nicht. Sondern Gott sagt den Menschen zu: „Siehe, ich mache alles neu.“ Unserer Angst und unserer Überforderung steht hier Gottes Handeln entgegen, das tröstet: Er wird alle Tränen abwischen. Er wird Leid und Geschrei aufhören lassen. Gott ist ganz nahe bei den Menschen.

Nun stehen zwei Welten gegenüber: Die Welt, die wir sehen, in der der Tod herrscht. Wo wir Trauer, Leid, Hilflosigkeit, Einsamkeit, Stummheit, Überforderung und Angst spüren. Dagegen die Welt, die Johannes hier beschreibt. Eine Welt, von der wir heute noch fast nichts spüren. Eine Welt, die wie eine Illusion anmutet. Ja: Die Welt des Todes nehmen wir wahr. Aber den neuen Himmel und die neue Erde?

Wo zeigt sich schon etwas von dieser neuen Welt in unserer alten? Wo bricht Gottes Kraft herein in unsere Erfahrung der Ohnmacht? Wo spüren wir etwas vom neuen Leben mitten im Tod?

Zunächst dadurch, dass Gott selber dahintersteht. Weil er in dieser neuen Welt ganz nahe bei den Menschen ist. Mit seiner Kraft. Und diese Kraft bereits in der alten Welt des Todes wirken lässt. Am deutlichsten in der Auferweckung Jesu Christi von den Toten am Ostermorgen. Als schon die Kraft des neuen Lebens eingebrochen ist in die alte Welt.

Dieses Hoffnungszeichen ist da. Die Kraft, von der wir Christen leben in dieser alten Welt des Todes. Die Kraft, mit der wir Tod und Sterben begegnen. Und dem entgegenwirken, was der Tod bei uns bewirkt.

Der Angst, die der Tod mit sich bringt, setzen wir die Hoffnung entgegen: Dass das, was an Ostern bei Jesus geschehen ist, auch bei unseren Verstorbenen und bei uns geschehen wird nach unserem Tod: Die Auferweckung zum neuen Leben.

Der Überforderung und Hilflosigkeit durch den Tod, setzen wir unsere Hilfe entgegen. Trauernde leiden ja oft darunter, dass die Mitmenschen um sie einen Bogen machen – nicht aus Bosheit, sondern aus Hilflosigkeit. Wer auf die Kraft der Auferstehung hofft, der kann Trauernden beistehen – durch ganz praktische Hilfe, durch einfaches Da-Sein und Zuhören. So Überforderung und Hilflosigkeit verringern.

Damit setzen wir der Einsamkeit, die der Tod verursacht, unsere Gemeinschaft und Nähe entgegen. Natürlich kann kein Freund und Nachbar, kein Seniorenkreis und kein Kirchenchor einen verstorbenen lieben Menschen ersetzen. Aber ein Stück Gemeinschaft und Unterstützung auf dem Weg der Trauer können sie durchaus geben.

Die Botschaft von der Auferstehung, von der neuen Welt Gottes – sie wirkt auch der Sprachlosigkeit entgegen, die der Tod verursacht. Weil wir diese Hoffnungsbotschaft haben, die eine Perspektive eröffnet über unser irdisches Leben hinaus. Wir brauchen nicht nur unsere Worte, die uns so häufig kraftlos erscheinen, sagen, sondern können Gottes Lebenswort weitersagen: „Siehe, ich mache alles neu.“

So leben wir aus der Kraft und der Hoffnung der neuen Welt ohne Tod und Tränen in der alten Welt, in der immer noch gestorben und geweint wird. Wir erleben Hilflosigkeit, Einsamkeit, Stummheit, Überforderung und Angst. Aber zugleich setzen wir dem diese Vision gegenüber, die uns Hilfe, Gemeinschaft, Worte, Unterstützung und Mut schenkt. Die Hoffnung auf den, der Anfang und Ende ist, der unser Gott ist und wir seine Kinder. Amen.