21. Oktober 2018 - 21. Sonntag nach Trinitatis


Predigt zu Jeremia 29,1.4-7.10-14

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte - So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.

Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Liebe Gemeinde!

Meine Studienzeit lag noch vor der Erfindung des Handys. Deshalb gab es in unserem Tübinger Wohnheim auf dem Flur ein Festnetztelefon für alle mit einem langen Kabel, so dass man das Telefon in jedes Zimmer mitnehmen konnte. Und wenn es klingelte, musste halt jemand ans Telefon gehen und es demjenigen weitergeben, dem der Anruf galt. So ging ich einmal in der Weihnachtszeit ans Telefon, der Anrufer verlangte eine Mitbewohnerin, von der ich wusste, dass sie über die Weihnachtsfeiertage zu ihren Eltern gefahren war. Deshalb sagte ich zu dem Anrufer: „Sie ist zu Hause.“ Der meinte: „Sie ist zu Hause, dann holen Sie sie doch ans Telefon.“ „Nein“ antwortete ich „sie ist zu Hause.“ Wieder: „Wenn sie zu Hause ist, kann sie doch ans Telefon kommen.“ Allmählich wurde mir das Missverständnis klar: Für mich – wie für viele Studierende – war „Zuhause“ das Elternhaus und der Heimatort der Ort, in dem man aufgewachsen war. Für den Anrufer war „Zuhause“ der Studienort. Dieses nebensächliche Missverständnis in einem Telefonat machte mich damals nachdenklich: Ja – wo bin ich eigentlich zu Hause? Was ist für mich Heimat?

Das mag für alle Menschen kein Problem sein, die von Geburt bis zum Alter in ihrem Elternhaus wohnen, immer im selben Ort geblieben sind. Da scheinen Heimat und Zuhause relativ eindeutig zu sein. Aber für alle anderen stellt sich diese Frage: Durch Vorpraktikum, Studium und Beruf habe ich seit dem Abitur an zehn verschiedenen Orten gewohnt. Ich war vor wenigen Wochen wieder einmal in meinem Elternhaus im Remstal – weil unsere Mieter ein Problem hatten. Einerseits war mir vieles vertraut, andererseits vieles fremd. Zuhause bin ich da nicht mehr. Und so geht es mir mit jeder dieser anderen zehn Lebensstationen danach.

Für andere ist Heimat ein längst vergangener Ort – die Orte der Kindheit. Doch unwiederbringlich verloren durch Krieg und Vertreibung. Nur noch in der Erinnerung präsent. Manche sagen von sich selbst über siebzig Jahre nach Kriegsende: Ich stamme aus Ostpreußen. Ich bin Bessarabier oder Schlesier. Obwohl man im Grunde schon längst hier zu Hause ist und freiwillig nicht in diese alte Heimat übersiedeln wollte.

Wieder andere haben ihre Heimat dadurch verloren, dass eine Familie zerbrochen ist. Eltern sich getrennt haben. Kinder deshalb mit einem Elternteil wegziehen mussten. Da idealisiert man in der Erinnerung die heile Familie mit Heimat – aber die ist unwiederbringlich zerbrochen. Wo bin ich dann zu Hause?

Heimat hängt dann oft an einem für besser erklärten Gestern. Mir steht eine ältere Dame vor Augen, die vor vielen Jahren in jenen Ort eingeheiratet hatte, in dem ich damals Pfarrer war. Inzwischen war der Mann verstorben und die Kinder aus dem Haus. Sie schimpfte nur, dass sie jetzt in diesem Dorf wohnen musste, wo alle Menschen so böse zu ihr seien. In dem Ort, in dem sie geboren und aufgewachsen war, da sei sie eine geachtete Person gewesen. Aber hier jetzt?

Viele, die im Laufe ihres Lebens umgezogen sind, idealisieren so oder ähnlich ihren Herkunftsort und ihre Herkunftsfamilie. Dass das eine Illusion ist, merken die, die immer im selben Haus gewohnt haben. Selbst die erleben ständig Veränderungen. Läden und Bankfilialen schließen, Nachbarn wechseln, technischer Fortschritt nötigt einem Umdenken ab. „Ich fühle mich hier nicht mehr daheim.“ Sagen sie dann manchmal.

Ja – Heimat und Zuhause verändern sich, weil unser Leben aus Veränderungen besteht. Wo bin ich also zuhause? Eine Frage auch der Israeliten, die diesen Brief des Propheten Jeremia erhielten, den wir gerade gelesen haben. Sie waren aus Jerusalem von den Babyloniern verschleppt worden nach der militärischen Niederlage. Jetzt waren sie unfreiwillig weit weg von ihrer gefühlten Heimat. So wie es Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach Kriegen bis heute erleben. Da gab es Propheten, die ihnen sagten: Rasch dürft ihr wieder nach Hause. Ihr braucht euch auf Babylon und die Babylonier nicht einlassen.

Dem widerspricht Jeremia im Auftrag Gottes. „Baut dort Häuser. Pflanzt dort Gärten. Gründet Familien. Sucht Frieden für diese Stadt, in die ich euch geführt habe. Kümmert euch um eure Mitmenschen. Betet für die, die eure Feinde waren, für die, unter denen ihr euch fremd fühlt. Selbst wenn ich euch einmal wieder heimführe: Jetzt ist das euer Platz.“

Denn überall, wo Menschen Gott begegnen, wo sie beten, wo Gott ihnen antwortet, sind sie zu Hause. Zu Hause in der Gegenwart Gottes. Bei ihm. Wer sich so bei Gott geborgen und daheim fühlt, muss nicht krampfhaft versuchen, sich Geborgenheit und Heimat selbst zu schaffen. Entweder indem er sich zurückträumt in ein verklärtes Gestern oder indem er versucht, alle Veränderung wegzudrängen, alles Fremde fernzuhalten. Dieses Bemühen führt ja manchmal zu grotesken Reaktionen: In einer meiner früheren Kirchen lag vor dem Altar ein Teppich, dessen Schönheit Geschmackssache war. Für ein Konzert musste er weggerollt werden. Plötzlich sah für mich und viele Kirchengemeinderäte der Altarbereich viel besser aus. Wir rollen den Teppich nicht wieder aus. Dann aber bekamen wir den Shitstorm vieler Gemeindeglieder ab, bis wir den Teppich wieder zurückbrachten. Weil er – ob schön oder nicht – für viele Heimat repräsentierte.

Aber so einfach können wir nicht alles Fremde und Neue aussperren. Deshalb vermittelt Jeremia den Israeliten in Babylonien dieses andere Heimatgefühl: Heimat und Geborgenheit im Gebet, bei Gott. Wenn ich mich so bei Gott zu Hause fühle, kann ich mich auf alles Neue einlassen, vor das das Leben mich stellt.

Die Menschen, die mir jetzt begegnen, sind die Menschen, um die ich mich kümmern soll. Mich auf sie einlassen. Ihnen helfen, für sie beten. Nicht denken: Früher waren alle viel netter – das stimmt gar nicht. Die Stadt, der Ort, an dem ich jetzt gerade lebe, ist der Platz, an den Gott mich gestellt hat. Hier soll ich mich einsetzen für Frieden. Oder wie Luther dieses Wort Jeremias übersetzt: Sucht der Stadt Bestes. Die Veränderungen, vor die ich jetzt gestellt werde, muss ich angehen – den Kopf in den Sand stecken und von einer idealen Heimat träumen, hilft nicht.

Gärten pflanzen und Familien gründen – das fordert Jeremia von den Israeliten. Beides sind Tätigkeiten, die in die Zukunft gerichtet sind. Heute würden wir sagen: Nachhaltig leben. So leben, dass die Menschen nach uns auch noch leben können. So mit unserer Umwelt umgehen – Ressourcen schonen, Müll vermeiden, die Natur pflegen. Das bedeutet auch: Manche liebgewordene Gewohnheit überdenken. Muss ich überall mit dem Auto hinfahren? Beginnt ein Urlaub erst mit einer Flugreise? Muss ich im Winter in der Wohnung im T-Shirt sitzen können? Also: Eine Welt gestalten, in der sich unsere Nachkommen wohlfühlen.

Dann gilt Gottes Zusage: „Ich habe Gedanken des Friedens und nicht des Leides über euch, damit ich euch Zukunft und Hoffnung gebe.“ Uns werden in unserem Leben Umbrüche, Veränderungen, Ortswechsel, Umdenken zugemutet. Aber in dem allem steht Gott an unserer Seite mit seinen Gedanken, die Zukunft und Hoffnung geben. Bei Gott bleiben wir geborgen. Zu ihm können wir Zuflucht nehmen, wenn wir beten.

Wo sind wir zu Hause? Das Leben vertreibt uns immer wieder aus den Bereichen, wo wir uns gemütlich eingerichtet haben. Nehmen wir das als Gottes Platzanweisung. Nehmen wir die Orte und Veränderungen an, in die wir gestellt werden. Gestalten wir sie so gut es geht, schaffen Frieden und Zukunft. Es gibt in dieser Welt kein Zuhause auf Dauer. Daheim sind wir nur bei Gott. Bei Gott, der über uns Gedanken des Friedens hat. Der uns Zukunft und Hoffnung gibt. Der sich von uns finden lässt, wenn wir ihn suchen. Amen.