22. Januar 2017 - Dritter Sonntag nach dem Erscheinungsfest


Predigt zur Jahreslosung Hesekiel 36,26

Liebe Gemeinde!

Die Konfirmandinnen und Konfirmanden haben uns gerade mitgenommen zu einer interessanten Reise durch die Ergebnisse des Kreativtages. Wenn aus gebrauchtem Alltagsmaterial wie Kugelketten und Wolle schöne Armbänder werden, wenn Menschen und Räume plötzlich beim Lightpainting in ein neues Licht getaucht werden. Dann denkt mancher: Das wünsche ich mir auch für mein Leben. Die Reste, Bruchstücke und Überbleibsel zu verknüpfen wie Kette und Wolle zu etwas Neuem und Schönen. Das was mir misslungen ist, meine Niederlagen, Kränkungen und Verletzungen, die verhauene Mathearbeit oder das in den Sand gesetzte Projekt als Anknüpfung nutzen für einen Neustart. Mein Leben, meinen Alltag, meine Schattenseiten in ein neues Licht tauchen. Lightpainting – nicht im Gemeindehauskeller, sondern in den Kellern, Rumpelkammern und dunklen Flecken meines Lebens. Das wäre etwas Neues.

Wir Menschen leben mit täglichen Niederlagen, nicht verwirklichten Plänen, werden ständig damit konfrontiert, dass wir den Erwartungen nicht entsprechen: Weder den von Vorgesetzten oder Lehrern noch den von unseren Familienmitgliedern oder den Menschen, mit denen wir bei unserer Arbeit zu tun haben. Da wäre so ein Neustart wie beim Armbänder knüpfen oder beim Lightpainting schön.

Aber so einfach ist das ja nicht – wir merken das schon daran, wenn wir drei Wochen nach dem Jahreswechsel versuchen, uns an Neujahrsvorsätze zu erinnern. Aus eigener Kraft ist ein Neustart schwer.

Doch da verspricht Gott seinem Volk Israel in dem Bibelwort, das uns 2017 als Jahreslosung begleitet: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Einst den Menschen in Jerusalem und in der Gefangenschaft in Babylonien zugesprochen als sich Israel nach einem verheerenden Krieg und einer schmerzlichen militärischen Niederlage nach einem Neustart sehnte.

Gott selbst, nicht die Menschen, machen diesen Neustart. So ähnlich wie die Konfis am Kreativtag aus den Alltagsgegenständen Schmuckstücke machten und aus Knicklichtern in einer dunklen Abstellkammer bunte Bilder. Indem Gott uns Menschen in seine Hand nimmt. Uns hilft. Unser Leben hell macht. Uns innerlich erneuert. Statt dem schweren, traurigen, ängstlichen Herz ein neues Herz gibt, das Gott vertraut. Und statt dem müden und resignierten Geist einen neuen Geist in uns legt. Einen Geist, der neu begeistert. Weil Gott in unserem Leben am Werk ist. Damit wird der Neustart nicht mehr eine Sache von uns Menschen, sondern Gott macht diesen Neustart zu seiner eigenen Sache.

Wie aber erleben wir so etwas? Vielleicht geben uns die inszenierten Bilder darauf eine Antwort: Beide Bilder zeigen etwas davon, dass Gott uns trägt. Gottes Nähe im Symbol des Lammes auf einem der Abendmahlskannen im Gemeindehaus und im Zeichen des Kreuzes. Einfach sich so tragen lassen. Indem wir nicht krampfhaft versuchen, unsere Niederlagen zu vertuschen oder schönzureden, nicht mit verzweifelter Anstrengung versuchen, unser Leben in den Griff zu bekommen. Wie die beiden, die sich irgendwie festhalten. Sondern einfach zu Gott sagen: Trage du mich. Ich vertraue dir.

Damit werden vielleicht die Herausforderungen unseres Lebens nicht kleiner. Aber wir gehen gelassener und zuversichtlicher um. Fliegen gewissermaßen wie auf dem Bild darüber. Ob wir Gott vertrauen oder nicht: Unser Leben birgt seine Zumutungen in sich. Aber mit Gott brauchen wir sie uns nicht allein zumuten. Es trägt einer mit. Der sagt: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Denn Gott handelt mit der Kraft, die Neues schafft. Die einst diese Welt aus dem Nichts geschaffen hat. Und die eine neue Welt schaffen wird. Symbolisiert durch die wachsenden Bäume. Wo Tiere und Menschen in Frieden leben werden. Wo wir wie Kinder beschenkt werden und vertrauen dürfen. Gottes neue Welt.

So wie es im Gedicht Zeitansage von Dorothee Sölle heißt:

Es kommt eine zeit
da wird man den sommer gottes kommen sehen
die Waffenhändler machen bankrott
die Autos füllen die schrotthalden
und wir pflanzen jede einen baum

Es kommt eine zeit
da haben alle genug zu tun
und bauen die gärten chemiefrei wieder auf
in den arbeitsämtern wirst du
ältere leute summen und pfeifen hören

Es kommt eine zeit
da werden wir viel zu lachen haben
und gott wenig zum weinen
die engel spielen klarinette
und die frösche quaken die halbe nacht

Und weil wir nicht wissen
wann sie beginnt
helfen wir jetzt schon
allen engeln und fröschen
beim lobe gottes

Wenn wir dieser Kraft Gottes vertrauen: Die unser Leben und unsere Welt von Anfang bis Ende trägt. Dann verändern wir uns. Weil wir von uns und von anderen nicht mehr enttäuscht werden. Da wir wissen: Wir Menschen sind schwach und können unsere guten Absichten oft so schwer umsetzen. Das macht uns nüchtern und gelassen – unseren Fehlern gegenüber und denen der anderen gegenüber. Und dann im Vertrauen auf Gott, das tun, was möglich ist. Uns von ihm tragen lassen. Von seiner Zusage: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Amen.