22. Juli 2018 - 8. Sonntag nach Trinitatis


Predigt zu 1. Korinther 6,9.-20

Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.

Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an die Hure hängt, der ist ein Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: "Die zwei werden ein Fleisch sein" Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm. Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, sind außerhalb seines Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Liebe Gemeinde!

Ist Glaube an Gott vor allem eine Kopfsache? Etwas, was ich zuerst intellektuell mit mir ausmachen muss? Was ich vielleicht auch kognitiv – also mit meinem Denkvermögen – lernen kann?

Manchmal scheinen wir diesen Eindruck zu vermitteln – wenn wir von Konfirmandenunterricht reden beispielsweise. Das riecht nach Schule und Wissensvermittlung, nach grauer Theorie. Und tatsächlich erlebe ich es oft, dass Eltern von Jugendlichen mit einer Lernbehinderung sehr skeptisch vor Beginn der Konfirmandenzeit fragen, ob ihr Kind mit den Anforderungen zurechtkomme. Oder wenn unser Predigtgottesdienst die Anmutung einer akademischen Vorlesung hat – und deshalb von vielen auch als langweilig empfunden wird.

Und selbstverständlich hat Glaube auch diese intellektuelle Dimension. Es gibt Dinge, die man lernen kann, über die man nachdenken muss. Ein Glaube nur als Event wäre dann doch etwas dünn.

Aber ausschließlich nur Kopfsache? Wenn es so wäre – und viele denken wohl, dass es so ist -, dann bliebe der Glaube wirkungslos. Ohne Konsequenzen für unser praktisches Leben. Graue Theorie eben.

Und mit dieser bloßen grauen Theorie geben sich immer weniger heute zufrieden. Schule setzt auf andere Formen des Lernens als nur theoretisch-kognitive Wissensvermittlung mittels Frontalunterricht nach dem Motto aus meiner Schulzeit: „Alles schläft und einer spricht, dieses nennt man Unterricht!“ Und auch sonst entdecken wir unsere Körper neu.

Ob im Fitness-Studio, wo Body-Forming angeboten wird. Ich übe also nicht nur meine Muskulatur, um irgendwie meine Rückenbeschwerden in den Griff zu bekommen. Sondern ich gestalte meinen Körper und meine Muskulatur als Kunstwerk – am besten dann noch durch passende Tattoos unterstützt. Auch die vielen Tattoo-Studios in den Städten unterstreichen dies.

Oder die dauernde Vermessung meines Körpers mit Fitness-Armbändern. Und seine zur-Schau-Stellung auf Instagram oder in meinem Facebook-Profil. Ich will das jetzt gar nicht ironisch auf die Schippe nehmen – aber es zeigt, dass wir gerade dabei sind, unsere körperliche Präsenz in dieser Welt neu wahrzunehmen. Zu entdecken: Damit ich als Person in dieser Welt Wirkung entfalten kann, genügt nicht allein der Kopf. Genügen nicht allein meine klugen Gedanken oder mein Wissen. Sondern ich muss physisch mit meinem Körper wahrnehmbar sein.

Physische Präsenz heißt: Ich bin als ganzer Mensch mit meinem Denken und Handeln, mit meinem Fühlen und meinem im-Raum-Stehen da. Ich erzeuge Resonanz – andere reagieren auf meine Anwesenheit. Mein Leben wird von anderen ahrgenommen und hat Wirkung. Ich erreiche etwas.

Diese physische Präsenz wird verstärkt, indem ich damit auch in den sozialen Netzwerken präsent bin. Je nach Alter auf Snapchat, Instagram, Whatsapp oder Facebook wahrgenommen werde.

Wenn wir von dieser physischen, körperlichen Präsenz unseren Glauben abkoppeln – ihn nur in unserem Kopf und in unserem Herzen stattfinden lassen, dann bleibt er nur innerlich. Erzeugt keine Wirkung. Das passiert beim Glauben an Gott deshalb so rasch, weil sich zunächst so viel im Denken und Fühlen und so wenig im Handeln abspielt. Ich muss zunächst glauben, dass Gott da ist. Gedanklich und gefühlsmäßig erfassen. Doch um in unsere Welt auszustrahlen, muss gewissermaßen der Glaube aus dem Hirn und aus dem Herz in den Körper kommen, Hand und Fuß bekommen.

Vor diesem Problem standen bereits die Christen in der griechischen Hafenstadt Korinth im ersten Jahrhundert nach Christus. Denn auch im griechischen Denken war die Seele, der Geist des Menschen das Wesentliche, der Körper dem untergeordnet und nicht so wichtig. So machte sich auch eine gewisse Zügellosigkeit im Umgang mit dem Körper bemerkbar. Das galt dann auch für die christliche Gemeinde dort – da ja die Seele durch den Glauben bei Gott war, schien nicht mehr so wichtig, was ich mit meinem Körper mache. Ob ich ihn mit Alkohol zudröhne oder meine sexuellen Triebe bei einer Prostituierten auslebe.

Deshalb schreibt der Apostel Paulus die eben gehörten Zeilen an diese Christen in Korinth: Euer Körper ist nicht nur ein Anhängsel eures Verstandes und eures Kopfes. Paulus begründet das mit der Auferstehung Jesu. Gott hat ja nicht nur die Seele Jesu an Ostern auferweckt. Jesus war ja nicht nur irgendein Gespenst. Sondern als ganzer Mensch kam Jesus in das neue Leben. Und so wird Gott einst auch uns auferwecken als ganze Menschen. Nicht nur – wie die griechischen Denker meinten – als unsterbliche Seele, sondern auch mit einem erneuerten Körper. „Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.“ Deshalb gehört unser ganzer Leib zu Christus.

Paulus scheibt weiter: Euer Leib ist der Tempel des Heiligen Geistes. Für die Menschen der Antike ist der Tempel der Ort, in dem Gott in dieser Welt seinen Wohnsitz nimmt. In dem Menschen Gott begegnen. Gott nun nimmt durch seinen guten Geist Wohnung in unserem Körper. In unserem Körper begegnen wir Gott – bei jedem Atemzug, bei jedem Schluck Wasser, bei jedem Bissen Brot, wenn wir uns bewegen. Mit unserem ganzen Körper, als ganze Menschen gehören wir Gott. Gott hat viel für uns getan. Deshalb endet dieses Bibelwort: „Denn ihr seid teuer erkauft, darum preist Gott mit eurem Leibe.“

Es geht nicht um ein bloßes Body-Forming und ein öffentliches Darstellen, um mich selbst optimal zu präsentieren. Sondern es geht darum, dass das, was ich glaube, Wirkung zeigt in dieser Welt. Wahrnehmbar ist. Andere es registrieren und darauf reagieren. Nur dann wird unser Vertrauen auf Gott wirksam und spürbar in unserer Welt. Ich lebe mit meinem Denken und Fühlen, mit meinem Handeln und Da-Sein ganz im Kraftfeld Gottes. Lasse mich von Gott bestimmen.

Wie geschieht das? Paulus nennt drei Richtungen, in denen ich das leben soll:

  1. Gehe gut mit deinem Körper um!
  2. Gehe gut mit dem Körper der anderen um!
  3. Gehe mit deinem Körper im Kraftfeld Gottes!

Die erste Richtung: Gehe gut mit deinem Körper um! Paulus schreibt: Zwar ist mir alles erlaubt, aber nicht alles nützt mir. Paulus nennt das Essen und den Alkohol. Wenn wir damit bewusst umgehen. Weglassen, was unserem Körper schadet, das tun, was unsere Gesundheit fördert. Dazu gehört aber auch, unsere Grenzen zu respektieren. Wenn Alter und Krankheit uns einschränken, das tun, was möglich ist und das lassen, was schadet. Uns bewusst machen: Egal für wie hässlich, wie alt oder krank wir unseren Körper halten – er ist und bleibt Gottes Geschöpf, er ist und bleibt Tempel des Heiligen Geistes.

Die zweite Richtung: Gehe gut mit dem Körper der anderen um! Auch der Mitmensch ist mit Leib und Seele Gottes Geschöpf. Deshalb respektiere ich sein Eigentum, bin großzügig, lästere nicht über ihn. Dazu gehört für Paulus auch der Umgang mit meiner Sexualität und der des anderen. Dass ich nicht den anderen der Befriedigung meiner Bedürfnisse unterordne, meine Macht ausspiele. Deshalb verurteilt Paulus hier homosexuelle und heterosexuelle Handlungen gleichermaßen, in denen einer den anderen mit Gewalt dazu zwingt – insbesondere die damals verbreitete Prostitution. Er tut das, gerade weil die Sexualität als solche eine gute Gabe Gottes ist – aber eingebettet sein soll in eine Beziehung von Liebe und Vertrauen. Die Me-too-Debatte in vielen Bereichen zeigt uns, dass das sogar bis heute ein Problem ist. Wie Mächtige die von ihnen Abhängigen zum Opfer ihrer sexuellen Triebe machen.

Die dritte Richtung: Gehe mit deinem Körper im Kraftfeld Gottes. Zeichen dieser Kraft Gottes ist die Taufe. Dieser Kraft sollen wir vertrauen. Bei aller körperlichen Schwäche, in dieser Kraft Gottes wirken, so gut wir können. Und wenn wir Fehler machen, zu Gott zurückkommen. Seine Vergebung in Anspruch nehmen. Wie Paulus schreibt: Uns reinwaschen lassen und gerecht machen lassen durch den Namen des Herrn Jesus und durch den Geist unseres Gottes.

Glaube an Gott ist also nicht nur Kopfsache. Sondern wir leben ihn mit unserem ganzen Menschen. Gut zu uns. Gut zu anderen. Mit Gottes Kraft. Amen.