22. Mai 2016 - Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Römer 11,33-36

Liebe Gemeinde!

Ich wurde einmal Zeuge eines Gesprächs zweier älterer Damen. Es geht mir bis heute nach, obwohl es bereits zwanzig Jahre her ist. Beide kannten sich seit ihrer Kindheit. Die eine hatte gerade ihre einziges Kind verloren – ihre erwachsene Tochter, die an Krebs gestorben war. Die andere war nie verheiratet – hatte weder Kinder noch Neffen oder Nichten. Die eine sagte: Warum musste meine Tochter vor mir sterben? Die Antwort der anderen: Warum regst du dich darüber so auf? Du hattest wenigstens fast vierzig Jahre eine Tochter – ich hatte nie eine. Das ist doch viel schlimmer.

Wie gesagt seit zwanzig Jahren muss ich immer wieder an dieses merkwürdige Gespräch denken. Wer hat es wirklich schlechter getroffen? Was ist wirklich schwieriger? Kann das überhaupt jemand beurteilen, wie es einem anderen mit einem schweren Schicksalsschlag geht? Kann das Leid zweier durch unterschiedliche Lebensläufe einsam gewordener älterer Frauen überhaupt miteinander verglichen werden? Muss man nicht zu beiden sagen, was Herbert Grönemeyer nach dem allzu frühen Tod seiner Frau dichtete: „Das Leben ist nicht fair“? Die Rechnerei, zu wem es unfairer ist, bringt nicht weiter.

Unser Leben geht nicht glatt auf wie eine mathematische Formel. Es gibt Dunkles, Rätselhaftes, Abgründiges – scheinbar Unverdientes. Es gibt angeblich vom Leben viel besser Behandelte als mich.

Natürlich kommt bei diesen Fragen rasch auch unser Glaube an Gott ins Spiel. Die Gedanken: kann ich in diesem so oft unfairen Leben wirklich Gott vertrauen? Glaube ich nur an Gott, wenn es mir gut geht? Brauche ich es, dass Gott mir alle Fragen meines Lebens beantwortet? Existiert Gott nur, wenn mein Leben ohne Sorgen, Fragen und Probleme verläuft?

Vor einer Woche veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung einen Artikel mit der Überschrift „Wunderglaube“ (www.sueddeutsche.de/leben/betenals-letzteinstanz-wunderglaube-1.2989598): Er zitiert eine neue medizinische Studie aus den USA an HIV-Patienten: Wer während der Krankheit betete und Gott vertraute, hatte wesentlich mehr gesunde Blutzellen als der, der seine Krankheit als Strafe Gottes empfand oder gar seinen Glauben dabei verlor. Die Autorin schrieb: „Wenn wir Zuflucht in einer mitfühlenden Kraft finden können, die größer ist als wir selbst, haben wir damit einen mächtigen Bündnispartner. … Unser Glaube kann also einen enormen Einfluss auf unsere Gesundheit haben, im Positiven wie im Negativen.“ Und zwar dann, wenn unser Glaubenssystem flexibel genug ist, nach einer Zeit der Wut, Trauer und Orientierungslosigkeit das traumatische Erlebnis in dieses System einzuordnen. „Die Kernfrage ist also nicht: Gott, wie konntest du das geschehen lassen? Sondern: Ist mein Gott groß genug, um meinen Schmerz aufzufangen?“

Das heißt natürlich nicht, dass derjenige, der so glauben kann, stets von jeder Krankheit geheilt würde. Aber das heißt: er kann mit einem Schicksalsschlag selbst dann besser umgehen, wenn die Situation sich äußerlich nicht verbessert.

Diese von der Journalistin so formulierte Kernfrage „Ist mein Gott groß genug, um meinen Schmerz aufzufangen?“ scheint auch den Apostel Paulus im eben gehörten Lobpreis Gottes zu beschäftigen. Da steht Paulus fast ratlos vor den Wegen, die Gott sein Volk Israel geführt hat. Und damit auch ratlos vor der Geschichte Gottes mit der Gemeinde Jesu. Warum glauben die Israeliten nicht, dass Jesus der versprochene Sohn Gottes ist, der Messias, der Christus? Paulus kann am Ende nur sagen: Es ist Gottes Weg, der zunächst die Nichtisraeliten durch Christus zum Gott Israels führen will, um dann ganz Israel zu retten. Wege Gottes, die er nur als unergründlich erkennen kann. So wie jeder Lebensweg voller Rätsel bleibt.

Paulus weist zugleich zwei menschliche Allmachtsphantasien ab. Die erste Allmachtsphantasie: Wir hätten gewissermaßen einen Beratervertrag mit Gott und könnten ihm sagen, was er zu tun oder zu lassen hätte. So ähnlich wie beim Kinofilm „Bruce allmächtig“, wo Bruce Gott erklären wollte, wie er die Welt richtig regieren könne. Daraufhin lässt Gott den Bruce an seiner Stelle handeln. Rasch ist er angesichts der vielen Anfragen und unterschiedlichen Wünschen und widerstreitenden Interessen der Menschen hoffnungslos überfordert. So wie die beiden Damen, die einander aufrechnen wollten, wer von ihnen das schwerere Schicksal hätte.

Die zweite Allmachtsphantasie: Unser Glaube wäre gewissermaßen eine Vorleistung, die wir Gott gegenüber erbringen können. Und Gott gibt uns im Gegenzug dafür ein problemloses Leben. Dann fühlen wir uns immer ungerecht behandelt. Weil wir immerzu vergleichen. Sagen: Der andere hat sich viel schlechter verhalten als ich, aber es geht ihm viel besser als mir. Und übersehen die Schattenseiten und die Lichtseiten im Leben des Mitmenschen. Auch dafür sind die beiden Frauen vom Anfang in Beispiel. Die nur die Vorteile im Leben des anderen und die Nachteile in dem der anderen sehen.

Mit solchen Rechnereien und Grübeleien machen wir unser Leben kein bisschen besser – nur unsere Gedanken noch ein Stück schwerer. Die Schicksalsschläge, die jeder Mensch hinnehmen muss, wenden wir weder durch Glauben noch durch Unglauben ab. Aber wir gehen mit ihnen anders um. Also nochmals das Zitat des Zeitungsartikels: „Die Kernfrage ist also nicht: Gott, wie konntest du das geschehen lassen? Sondern: Ist mein Gott groß genug, um meinen Schmerz aufzufangen?“

Paulus lobt hier diesen großen Gott. „Denn von ihm und zu ihm und durch ihn sind alle Dinge.“ Das heißt: Unser ganzes Leben verdankt sich Gott. Aus freien Stücken hat Gott uns unser Leben geschenkt. Wir leben von seiner Zuwendung. Von daher mag jene zitierte Seniorin recht haben, als sie ihrer Altersgenossin sagte: Du hattest wenigstens vierzig Jahre lang eine Tochter. Das ist schon Geschenk. Aber natürlich ist es völlig unmöglich, so etwas zu einer trauernden Mutter zu sagen.

Doch wie erkennen wir, dass wir von Gottes Zuwendung getragen sind und unsere Existenz ihm verdanken? In einem Leben, das eben nicht fair ist?

Darauf gibt dieser Sonntag im Kirchenjahr Antwort – der Sonntag des dreieinigen Gottes. Gott zeigt sich im Vater und Schöpfer, der diese Welt und unser Leben ins Dasein rief. Er zeigt sich in Jesus Christus, der selber gelitten hat unter dem unfairen Leben und es überwunden und besiegt hat in der Auferstehung. Er zeigt sich im Heiligen Geist, der uns Kraft schenkt, diesen Glauben durchzuhalten – sogar im Schweren.

Entweder vertrauen wir diesem dreieinigen Gott für unsre Leben. Wissen auch die dunklen Seiten geborgen bei ihm. Oder wir verzweifeln am unfairen Leben in Grübeleien und Aufrechnereien. „Die Kernfrage ist also nicht: Gott, wie konntest du das geschehen lassen? Sondern: Ist mein Gott groß genug, um meinen Schmerz aufzufangen?“ Wenn wir das tun, können wir mit Paulus sagen: Diesem großen Gott sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.