23. April 2017 - Quasimodogeniti


Predigt zu Johannes 21,1-14

Liebe Gemeinde!

„Nobody is perfect – niemand ist perfekt!“ So sagte man früher mit einem Augenzwinkern oder einem verständnisvollen Lächeln, wenn irgendetwas schief gegangen ist. Heute aber scheint das andres zu sein: Überall wird auf Perfektion geachtet. Wenn etwas nicht 100% perfekt ist, ist man unzufrieden.

Vielleicht hat das etwas mit dem FC Bayern zu tun. Viele sind ja Bayern-Fans, weil man da nie Angst vor dem Abstieg haben muss. Weil die eigentlich immer gewinnen. Doch die Krise wird dann schnell herbeigeredet, wenn zwei Liga-Spiele unentschiden ausgehen, man in der Champions-League unglücklich ausscheidet und obendrein der Stammtorhüter bis zum Saisonende ausfällt. Denn man hat vielleicht heute Abend nur noch sechs Punkte Abstand auf RB Leipzig.

Oder es hat etwas mit unserem Musikkonsum zu tun: Viele trauen sich höchstens noch, unter der Dusche zu singen, und kaum noch, Musik zu machen, weil wir ständig Musik in höchster Perfektion auf der CD oder im Livestream hören können.

Entweder ich bin perfekt oder ein Versager. Kein Wunder, dass es Abiturienten gibt, die nach einer mündlichen Prüfung, die mit zwölf Notenpunkten bewertet wird – also der viertbesten Note überhaupt – wutentbrannt aus dem Prüfungszimmer stürmen.

Oder dass nach unseren Kinderbibeltagen auf meine Frage: Was war gut? Was hat uns gefallen? Was sollen wir nächstes Jahr wieder so machen? Sofort jemand entgegnete: „Kann man auch Verbesserungsvorschläge machen?“ Ja – aber erst in der zweiten Runde. Bevor wir das Haar in der Suppe suchen, sollten wir uns freuen über das, was gelungen ist.

Dieser Perfektionismustrieb unserer Zeit wird auf die Schippe genommen im Song „Chöre“ von Mark Forster. Dort redet er wohl seine perfektionistische Freundin an:

Warum machst du dir nen Kopf,

Wovor hast du Schiss,

Was gibt's da zu grübeln,

Was hast du gegen dich

Ich versteh dich nicht.

Immer siehst du schwarz,

Und bremst dich damit aus,

Nichts ist gut genug,

Du haust dich selber raus.

Wann hörst du damit auf.

Da wird der Perfektionismus-Trieb unserer Gesellschaft auf die Schippe genommen. Ständig ist man unzufrieden mit dem, was man erreicht hat. Macht sich selber Vorwürfe, wenn etwas nicht klappt. Das führt zu dieser pessimistischen Haltung: Immer siehst du schwarz, weil man weiß: Ich schaffe es nicht, so perfekt zu sein, wie ich es gerne möchte. Das weckt Ängste. Man bremst sich damit aus – weil man aus lauter Angst vor dem Scheitern gar nichts mehr tut.

Kein Wunder, dass Menschen sich in den Burnout treiben. Oder mit den Worten Mark Forsters: „Nichts ist gut genug, Du haust dich selber raus. Wann hörst du damit auf.“ Die Angst vor dem Scheitern lähmt.

In unserer biblischen Ostergeschichte gerade jedoch, hörten wir von einer ganzen Truppe Gescheiterter. Da sind die Jünger Jesu in ihren Alltag zurückgekehrt. Die Erlebnisse mit Jesus sind vorbei. Das Wunder von Ostern haben sie erlebt. Den Befehl ihres Herrn, in die alte Heimat nach Galiläa zu gehen, haben sie befolgt. Jetzt sind sie wieder Fischer wie früher. Doch im alten Beruf scheitern sie grandios. Mit leerem Netz kommen sie ans Ufer zurück.

Wer gescheitert ist, möchte das gerne verbergen. Es sollen keine anderen mitkriegen. Ich will mich nicht blamieren. Aber wenn jeder nach außen die Perfektionismusfassade aufrechterhält – dann übt das auf alle anderen noch mehr Druck aus. Dann scheint ja der Satz nicht mehr zu stimmen: „Nobody is perfect – keiner ist perfekt.“ Weil man es gar nicht mehr merkt. Dann denkt doch jeder von sich: Ich bin der einzige Depp, der mit seinem Leben nicht zurechtkommt. Doch, weil wir Menschen sind, sind wir nicht vollkommen.

Deshalb tritt Jesus als Auferstandener gerade ins Leben seiner gescheiterten Jünger. Er erwartet sie am Ufer. Es sind drei Dinge, die Jesus tut, um die Gescheiterten wieder aufzubauen:

  1. Er spricht sie an
  2. Er ermutigt sie zum Durchhalten
  3. Er beschenkt sie mit seinen Gaben.

Zuerst: Jesus spricht seine gescheiterten Jünger an. „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ So wie er fragt, kennt er bereits die Antwort. Es geht darum, dass die Jünger vor ihm ihre Not aussprechen können. Ehrlich auch zum Misserfolg und zum Scheitern stehen. Kein Theater vorspielen müssen.

Es ist sicher so, dass wir unser Scheitern und unsere Schwächen nicht vor jedem Menschen ausbreiten müssen. Aber wir können es ehrlich vor Jesus aussprechen. Aus unserer Not ein Gebet machen. Schon dadurch verändert sich was: Wir müssen nicht mehr alles selber in der Hand behalten. Mit letzter Kraft versuchen, die Fassade der Perfektion aufrecht zu erhalten. Sondern wir können es in Jesu Hand legen. Das gibt uns Gelassenheit, auch mit unseren Schwächen umzugehen.

Und außerdem: Wenn wir unsere Not aussprechen und nicht verdrängen, können wir sie realistisch in den Blick nehmen. Verdrängtes entwickelt oft ein Eigenleben, das dann mehr Macht auf uns ausübt, als ihm eigentlich zusteht. Ausgesprochenes kann nüchtern betrachtet werden. Kann als Problem, aber nicht als Katastrophe gesehen werden.

Als die Jünger ihr Scheitern ausgesprochen haben, folgt daraus das Zweite:

Jesus ermutigt seine gescheiterten Jünger zum Durchhalten: „Werft das Netz aus zur Rechten.“ Nun dürfte es ziemlich egal sein, ob das Netz rechts oder links vom Boot ausgeworfen wird. Es geht Jesus um etwas Anderes: um die Ermutigung. Gebt nicht auf, probiert’s nochmal! Scheitern ist nicht schlimm, wenn man aus seinen Fehlern lernt. Es nochmals angeht. Es mag sein, dass das Scheitern das Selbstvertrauen der Jünger angeknackst hat, wenn aber Jesus sie nochmals hinausschickt, dann brauchen sie kein Selbstvertrauen, es genügt das Gottvertrauen. Dass das nicht passiert, was Mark Forster im vorher zitierten Lied so sagt: Immer siehst du schwarz und bremst dich damit aus.

Wer auf Jesus hört, braucht nicht schwarz zu sehen. Er kann ermutigt handeln.

Damit erlebt er das Dritte: Jesus beschenkt seine gescheiterten Jünger mit seinen Gaben. Der Fischzug wird ein voller Erfolg. Zum Bersten gefüllte Netze bringen sie mit Mühe an Land. Dort erwartet Jesus sie bereits mit Brot und Fisch. Dadurch wird deutlich: Der Erfolg des Fischzuges ist Geschenk – ein Geschenk Jesu an seine Jünger.

Auch das lässt uns unsere Erfolgsorientierung in einem anderen Licht wahrnehmen: Unsere Erfolge sind letztlich nicht nur Ergebnis unserer Leistung, sondern vor allem Geschenk: Dass Gott uns Begabungen gegeben hat, dass wir anknüpfen können an dem, was andere bereits gearbeitet haben. Umgekehrt gibt das auch eine Gelassenheit gegenüber dem Scheitern. Nicht alles hängt von mir und meiner Leistung ab.

In ihrem Scheitern erfahren die Jünger etwas von der Wirklichkeit Gottes – durch die Begegnung mit dem Auferstandenen mitten im Alltag. „Es ist der Herr!“ Der Lieblingsjünger spricht es aus. Wenn wir in unserem Scheitern dem lebendigen Christus begegnen, kommt Ostern in unseren Alltag. Wenn er uns erwartet und anspricht, uns ermutigt und beschenkt. Dann geht es uns wie im Lied Mark Forsters:

Wie ich dich seh ist für dich unbegreiflich,

Komm ich zeig's dir.

Ich lass Konfetti für dich regnen

Ich schütt dich damit zu,

Ruf deinen Namen aus allen Boxen,

Der beste Mensch bist du,

Ich roll den roten Teppich aus,

Durch die Stadt bis vor dein Haus,

Du bist das Ding für mich,

Und die Chöre singen für dich. Amen.