23. Juni 2019 - 1. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Johannes 5,39-47

Jesus sagt: Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind's, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.

Ich nehme nicht Ehre von Menschen an; aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

Meint nicht, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; der euch verklagt, ist Mose, auf den ihr hofft. Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

Liebe Gemeinde!

Wenn man vor zwanzig Jahren im Zug oder im Wartezimmer saß, dann blätterten die meisten in einer Zeitung oder Zeitschrift aus Papier. Heute hat jeder ein Smartphone vor sich – tippt Nachrichten oder holt sich seine Informationen via Internet und W-Lan. Diejenigen mit der Zeitschrift aus Papier – das sind in der Regel Menschen über sechzig. Und dazwischen solche wie ich, die normalerweise beides machen: Papier und Smartphone. Da hat sich was geändert in unserer Gesellschaft in den letzten zwanzig Jahren in der Art und Weise, wie wir kommunizieren und wo wir unsere Informationen herholen. Ich kann es bei mir biographisch gut festmachen: Als ich vor über 20 Jahren – 1998 – ein ständiges Pfarramt übernahm, gab es dort ein normales Telefon und eine elektrische Schreibmaschine. Ich brachte meinen privaten Computer und ein privates Faxgerät mit – damals bereits ein kommunikationstechnischer Fortschritt. Ende 1999 dann der Internetzugang – mühsam und langsam, aber nun verschickte man die ersten Mails. 2001 das Handy – telefonieren und SMS. 2010 dann das Smartphone und Facebook, 2014 WhatsApp.

Wir brauchen jetzt nicht zu diskutieren, ob dieser Fortschritt und die Veränderungen, die er mit sich bringt, gut oder schlecht sind. Das ist wie immer ein Ineinander von Vorteilen und Nachteilen. Festhalten können wir: Die Art und Weise, wie wir mit unserer Umwelt in Kontakt treten, hat sich drastisch verändert – und das in wenigen Jahrzehnten. Deshalb gibt es viele unterschiedliche Kommunikationswege. Deshalb gibt es viele Missverständnisse und Irritationen – nicht zuletzt augenfällig nach der Europawahl im kleinen Scharmützel zwischen dem Blogger Rezo und der Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Es gibt nach wie vor die Menschen, die analog kommunizieren: mit Papier, Büchern, Briefen. Und es gibt die, die es digital tun: via Blogs im Internet bei YouTube. Wo dann eher die Person im Mittelpunkt steht, die sich darstellt und das, was ihr wichtig ist. Wo Influencer großen Einfluss haben, was Menschen kaufen oder wählen – und Influencer heißt ja auch nichts anderes als Beeinflusser.

Die Frage ist, wie wir als Christen uns da verhalten sollen, wenn wir unsere Botschaft ins Gespräch bringen wollen. In diesem Zusammenhang finde ich die Rede Jesu bemerkenswert, die wir gerade gehört haben. Denn da nimmt er bereits beide Kommunikationswege in den Blick: den analogen papierförmigen und den digitalen personalen. Er würdigt beide und stellt beide zugleich in Frage.

Zunächst den analogen Kommunikationsweg – das Papier, die Schrift. Da sagt er zu den damaligen Experten analoger Kommunikation – zu den Schriftgelehrten: „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr hättet das ewige Leben darin.“ Sie suchen Lebenskraft und Lebensweisheit in der Tradition, in der Überlieferung. In dem, was sich im Leben der Väter und Mütter im Glauben bewährt hat. Was die Geschichte Gottes mit den Menschen geprägt hat.

Das ist ja durchaus richtig und wichtig. Wir sind nicht die ersten, die im Glauben an Gott leben. Wir können von den niedergeschriebenen Texten der Schrift lernen. Deshalb liegt die aufgeschlagene Bibel auf dem Altar. Deshalb studieren wir die biblischen Sprachen und biblischen Traditionen. Deshalb verschenken wir Bibeln zu Taufe, Konfirmation und Trauung. Deshalb ist es mir so wichtig, gute Hefte zum Lesen bei Geburtstagen mitzubringen. Deswegen produzieren wir mit großem Aufwand einen Gemeindebrief.

Aber eines darf dabei nicht übersehen werden. Was Jesus sagt: „Die Schrift ist es, die mich bezeugt. Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben habt.“ Das geschriebene Wort und die ehrwürdige Tradition sind sinnvoll, wenn sie zu Jesus führen. Unsere Beziehung zu Jesus vertiefen. Sie werden aber schädlich, wenn sie das verdecken – wenn Tradition nur noch um der Tradition willen aufrecht erhalten wird. Nach dem Motto: So haben wir das schon immer gemacht.

Die Frage ist also bei unserer analogen, papierförmigen Kommunikation: Kommt es dadurch zu einer Begegnung mit Jesus? Kommt Jesus mit seiner Botschaft zur Sprache? Da merke ich, wie oft ich da umdenken muss. Dass wir über die Zeitung und das Mitteilungsblatt den Großteil unserer Gemeindeglieder nicht mehr erreichen. Dass ich im Unterricht nicht nur mit Texten arbeiten kann. Dass wir alle Kommunikationskanäle nutzen müssen. Das Argument: Das haben wir schon immer so gemacht – es muss hinterfragt werden. Warum haben wir das bisher so gemacht? Was war das Ziel? Wird es noch erreicht? Was muss verändert werden?

Da geht es aber nicht darum, ständig eine neue Sau durchs Dorf zu treiben, sondern darum: Wie kommt die Botschaft von Jesus zu den Menschen? Dass sie zu ihm kommen können und ein Leben gewinnen, das mit dem Tod nicht endet.

Dasselbe gilt von den digitalen Kommunikationswegen. Bei denen sehr stark die Botschaft im Mittelpunkt steht, die von einer Person ausgeht. Über sie sagt Jesus: „Ich bin gekommen in meines Vaters Namen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.“

Richtig ist, dass Kommunikation über Menschen läuft. Dass auch im Glauben bestimmte Menschen für uns prägend und einflussreich waren und sind – hier am Beispiel des Mose gezeigt. Heute geschieht das gerne über die Blogs und die Clips bei YouTube. Allerdings besteht bei uns Menschen immer die Gefahr, dass wir uns für wichtiger nehmen als die Botschaft. Dass wir uns zwischen Jesus und die Empfänger stellen. Dass uns Menschen wichtiger sind als das, was sie sagen.

Hier ist genauso zu bedenken: Es geht nicht um Menschen, es geht nicht um Kommunikationswege. Es geht um das Leben, das Gott uns schenkt. Das Leben, das stärker ist als der Tod. Man kann ja durchaus das wahrnehmen und bedenken, was einem Influencer in sozialen Netzwerken nahelegen. Aber sie sollen nie den Einfluss auf unser Leben haben, der allein Gott gebührt. Oder in den Worten Jesu hier: „Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?“

Natürlich ist jeder dankbar, wenn er für das, was er sagt und tut, Anerkennung bekommt. Aber wenn wir nur nach Anerkennung durch andere suchen und dabei Gott in den Hintergrund treten lassen, dann ist das ein Problem.

Wir leben in einer Welt, in der sich Kommunikation rasch verändert. In der aber der Auftrag bleibt für uns als Gemeinde Jesu Christi: Die Botschaft von Jesus Christus so zu den Menschen bringen, dass sie gehört wird. Dass Menschen durch diesen Christus ein Leben gewinnen, das mit dem Tod nicht endet.

Diese Botschaft muss als erstes feststehen – dann kann und soll sie auf allen Kanälen kommuniziert werden. Mit den Methoden, die die anderen Menschen erreichen. Da darf ich kein Medium, keine Kommunikationsform, kein Veranstaltungsformat von vornherein ausschließen. Umgekehrt: Das Medium – ob analog oder digital – darf die Botschaft aber auch nicht überdecken. Manchmal sind wir so fasziniert von einem Videoclip, dass wir uns gar nicht mehr fragen, welche Botschaft wir eigentlich damit rüberbringen wollen. Deshalb alles – ob traditionell oder modern, ob analog oder digital – immer wieder kritisch überprüfen: Dient es noch dem Ziel, Jesus zu bezeugen? Oder wodurch kann diese besser geschehen?

Denn dieses Zeugnis von Jesus schenkt das ewige Leben, das Leben, das bleibt. Amen.