23. Oktober 2016 - 22. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Philipper 1,3-11

Liebe Gemeinde,

in meiner früheren Tätigkeit in Ulm durfte ich einmal eine Gruppe württembergischer Pfarrfrauen im Café JAM bedienen. Da fiel mir auf: an jedem Tisch, an den ich kam, hatte das Gespräch dasselbe Grundmuster: „Mein Mann (also der Pfarrer) hat so tolle Ideen, aber der Kirchengemeinderat blockiert alles!“ Das machte mich stutzig: Werden unsere Kirchengemeinden tatsächlich von lauter kreativen Pfarrern geleitet, die von lauter sturen Vollpfosten in den Kirchengemeinderäten ausgebremst werden? Meine Lebenserfahrung sagt mir doch eher, dass sich kreative Köpfe und sture Vollpfosten unter Pfarrern, Kirchengemeinderäten und anderen Menschen doch eher nach der Gaußschen Normalverteilungskurve verteilen. Also es wenig reinrassige Exemplare der einen oder anderen Art, sondern viele, die irgendwie und irgendwo manchmal das eine oder das andere oder beides sind. Woher kommt also dieses Denken?

Wir kommen der Antwort näher, wenn ich mir überlege: Hätte ich statt Pfarrfrauen eine Versammlung gewählter Kirchengemeinderatsvorsitzender bedient, hätte ich vermutlich ganz ähnliche Äußerungen aufgeschnappt – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Die hätten wohl gesagt: „Wir im Kirchengemeinderat haben so gute Ideen, aber dieser Pfarrer bügelt alles nieder!“ Auch diese Aussagen entsprechen vermutlich genauso der Wahrheit wie die der Pfarrfrauen.

Also scheint dieses wechselseitige Schimpfen übereinander in der Kirche einen anderen Grund zu haben. Übrigens sind sich Pfarrer und Kirchengemeinderäte sehr rasch einig, wenn man gemeinsam auf den Oberkirchenrat, die Kirchliche Verwaltungsstelle oder den Dekan schimpfen kann. Aus gut unterrichteten Kreisen weiß ich aber, dass Mitarbeiter im Oberkirchenrat, auf Verwaltungsstellen und Dekane ebenso gut auf Pfarrer und Kirchengemeinderäte schimpfen können. Dasselbe gilt für Diakone und Pfarrer in beiden Richtungen.

Nun gehören solche Dinge zu jedem Betrieb – vor allem dann, wenn es nicht rund läuft. Und in unserer Kirche haben viele das Gefühl, es läuft nicht rund. Demographischer Wandel, abbrechende Traditionen, sich ausdifferenzierende Lebenswelten und Milieus machen die Arbeit anspruchsvoller und damit schwieriger. Einfache Antworten und Lösungsmuster hat niemand. Doch das zuzugeben und sich auf einen mühsamen Weg des Ausprobierens zu machen, fällt schwer. Viel leichter fällt es da, einen Sündenbock zu suchen. Nach dem Motto: Wenn ich dürfte wie ich wollte, dann wären die Probleme gelöst. Aber die anderen lassen mich nicht … Doch ein solches Denken – egal wer es an den Tag legt – bringt uns als Kirche keinen Schritt weiter. Weil es Sündenböcke sucht und damit die Ursachen des Problems verschleiert. Wie also müsste man vorgehen?

Einen Weg finden wir im Anfang des Philipper-Briefes, den wir gerade gehört haben. Paulus hätte sicher auch über seine Gemeinde in Philippi schimpfen können. Aber das tut er nicht. Stattdessen dankt er für die Mitchristen in dieser griechischen Stadt. Warum?

Weil Paulus in dieser Gemeinde nicht die menschlich-allzumenschlichen Schwächen sieht, die es in Philippi sicher genau so gab wie überall. Sondern er sieht die Gemeinde zuerst als Werk Gottes an. Dass es in Philippi Menschen gibt, die auf Jesus Christus vertrauen, ist ein Zeichen dafür, dass Gott am Werk ist.

Weiter ist die Gemeinde nicht nur Werk Gottes, sondern auch Werkzeug Gottes. Durch das Gott in dieser Welt wirkt. Gott hat diese Menschen ausgewählt als seine Gemeinde, als seine Zeugen.

Weil er die Christen in Philippi so sieht, dankt er Gott dafür. Egal, welche Schwächen sie haben. Egal, ob er persönlich sie sympathisch findet oder nicht. Weil Gott in diesen Menschen sein Werk angefangen hat und es vollendet, ist er mit ihnen verbunden in der Gemeinschaft des Evangeliums.

Diesen Blickwinkel des Paulus sollen wir auch einnehmen, wenn wir unsere Kirche, unsere Gemeinde, unsere Mitarbeiter, unsere Gottesdienste, Gruppen und Kreise betrachten. Diesen Blickwinkel, aus dem heraus man sagen kann: „Ich danke meinem Gott, sooft ich an euch denke.“ Gerade dann, wenn wir uns übereinander ärgern, wenn uns Entscheidungen der Landeskirche nerven – dann sagen: Das sind die Menschen, die Gott mit mir zusammen berufen hat. In denen er das gute Werk angefangen hat – in uns wird er es auch vollenden. Die er als Werkzeuge ausgesucht hat, um seine gute Nachricht zu den Menschen zu bringen. Auch wenn ich an seiner Stelle weder diese Leute und schon gar nicht mich selbst ausgesucht hätte.

Das wurde mir einmal sehr drastisch bewusst: Meine Cousine und mein Cousin wurde von einem Pfarrer konfirmiert, von dessen Konfi-Unterricht sie nicht gerade begeistert waren. Und die beiden Konfirmationsgottesdienste fand ich als 18- bzw. 20-jähriger stinklangweilig. Da stand mein Urteil über jenen Pfarrer fest. Bis mir zwanzig Jahre später auf einer Tagung ein Kollege begegnete, der aus derselben Gemeinde stammte. Da kamen wir auf jenen Pfarrer zu sprechen. Da meinte er: Das war mein Religionslehrer in der Oberstufe. Dem habe ich es zu verdanken, dass ich Theologie studiert habe. Mir blieb die Spucke weg.

Gott handelt durch andere Menschen auf andere Weise als ich mir das vorstellen kann. Deshalb: Erst das Positive sehen. Bevor ich mein kritisches Urteil fälle, mir sagen: Gott hat sich etwas gedacht, als er diesen Menschen berufen hat.

Heißt das aber nun, dass wir keine Kritik mehr aneinander üben dürften? Dass wir Fehler und Schwächen anderer ignorieren sollen? Und andere uns nicht auf unsere Fehler ansprechen?

Keinesfalls – denn dann würden wir nichts mehr lernen aus unseren Fehlern. Auch Paulus weiß, dass in Philippi nicht alles ideal und perfekt ist. Aber er kritisiert nicht aus der Perspektive des Besserwissers. Sondern vor dem Hintergrund seiner Dankbarkeit für diese Mitchristen. Dann schreibt er weiter: „Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, so dass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, dass ihr rein und tadellos seid für den Tag Christi erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit zur Ehre und zum Lob Gottes.“

Er betet für seine Gemeinde. Bevor wir übereinander schimpfen, sollen wir also erst einmal füreinander danken und dann für unsere Schwächen beten. Dann werden auch wechselseitige Tipps, Ratschläge und kritische Bemerkungen anders gehört. Nicht als Angriffe, sondern als Hilfe. Vor allem wenn wir selber uns auch kritisieren lassen. Zu unseren Schwächen stehen.

Dann können wir auch miteinander die Aufgaben angehen, vor die wir als Gemeinde Jesu Christi gestellt sind. Angehen, indem wir zunächst dankbar sind für die, die da sind. Für die Möglichkeiten, die wir haben. Das Glas der Gemeinde Jesu Christi ist nicht halbleer, sondern halbvoll – weil Gott selbst es füllt mit seinen Gaben, mit seiner Berufung.

Ich bin in meiner Zeit im Kirchenbezirk Ulm in vielen Gemeinden zwischen Asselfingen und Erbach, zwischen Altheim und Wiblingen als Vertretungsprediger an Sonntagen unterwegs gewesen. Und überall sind mir Menschen begegnet, die sich über den schlechten Gottesdienstbesuch in ihrer Gemeinde beklagt haben. Ich sagte dann immer: Freut euch doch über die Leute, die völlig freiwillig gekommen sind. Es sind noch nie so viel Menschen freiwillig in den Gottesdienst gegangen wie heute.

Dann die Herausforderungen in den Blick nehmen und dafür beten. Den Mut haben, Dinge auszuprobieren und auch zu scheitern. Da wir nicht perfekt sind, brauchen wir keine perfekte Fassade aufrechterhalten. Wir können zu Fehlern stehen und daraus lernen.

So sind wir als Gemeinde Jesu Christi unterwegs. Manchmal sind wir vielleicht kreative Köpfe, manchmal auch sture Vollpfosten. Aber in dem allem und trotz dem allen: Gottes Werk und Gottes Werkzeuge in dieser Welt durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes. Amen.