23. September 2018 - 17. Sonntag nach Trinitatis


Predigt zu Jesaja 49,1-6

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.

Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde - und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke -, er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

Liebe Gemeinde,

in meiner Kindheit und Jugendzeit gab es noch die älteren Männer, die den zweiten Weltkrieg als Soldaten mitgemacht haben und davon viel erzählten. Einer der Bekannten meiner Eltern erzählte, wie er auf dem Afrikafeldzug in britische Gefangenschaft geriet und in der Wüste in ein Kriegsgefangenenlager kam. „Was uns da getröstet hat: wenn wir in der Nacht zum Himmel schauten und den Mond sahen. Da sagten wir uns: Das ist er gleiche Mond, den auch unsere Verwandten zu Hause sehen.“

Das Licht des Mondes, das die Verbindung hielt zwischen den jungen Männern in der Kriegsgefangenschaft und ihren Familien in der Heimat. Bei dieser Erzählung wurde mir als Kind bewusst, wie das Licht alle Grenzen überschreitet. Selbst den Stacheldraht eines Gefangenenlagers. Wie das gemeinsame Licht Menschen verbindet über Tausende Kilometer hinweg.

Was dieser Mann vom Mond erzählte, gilt selbstverständlich genauso von der Sonne und den Sternen. Die ganze Welt wird in dieses eine Licht getaucht, lebt vom Licht der einen Sonne.

Wenn man sich das bewusst macht, dann verlieren Grenzen, Mauern, Stacheldrähte, die Menschen ziehen, ihre Bedeutung. Denn das Licht reicht weiter. Weil das so ist, wird Gott in der Bibel oft mit Licht verglichen. Deshalb wird das Wirken der Menschen, die Gott in diese Welt schickt, als Licht bezeichnet.

Wir haben gerade ein Wort aus dem Jesaja-Buch gehört. Dort beauftragt Gott seinen Knecht, Licht für alle Völker, Licht für die ganze Welt zu sein. Schon von Anfang an hat Gott seinen Knecht dafür ausersehen. Jetzt soll er Gottes Licht zu allen Menschen bringen, dass sie erkennen: Gott steht an unserer Seite und hilft uns. Allen Menschen gilt diese Botschaft: Gott ist für euch da – bis ans Ende der Welt. So wie das Licht von Mond, Sonne und Sternen über alle Grenzen und Zäune hinweg zu jedem Menschen kommt. Wie es jener Kriegsgefangene erlebte.

Aber Menschen kapseln sich ab. Versuchen Grenzen zu ziehen, Mauern zu errichten. Um sich sicher zu fühlen. Wir umgeben uns am liebsten mit Vertrautem. Wittern im Fremden oft das Bedrohliche. Doch mit den Mauern wächst die Einsamkeit. Das Licht wird ausgesperrt. Mir ist das in Ulmer Wohnsiedlungen als Notfallseelsorger zwei Mal drastisch deutlich geworden. Ich wurde vom Rettungsdienst in Wohnungen gerufen, wo jemand verstorben ist, weil er nicht mehr wiederbelebt werden konnte. Normalerweise bleibt man als Notfallseelsorger so lange bei dem betroffenen Ehepartner, bis aus der Familie oder dem Freundeskreis Menschen kommen, die ihm beistehen. Doch beide Male war der zurückbleibende Ehepartner nun so einsam, dass zunächst niemand kommen konnte. Beide hatten in ihren jeweiligen Hochhäusern den Kontakt zu den Mitbewohnern abgebrochen – weil sie ihnen zu fremd waren im einen Fall und aus Scham nach einem Konkurs im zweiten Fall. Die Kinder waren entweder weit weg oder man war heftig zerstritten. Der verstorbene Ehepartner war der einzige Mensch, den diese Leute als Ansprechpartner hatten. Sie lebten fast wie auf einer einsamen Insel, weil sie sich von Freunden, Nachbarn, Verwandten komplett zurückgezogen hatten. Was zunächst das Leben einfacher und bequemer machte, erwies sich nun als fatal.

Scheint für solche Menschen, die sich gewissermaßen auf ihre einsame Insel zurückgezogen haben, noch ein Licht? Wird es hell, wenn jemand sich so abgekapselt hat?

In unserem Bibelwort sendet Gott seinen Knecht als Licht zu den Völkern – gerade auch auf die fernsten Inseln. Er soll die Mauern und Zäune überschreiten, die Menschen zwischen sich errichten. Wie das Licht von Sonne, Mond und Sternen bis in die entlegensten Winkel der Welt kommt.

Das ist der Auftrag der Knechte Gottes – damals des Propheten. Dann des ganzen Volkes Israel – wie Gott hier sagt: „Mein Knecht bist du, Israel!“ Später sandte Gott Jesus als Licht der Welt zu den Menschen. Und Jesus sendet seine Jünger – wie wir vorhin in der Schriftlesung hörten: Ihr seid das Licht der Welt.

Es ist Auftrag Israels und der Kirche, Licht zu sein für die Völker. Licht zu bringen auf die einsamen Inseln, hinter die Mauern und Zäune, hinter die Menschen sich zurückgezogen haben. Hinter denen sie Schutz suchten und Einsamkeit fanden.

Dieser Auftrag Gottes für seine Leute ist bitter nötig für eine Welt, die immer mehr zersplittert und aufgeteilt ist. Das merken wir in unserer Gesellschaft wie die Beispiele vorher aus Ulm zeigen. Das merken wir aber genauso, wenn Nationen sich immer mehr gegeneinander verschließen. Hetzer bei uns Flüchtlinge für alle Probleme verantwortlich machen. Man in Kauf nimmt, dass Menschen auf dem Mittelmeer ertrinken und keinen sicheren Hafen anlaufen können. Wir uns oft nicht klar machen: Das Licht von Sonne, Mond und Sternen ist in der ganzen Welt dasselbe. Wir leben auf einer Erde mit den Gütern, die Gott dieser einen Welt allen Menschen in gleicher Weise geschenkt hat. Wir sind miteinander für diese Welt verantwortlich, füreinander als Mitlebende auf dieser Welt verantwortlich.

Aber weil viele sich dennoch lieber zurückziehen, Mauern bauen, einsame Inseln bewohnen, verschließen sie sich gegen das Licht. Bleiben lieber im Dunkel des Misstrauens, in der Nacht der Abgrenzung, in der Finsternis der Abwehr sitzen. Deshalb gibt es für die Knechte Gottes, die Gott zu diesen abgekapselten Menschen ins Dunkel schickt, oft Frusterfahrungen.

Der Prophet formuliert das so: „Ich aber sprach: Vergeblich habe ich mich abgemüht, für nichts und wieder nichts meine Kraft verbraucht.“ Eine Frusterfahrung, die jeder kennt, der mit Menschen zu tun hat. Gerade in meiner Zeit im FSJ in der Diakonie-Sozialstation durfte ich diese Erfahrung öfter machen: man kam zu einem Patienten, um ihm zu helfen, aber der ließ erst einmal eine Schimpfkanonade los. Einfach, weil ihn seine Situation ärgerte, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Diesen Ärger bekam der Helfer ab. Ähnlich erleben es Mitarbeiter im Rettungsdienst und Notärzte – zunehmend sind sie körperlicher Gewalt ausgesetzt von Menschen, bei denen sie eigentlich erste Hilfe leisten wollen. Oder diejenigen, die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer retten und dann in manchen Ländern dafür vor Gericht gestellt werden.

Doch diesen Frusterfahrungen stellt Gott seine Zusage entgegen: Ich habe dich beauftragt, Licht zu sein. Mein Licht strahlt durch dich durch. In meiner Hand bist du geborgen. Wie ein Pfeil im Köcher, den ich zum Ziel bringe. Selbst, wenn du frustriert denkst: Meine Arbeit ist umsonst – in meinen, in Gottes Augen, ist das wertvoll, was du tust.

Sonne, Mond und Sterne geben ihr Licht allen Menschen und der ganzen Welt. Gott gibt sein Licht ebenso allen. Überwindet Grenzen. Und wir als seine Beauftragen sollen sein Licht durch uns hindurchstrahlen lassen. Menschen die Hilfe Gottes nahebringen. Und von ihnen uns nicht abschrecken lassen.

Es gehört zu den merkwürdigen Erlebnissen im Beruf: Als Pfarrer kommt man ja in viele Häuser. Meist ist man sehr willkommen. Aber gerade bei Besuchen zu Seniorengeburtstagen landet man von Zeit zu Zeit bei Menschen, die sich über den Besuch nicht zu freuen scheinen. Die einen an der Haustür abweisen. Doch ein Jahr später haben sie wieder Geburtstag – oft ist es dann nur mein Pflichtgefühl, dass ich trotz der Frusterfahrung nochmals hingehe. Der Termin steh halt im Kalender – da kann sich die Frusterfahrung wiederholen. Aber im dritten Jahr – wenn ich oft gedacht habe: Für den Besuch brauchst du dir nicht viel Zeit einplanen, er fertigt dich eh wieder an der Haustür ab – dann plötzlich öffnet sich die Tür du man hat in gutes Gespräch. Unsere Arbeit ist nicht vergeblich, weil sie in Gottes Augen wertvoll und wichtig ist. Bleiben wir also trotz aller Frusterfahrung Licht der Welt, Menschen die Grenzen überwinden und denen auf einsamen Inseln und hinter selbst gebauten Mauern Licht bringen. Amen.