24. Dezember 2019 - Christmette


Predigt zu Sacharja 2,14-17

»Freut euch und jubelt, ihr Bewohner der Zionsstadt!«, sagt der HERR. »Ich komme und wohne mitten unter euch. Viele Völker werden sich dann zu mir bekennen und mein Volk werden; ihr aber werdet die sein, in deren Mitte ich selber wohne.« Wenn das geschieht, werdet ihr erkennen, dass der HERR, der Herrscher der Welt, mich zu euch gesandt hat. In seinem heiligen Land wird Juda zu seinem besonderen Eigentum werden und Jerusalem wird er wieder zu seiner Stadt erwählen.Alle Welt werde still vor dem HERRN, denn er kommt aus seiner heiligen Wohnung.

Liebe Gemeinde!

Hatten Sie einen schönen heiligen Abend? Vielleicht weckt diese Frage bei Ihnen die Gegenfrage: Was macht einen schönen heiligen Abend aus? Einige gemütliche ruhige Stunden mit Menschen, die mir lieb und wichtig sind? Ein gutes Essen? Harmonische Gespräche? Gemeinsames Musizieren? Liebevoll ausgewählte Geschenke?

Letztlich ist es vermutlich so unterschiedlich, wie wir Menschen eben sind, was für uns einen Weihnachtsabend zu einem schönen heiligen Abend macht. Unterschiedlich, welche unserer privaten Kriterien unbedingt erfüllt sein müssen. Unsere Lebenssituationen gleichen sich nicht. Jede und jeder hat seine und ihre besonderen Vorlieben und auch Belastungen, die mit dieser Feier verbunden sind. Und so verschieden werden auch unsere Antworten auf die Frage vom Anfang sein.

Nun haben wir gerade ein Wort Gottes beim Propheten Sacharja gehört, das viele Jahrhunderte vor unseren Feiern eines heiligen Abends gesprochen wurde. Dennoch uns Wegweiser sein kann bei der Antwort auf die Frage, was einen schönen und guten heiligen Abend ausmacht. Wie wir ihn verwirklichen können.

Für die Israeliten damals stellte sich nicht die Frage, was einen guten und schönen heiligen Abend ausmacht, sondern: Was ist heiliges Land? Wenn die Babylonier Jerusalem und sein Umland militärisch zerstört haben. Wenn viele in fremdem Land unter fremden Menschen konfrontiert mit fremden Göttern leben müssen. So wie manche heute Abend fragen: Was ist ein heiliger Abend ohne die Menschen, die sonst immer dabei waren, die heute nicht da sind? Was ist ein heiliger Abend mit meiner Krankheitsdiagnose? Was ist ein heiliger Abend, wenn ich nicht weiß, wie es mit mir beruflich im neuen Jahr weitergeht? Was also ist heilig in Raum und Zeit, wenn ich mein Leben derzeit als eher trostlos, angstmachend, unsicher empfinde? Wenn ich das Gefühl habe, in unheiliger Zeit an unheiligem Ort zu leben?

Auf diese Fragen antwortet dieses Prophetenwort: Gott schickt seinen Beauftragten, um Jerusalem neu aufzubauen. Um die heilige Stadt wiederherzustellen. Und mit diesem Beauftragten kommt Gott selbst in sein Land und in seine Stadt. Kommt Gott selbst in die Zeit. Damit wird das Land wieder zu heiligem Land und die Zeit zu heiliger Zeit. Gott nimmt Wohnung bei seinen Leuten.

Heilig sind Raum und Zeit nicht, weil wir sie durch unsere Bemühungen dazu machen. Heilig wird dieser Abend heute nicht dadurch, dass wir gut gekocht, aufmerksam zugehört und miteinander gesprochen haben, liebevoll Geschenke auswählten und uns bemühten, gute Musik zu hören oder zu spielen.

Sondern heilig werden Raum und Zeit, weil Gott in Raum und Zeit kommt, weil er Wohnung nimmt. Damals beim Propheten Sacharja durch den Wiederaufbau Jerusalems. Später in der heiligen Nacht von Bethlehem, dass Gott selbst seinen Sohn sandte in Gestalt eines Kindes in einem Viehstall. Damit wurde der Stall zum heiligen Ort, die obdachlose Familie zur heiligen Familie, der gewöhnliche Abend zum heiligen Abend.

Das gilt ebenso für diesen Abend heute: Wenn wir Gott hineinlassen mit seiner Nähe, dann ist er heilig. Wenn wir mit allem, was uns heute Abend beschäftigt zu Gott kommen. Gerade auch mit dem, was uns diesen 24. Dezember 2019 nicht als heiligen Abend erscheinen lassen, damit in Gottes Gegenwart treten. Es gewissermaßen an der Krippe ablegen. Dann verändert sich etwas. Dann macht Gott unser Haus zum heiligen Ort. Unsere Familie zur heiligen Familie – zu der dann auch die gehören, die heute Abend nicht da sind. Weil sie bereits in einer anderen Welt sind. Oder weil die Krisen unserer Beziehungen uns getrennt haben. Dann wird dieser Abend heilig. Auch die ungewisse Zukunft ist heilige Zeit, weil in ihr uns nicht nur ein blindes Schicksal entgegentritt, sondern Gott selbst auf uns zukommt. Weil es nicht an unserem Bemühen und unserem Empfinden liegt, sondern an Gottes Nähe. Dieser Abend und unser Leben sind so heilig so sehr wir Gott da hineinlassen. Vielleicht nur dasitzen und unserem Atem nachspüren. Bei jedem Atemzug sagen: Ich in dir – du in mir.

Die Reaktion in Jerusalem und in der Welt des Propheten Sacharja sollte sein:

  1. Jubel über den kommenden Gott.
  2. Eine weltumspannende Gemeinschaft durch den kommenden Gott.
  3. Stille vor dem kommenden Gott.

Jubel über den kommenden Gott: Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion. Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen. Mitten in den Trümmern Jerusalems soll bereits mit den ersten Wiederaufbauplanungen Jubel ausbrechen. Nicht, weil man sich hinwegjubeln will über alles, was in Trümmern liegt. Sondern weil Gott mir Menschen in meine Trümmer sendet, die mich beim Wiederaufbau unterstützen. Weil ich nicht nur sehe, was mich belastet, sondern auch die Ressourcen wahrnehme, die mir helfen, mich aus den Trümmern herauszuarbeiten.

So soll es auch an diesem Abend sein, wenn ich an diesem heiligen Abend die Trümmer meines Lebens wahrnehme. Nicht mir dadurch den Blick verstellen zu lassen für die Hilfe, die da ist, meinen Wiederaufbau zu beginnen – so klein und unscheinbar er mir immer vorkommen mag. Der Jubel der Weihnachtslieder kann mir dazu helfen, das zu erkennen. Wenn es nur eine Zeile ist wie: „Steht auch mir zur Seite, still und unerkannt, dass es treu mich leite an der lieben Hand.“ Wenn ich das entdecke, was an Chancen in meinem Leben liegt, mag es auch noch so bruchstückhaft erscheinen. Der Weihnachtsjubel über den kommenden Gott reißt mich heraus aus dem Kreislauf der Resignation und des Selbstmitleids.

Dann: Die weltumspannende Gemeinschaft durch den kommenden Gott. „Es sollen sich viele Völker zum Herrn wenden und sollen mein Volk sein und ich will bei dir wohnen.“ Egal welcher Nationalität die Menschen sind, wer auf Gott vertraut wird in den Bund Gottes mit seinem Volk hineingenommen. Das wird uns an Weihnachten wieder bewusst: auf der ganzen Welt feiern viele mit uns. Grenzüberschreitend - Gottes Nähe überwindet unsere Grenzen.

Schließlich: Stille vor dem kommenden Gott. „Alle Menschen seien stille vor dem Herrn, denn er hat sich aufgemacht von seiner heiligen Stätte!“ Manchmal erleben wir bei Weihnachtsfeiern eher zu viel Lautstärke. Doch wir wünschen sehr häufig „Besinnliche Weihnachten“ – die Sehnsucht nach Ruhe und Stille sind da. Und vielleicht kommt das dann an den Tagen danach. So wie es Jochen Klepper dichtete:

Die Feier ward zu bunt und heiter,

mit der die Welt dein Fest begeht.

Mach uns doch für die Nacht bereiter,

in der dein Stern am Himmel steht.

Und über deiner Krippe schon

zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn.

Was macht diesen Abend zu einem heiligen Abend? Wenn wir Gott einlassen, der uns nahe ist. In der Stille mit ihm reden. Ihm danken. Neue Perspektiven zeigen lassen. Grenzen überwinden. Dann möge es heute auch ein guter und schöner heiliger Abend sein. Amen.