24. März 2019 - Oculi


Predigt zu Jeremia 20,7-11a

HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. Denn sooft ich rede, muss ich schreien; "Frevel und Gewalt!" muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht. Denn ich höre, wie viele heimlich reden: "Schrecken ist um und um!" "Verklagt ihn!" "Wir wollen ihn verklagen!" Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: "Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen." Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

Liebe Gemeinde!

Niemand von uns geht gerne zum Zahnarzt. Aber normalerweise wissen wir, dass es nötig ist. Bei mir war das viele Jahre anders. Als ich volljährig wurde und keinen Zahnarztschein mehr von der Schule erhielt, bin ich schlicht und ergreifend nicht mehr gegangen. Über zwanzig Jahre lang. Irgendwann hatte ich dann Zahnschmerzen in einem Backenzahn – ich ignorierte es, bis mir ein Teil dieses Zahnes in einer Butterbrezel stecken blieb. Und das während eines Trauergesprächs. Tapfer schluckte ich die Zahnreste mit der Brezel hinunter, brachte mein Gespräch zu Ende und ging zum Zahnarzt. Eine längere nicht immer angenehme Folge von Behandlungsterminen war die Konsequenz. Wäre ich rechtzeitig gegangen – dann wären die einzelnen Termine vermutlich auch nicht vergnügungssteuerpflichtig gewesen, aber deutlich unproblematischer als das, was ich dann mitmachen musste.

Aus Angst vor Unangenehmem machte es mir bei der Zahnbehandlung am Ende noch unangenehmer. Sie werden so vermutlich und vernünftigerweise nicht in Bezug auf den Zahnarzt handeln – aber sonst? Da kennen wir ja auch solche Vermeidungsstrategien. Wir scheuen, Konflikte mit anderen Menschen offen anzusprechen. Weil wir natürlich viel lieber mit allen in Harmonie leben wollen. Weil wir keinen Streit wünschen. Leider aber geht es dann wie mit der Karies bei meinem Gebiss damals – so wie sie sich weiterfraß, so frisst sich hier der Ärger weiter. Und bricht sich irgendwann Bahn. Dann ist der Streit in der Regel so heftig, dass er nur noch schwer zu kitten ist. Hätte ich das Problem ganz früh angesprochen, wäre es rasch ausgeräumt worden.

So wie manchmal eine unangenehme oder gar schmerzhafte Zahnbehandlung rechtzeitig erfolgen sollte, so muss ich manchmal ein unangenehmes, schwieriges Gespräch rechtzeitig führen. Ich darf meinen Ärger nicht so lange unter den Teppich kehren bis der Teppich Falten wirft. Ich muss manchen Menschen, manchen Gedanken, manchen Vorhaben Widerstand entgegensetzen – selbst wenn das mir Ärger einbringt. Gerne macht das niemand, aber nötig ist es.

Damit sind wir bei der Klage des Propheten Jeremia im eben gehörten Bibelwort. Bei ihm geht es nicht nur um unangenehme Konfliktgespräche oder die alltäglich auszutragenden Differenzen. Sondern er wird in eine Auseinandersetzung um Leben und Tod hineingestellt. Gott hat ihn beauftragt, seine Botschaft zu den Israeliten zu bringen. Die Botschaft, dass sie ihr Verhalten ändern müssen, sonst werden die Babylonier sie militärisch besiegen. Da schlug Jeremia nicht nur Hohn und Spott entgegen, üble Nachrede und Verachtung. Sondern sogar körperlich wurde er angegangen, ins Gefängnis geworfen und am Ende nach Ägypten verschleppt, wo sich seine Spur verliert. Er wurde zum Außenseiter, an den Rand gedrängt.

Kein Wunder, dass Jeremia unter seinem Auftrag gelitten hat. Gott Vorwürfe machte, warum er ihn in diese Situation gestellt hat. Kein Wunder, dass Jeremia gerne vor dem Auftrag Gottes davongelaufen wäre. Aber es ging nicht. Er konnte die Botschaft nicht verschweigen. Denn sie brannte in ihm wie Feuer, drängte nach draußen wie die Lava in einem Vulkan. Den Konflikt zwischen Gott und seinem Volk musste Jeremia am eigenen Leibe erleiden und ertragen.

Was bleibt ihm da? Er wendet sich an Gott mit seiner Klage. Betet und schüttet sein Herz vor Gott aus. In allen seinen harten Worten, die er an Gott richtet, bleibt er doch mit Gott verbunden. Hinter seinen Klagen und Anklagen steht die Hoffnung: Wenn Gott mir diesen Auftrag gibt, dann gibt er mir auch die Kraft dazu.

Tatsächlich kann Jeremia am Ende voll Zuversicht sagen: „Der Herr ist bei mir als ein starker Held.“ Trotz aller Angriffe bleibt er bei Gott geborgen.

Trotz allem: Der Auftrag Gottes an Jeremia bleibt unangenehm und schwierig. Aber es ist Gottes Auftrag nicht seine eigene Rechthaberei gegenüber den Mitmenschen. Es ist Gottes Hilfe, die ihm zur Seite steht. Die ihn beschützt.

Wenn wir uns wie Jeremia bei Gott geborgen und behütet fühlen, können wir auch Gottes Auftrag dort ausführen, wo es uns wehtut. Und wo wir anderen wehtun müssen, unangenehme Wahrheiten aussprechen müssen.

Wie gesagt: Das macht niemand gerne, wie auch niemand gerne zum Zahnarzt geht. Aber wie gegen die fressende Karies manchmal der Bohrer angesetzt werden muss, so muss gegen fressende Missstände manchmal der Bohrer einer klaren Ansage angesetzt werden. So wie der Zahnarzt eine notwendige, aber schmerzhafte Behandlung aus Rücksicht auf den Patienten nicht unterlassen darf, dürfen wir eine deutliche Stellungnahme nicht unterlassen.

Uns drohen in der Regel nicht die Konsequenzen wie Jeremia. Deshalb: Nur keinen notwendigen Streit vermeiden. So wichtig Harmonie und gutes Miteinander sind, wenn unter der Oberfläche der Ärger und der Hass sich weiter hindurchfressen wie die Zahnfäule bei Karies, dann wird es am Ende noch schmerzhafter.

Wie können wir das in einer guten Weise tun. Zuerst unsere eigenen Bedenken und Widerstände ernst nehmen. Wenn wir bei einer Sache, einer Aussage in uns Ärger oder Widerstand spüren, dem nachgehen. Woher kommt es? Wenn es mir selber schwerfällt, das Unangenehme auszusprechen, ist das eher ein Zeichen, dass es Gottes Auftrag ist, als wenn mir in einer Situation ein kritisches Wort leicht von den Lippen geht. Wie Jeremia dann den Kontakt zu Gott halten – beten. Nicht gleich in der ersten Wut drauflospoltern oder gar eine Mail oder WhatsApp-Nachricht sofort aggressiv beantworten. Lieber nochmals drüber schlafen. Aus der Distanz anschauen.

Wenn es dann aber nötig ist, das Gespräch suchen. Je früher desto besser. Durchaus höflich, aber in der Sache klar. Es geht nicht um Rechthaberei um jeden Preis – durchaus dazu stehen, wenn ich etwas falsch eingeschätzt habe. Dafür um Entschuldigung bitten. Es geht auch nicht um Streithammelei nach dem Motto „Viel Feind, viel Ehr“. Wahrheit und Liebe in ein ausgewogenes Verhältnis bringen. Und selbst dazu bereit sein, mich kritisieren zu lassen. Nur so komme ich weiter.

Theoretisch wissen wir das ja alle – aber in der Praxis fällt das uns so unendlich schwer. Unangenehme Dinge spreche ich oft – wenn überhaupt – zu spät und mit Zittern und Zagen an. Hier immer wieder uns von Gott zeigen lassen, wo wir gefordert sind.

Das gilt, wenn wir als Kirchengemeinden in unserem Nahbereich uns aufeinander zubewegen. Nur wenn Widerstände zur Sprache kommen, Fragen gestellt werden, Ängste und Befürchtungen artikuliert, Bedenken berücksichtigt werden, kann es ein Prozess werden, wo keiner sich überfahren fühlt. Wo wir miteinander Gemeinde Jesu Christi sein können. Wenn wir jedoch Konfliktlinien mit einer harmonisierenden Sprache verschleiern, Unangenehmes verdrängen, fällt uns das irgendwann auf die Füße. Wir müssen uns einander zumuten wie wir sind, dass es gelingen kann. Dann aber keine Angst haben vor mutigen Schritten.

So wie wir uns halt besser rechtzeitig auf den Zahnarztstuhl setzen. Unangenehme Behandlungen zulassen. Es uns damit aber besser geht. Vertrauen: Der Herr ist bei mir wie ein starker Held. Amen.