24. November 2019 - Ewigkeitssonntag


Predigt zu Johannes 5,24-29

Jesus sagt:

Amen, amen, das sage ich euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich beauftragt hat, hat das ewige Leben. Er kommt nicht mehr vor Gottes Gericht. Im Gegenteil: Er ist vom Tod ins Leben hinübergewechselt. Amen, amen, das sage ich euch: Die Stunde kommt, ja sie bricht schon an: Da werden die Toten den Ruf des Gottessohnes hören. Und diejenigen, die ihn hören, werden leben! Aus sich selbst hat der Vater das Leben. Genauso hat er auch dem Sohn gegeben, aus sich selbst heraus das Leben zu haben. Er hat ihm auch die Vollmacht gegeben, Gericht zu halten. Denn er ist der Menschensohn. Wundert euch nicht darüber: Es kommt die Stunde, in der alle Toten in ihren Gräbern seinen Ruf hören und herauskommen werden. Diejenigen, die Gutes getan haben, werden auferstehen, um das Leben zu empfangen. Diejenigen aber, die Böses getan haben, werden auferstehen, um verurteilt zu werden.

Liebe Gemeinde!

Worte sind wie eine Brücke zwischen Menschen. Wer mit einem anderen redet, wer jemanden anspricht, der baut gewissermaßen die Brücke zu ihm. Umgekehrt: wenn das Gespräch abgebrochen wird, weil vielleicht Streit herrscht, dann wird die Brücke zum anderen eingerissen. Dann sagen wir manchmal: Der ist für mich gestorben!

Doch diese Brücke kann jederzeit neu gebaut werden, weil wir das Gespräch wiederbeginnen können. Ganz anders, wenn jemand wirklich gestorben ist. Wenn das Gespräch abbricht durch den Tod des Gesprächspartners. Wenn dadurch die Brücke zu einem lieben Menschen eingerissen ist. Der Tod bricht die Brücken zueinander ab – das empfinden viele von denen, wo der Verlust erst kurze Zeit zurückliegt, besonders schmerzhaft. „Das muss ich dem anderen erzählen … nein, das geht nicht mehr!“ Jeder von uns hat nach dem Tod eines Angehörigen sich bei diesem Gedanken ertappt.

Und unsere Versuche, das Gespräch über den Tod hinaus weiterzuführen, zeigen nur unsere Ohnmacht angesichts dieser Sprachlosigkeit, unser hilfloses Stehen vor der abgebrochenen Brücke. Wenn wir am Grab stehen und dem Verstorbenen unsere Sorgen erzählen – doch Antwort kommt nicht. Wenn wir zuhause vor dem vertrauten Lieblingsplatz des Verstorbenen uns mit ihm unterhalten – es ist doch nur ein Selbstgespräch. Von allen esoterischen Brückenbauversuchen ganz zu schweigen – der Tod lässt uns hilflos und sprachlos zurück. Wir können die Brücke nicht wiedererrichten.

Nun haben wir gerade ein Wort Jesu gehört, in dem er davon spricht: er baut die Brücke zum Verstorbenen. Das Gespräch Jesu mit denen, die vor uns gegangen sind – es reißt nicht ab. „Amen, amen ich sage euch: Wer mein Wort hört, der hat das ewige Leben. Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, werden leben.“

Denn das Wort Gottes ist nicht nur Schall und Rauch. In der Bibel steht hinter dem Wort Gottes immer die Kraft Gottes. Gottes Wort spricht uns Gottes Kraft zu. „Denn wie der Vater das Leben hat in sich selber, so hat er auch dem Sohn gegeben, das Leben in sich zu haben.“ Gott transportiert seine Lebenskraft durch sein Wort. Deshalb wird auf den ersten Blättern der Bibel die Erschaffung der Welt durch Gottes Reden geschildert. Durch sein Wort schafft Gott neues Leben, nicht nur am Anfang der Welt, nicht nur an jedem neuen Tag, wenn wir leben dürfen, sondern sogar nach dem Tod und am Ende der Zeit.

Gott hat dieses wirkungsvolle Wort, das Leben schafft, bereits gezeigt als er den gekreuzigten Jesus aus Tod und Grab herausrief zur Auferstehung. So spricht Jesus auch unsere Verstorbenen an. Ruft sie heraus aus dem Tod ins Leben. Er baut die Brücke zu ihnen, die für uns Zurückbleibende abgebrochen ist. Er baut die Brücke zu Gott, zum neuen Leben in Gottes Nähe. Jesus ruft ins Leben.

Und Jesus ruft in die Gemeinschaft. Wer von ihm aus dem Tod ins Leben gerufen wird, ist in der Gemeinschaft derer, die vor uns gegangen sind. Dann ist die Brücke wieder da zum lieben Menschen, die in diesem Leben abgebrochen ist.

Dadurch haben auch wir eine Brücke zu unseren Verstorbenen. Unser Vertrauen, dass sie bei Gott geborgen sind. Unser Gebet, in dem wir vor Gott unserer Verstorbenen in Liebe und Dankbarkeit gedenken.

Schließlich: Jesus ruft in Verantwortung: Jesus spricht auch davon, dass er die Menschen zum Gericht herausruft. Wir müssen unser Leben vor ihm verantworten. Denn nur dann, kann das Leben wirklich über den Tod siegen. Wenn auch die zur Verantwortung gezogen werden, die hier in diesem Leben rücksichtslos umgegangen sind mit dem Leben anderer. Sonst würden die Täter immer über ihre Opfer triumphieren.

So baut Jesus die Brücke – zu unseren Verstorbenen und zu uns. Er baut durch sein Wort auch uns eine Brücke zu Gott, zum Leben, das mit dem Tod nicht endet: „Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört, und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ Wenn wir Jesu Wort vertrauen, wenn wir es umsetzen in unserem Tun – dann haben wir ein Leben mit Bestand. Ein Leben, das mit Jesus verbunden bleibt – selbst über unseren Tod hinaus. Ein solches Leben mit Perspektive über den Horizont unseres irdischen Lebens hinaus, das braucht nicht zu resignieren vor der Gewalt des Todes, die die Brücken zu anderen Menschen abbricht.

Wer Jesu Wort vertraut, der kann Brücken zu Menschen bauen, die der Tod einsam gemacht hat. Mit ihnen das Gespräch anfangen. Wir scheuen ja manchmal, Trauernde anzusprechen, weil wir Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Aber tatsächlich ist diese Scheu fehl am Platz – das wissen alle Trauernden. Wenn wir vorsichtig und zurückhaltend die Gesprächsbrücke bauen, sind Trauernde dafür dankbar.

Der Tod bricht Brücken ab. Jesus baut neue Brücken zu den Verstorbenen – durch sein Wort. Und wir können Brücken bauen zu den Trauernden. Dann dringen wir schon jetzt zum Leben hindurch. Amen.