24.Juli 2016 - 9. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Philipper 3,7-14

Liebe Gemeinde!

Haben Sie eine Payback-Karte? Sammeln Sie Treuepunkte? Erwerben Sie Bahn-Bonus-Punkte? Ständig werden wir so gefragt. An der Kasse, beim Tanken, beim Fahrkartenkauf. Natürlich wissen wir alle, dass dieses System eine Masche ist, die nur ein Ziel hat: Uns als Kunden an diese Firma zu binden. Und doch wirkt es. Ich weiß noch vor Jahren, als man bei einer bestimmten Tankstellen-Marke durch Punkte Geschenke erhalten hat. Ich habe bewusst Tankstellen dieser Marke angesteuert. Einmal sogar Super plus statt Super getankt, um die noch fehlenden Punkte zu bekommen – am Ende hatte ich einen Rucksack, eine Sporttasche, einen Fußball und einen Basketball. Aber den größten Gewinn hatte sicher der Mineralölkonzern.

Punkte sammeln scheint eine Faszination auszuüben auf uns Menschen. Nicht nur beim Einkaufen, sondern auch im Sport, beim Computerspielen, bei der Arbeit zielen wir auf High-Scores. Ständig wird verglichen, bewertet, gerankt. Mit dem steigenden Punktekonto scheint auch unser Gefühl zu steigen, wir haben etwas geleistet.

Wenn in drei Tagen die Schulzeugnisse ausgegeben werden, erleben wir etwas Ähnliches: Es wird verglichen, gewertet, gejubelt, geweint – nur, weil eine bestimmte Zeugnisnote hinter einem Unterrichtsfach steht oder eben nicht steht.

Das steckt tief in uns Menschen drin: das Streben nach Erfolg, nach Punkten, nach Leistungsnachweisen, nach dem Gefühl: Ich bin besser als andere.

Und nun haben wir einen Abschnitt gelesen, den der Apostel Paulus an die Gemeinde in Philippi schreibt. Wo er alle Leistungspunkte seines Lebens entwertet. Alles, was er geleistet hat, ist nichts wert. Ja, er schreibt: Ich halte es für Giftmüll!

Nun kennen wir eine solche Haltung manchmal von Verlierern und Versagern. Vermutlich sind auch die Amokläufe in Nizza, im Regional-Express bei Würzburg und im Olympia-Einkaufszentrum am Freitag darauf zurückzuführen: Ein vom Leben Enttäuschter inszeniert seinen Suizid und nimmt andere dabei mit. In Nizza und Würzburg wird das Ganze sogar noch religiös überhöht durch den sogenannten Islamischen Staat.

Aber so ist es bei Paulus nicht. Im Umfeld unseres Predigtabschnittes betont er, dass er als gelehrter und frommer Mann durchaus viele Leistungspunkte erworben hat. Aber dieses gut gefüllte Punktekonto schadet ihm mehr als es nützt. Weil es eines verdeckt: Was ich bin und habe, verdanke ich nicht meiner eigenen Leistung. Ja, meine ganze Leistung bringt mir nichts angesichts dessen, dass meine Kräfte begrenzt sind und mein Leben endlich ist.

Ich hatte eine Mutter, die sich aus armem Elternhaus hochgearbeitet hat. Sich Gymnasium, Abitur, Studium und Beruf hat erkämpft hat. Für die nur Leistung zählte. Standardsprüche bei uns zu Hause waren: „Alles reine Willenssache! Nur Dumme werden krank! Immer der Beste sein!“ Erst nach zwei gesundheitlichen Zusammenbrüchen und einer langen Krankheitszeit hat sich das geändert. „Ich habe meine Lektion gelernt“ sagte sie am Ende ihres Lebens als die Krankheit zu stark war. Als alle Leistungspunkte nichts mehr nützten. Dann war ihr Wunsch: „Schreibt nicht in die Todesanzeige: Gekämpft und doch verloren. Denn wenn man stirbt, verliert man nicht.“

Da habe ich gelernt, was wirklich zählt. Nicht unsere Leistungspunkte. Nicht Zeugnisnoten. Nicht berufliche Erfolge. Nicht sportliche Höchstleistungen. Es zählt, was bleibt, wenn ein begrenztes Leben zu Ende geht. Das ist die Gemeinschaft mit Christus, von der Paulus schreibt: „Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.“

Das ist der entscheidende Leistungspunkt im Leben und im Sterben. Und den erwerbe nicht ich durch meine Leistung, sondern den Punkt hat Christus gemacht durch seine Auferstehung. Christus setzt den entscheidenden Punkt im Leben.

Um dieses deutlich zu machen, taufen wir als Lutheraner normalerweise ein Kind schon kurz nach seiner Geburt. Weil dadurch klar wird: So wenig wie ein Kind sich das Leben verdienen kann, so wenig wie es schon ein Punktekonto füllen konnte, so wenig können wir das auch sonst im Leben. Sondern Gottes Liebe ist schon da, bevor wir geboren wurden. Unser Punktekonto ist bereits gut gefüllt durch Gott, der uns das Leben schenkt. Durch Christus, der uns das neue Leben schenkt, das mit dem Tod nicht endet.

Sollen wir dann nichts mehr leisten? Das wäre ein Missverständnis. Aber die Frage ist: Aus welcher Motivation heraus leisten wir etwas? Tun wir Dinge, um dadurch besser dazustehen? Um unsere Leistung mit kindischem Stolz zu bewundern? Oder gar Bewunderung von anderen zu erwarten? Um uns, anderen oder Gott etwas zu beweisen? Dann wäre es das falsche Sammeln von Leistungspunkten, die Paulus für Giftmüll hält.

Mir wurde das vor Jahren bewusst als mich eine Kirchengemeinderätin meiner damaligen Gemeinde fragte: „Bist du eigentlich stolz darauf, was wir als Ehrenamtliche in der Gemeinde leisten?“ Meine erste Antwort: „Dafür bin ich dankbar, aber stolz kann ich nur auf meine eigene Leistung sein. Nicht auf das, was andere leisten.“ Als ich darüber nachdachte, wurde mir klar: Eigentlich kann ich auch auf meine eigene Leistung nicht stolz sein, sondern nur ganz tief dankbar. Dankbar für die Begabungen, die ich mitbekommen habe. Dankbar für die Menschen, die mich gefördert und unterstützt haben. Dankbar für viele scheinbare Zufälle, die mich an meinen Platz führten.

Wenn mir das klar wird, dann setze ich mich mit anderer Motivation ein. Aus Liebe zu einer Aufgabe oder aus Liebe zu den Menschen, die uns brauchen. Aus Dankbarkeit dafür, dass uns dieses Leben geschenkt wurde. Aus dem Blick heraus, dass etwas einfach getan werden muss.

Aber klar: das Punkte-Sammeln steckt tief in uns. So leicht machen wir uns davon nicht frei. Auch Paulus erkennt: "Ich habe es noch nicht ergriffen. Aber ich bin unterwegs zu dem Ziel, das Gott mir setzt. Weil Christus mich bereits ergriffen hat." Weil er für mich entscheidend gepunktet hat. Deshalb: "Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus." Mit den Punkten und zu den Punkten, die Gott bereits für uns erworben hat. Amen.