25. August 2019 - Israelsonntag


Predigt zu Lukas 19,41-48

Und als Jesus nahe hinzukam und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest an diesem Tag, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du besucht worden bist.

Und Jesus ging in den Tempel und fing an, die Händler hinauszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: "Mein Haus wird ein Bethaus sein"; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und die Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn umbrächten, und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn alles Volk hing ihm an und hörte ihn.

Liebe Gemeinde!

Vor einigen Jahren habe ich bei der Sportgala des TSV Niederstotzingen einen Gutschein für ein Heimspiel des FC Heidenheim gewonnen. Und das Glück hatte es gut mit mir als Fan des SC Freiburg gemeint – denn gleich am folgenden Freitag kam der damalige Zweitliga-Spitzenreiter und seitdem wieder Erstligist nach Heidenheim. Und so stand ich als SC-Fan im Familienblock des FCH und erlebte den Freiburger Auswärtssieg. Über zwei Tore durfte ich mich freuen – aber meine Frau gab mir noch den Rat: Freu dich nicht zu laut – sonst bekommst Ärger mit den FCH-Fans. Ja – Emotionen zeigen, kann gefährlich werden, wenn sie den anderen nicht passen. Ich mache mich angreifbar.

Und das ist ja bei einem Zweitligaspiel nicht zu unterschätzen, aber das gibt es auch in anderen Zusammenhängen: Emotionen bitte nicht zu deutlich zeigen. Es scheint immer besser zu sein, ein Pokerface zu haben und nach außen möglichst cool zu wirken. „Da ist er ausgerastet!“ Wenn wir das über jemand sagen, dann ist das selten ein Kompliment. Sondern: Wie kann der seinen Ärger so deutlich zeigen?

Oder bei Trauergesprächen, wenn Angehörige weinen müssen – dann entschuldigen sie sich oft für ihre Tränen. Dabei ist das doch ganz normal in so einer Situation. Aber: Gefühle zeigen, ist in unserer Gesellschaft peinlich. Wir machen uns wie gesagt angreifbar und verletzlich, erscheinen durchschaubar und schwach. Wir haben das Ideal eines Menschen, der sich stets beherrscht und im Griff hat, der cool bleibt in den schönen Momenten ebenso wie in den traurigen oder ärgerlichen. Der immer von der Vernunft geleitet wird.

Aber ist das wirklich so gut? Denn meine Gefühle zeigen mir ja auch, dass mir etwas nahe geht. Dass etwas mich eben nicht kalt sein lässt – so müsste man das Wort „cool“ ja übersetzen. Nur wen Freude, Trauer oder auch Wut sich mit etwas verbindet, gehe ich die Sache auch mit Engagement und Durchhaltewillen an. Nur, was mir nahe geht, berührt mich auch.

Das haben wir gerade in unserem Bibeltext so auch von Jesus gehört: Unmittelbar vor diesem Abschnitt wird vom Einzug Jesu in Jerusalem berichtet. Freude herrscht vor – bringt aber auch gleich Ärger ein. Dann lesen wir hier, dass Jesus weint. Schließlich, dass er wütend wird und die Händler aus dem Tempel treibt. Jesus zeigt Gefühle, lässt seine Emotionen heraus. Ja – in der Bibel wird immer wieder von Gott gesprochen wie von einem Menschen, der Gefühle hat. Ganz anders als in den Religionen der Umgebung, wo Götter nicht leiden. Wir haben keinen apathischen, nicht leidenden Gott, sondern einen sympathischen, mitleidenden.

Was erregt Jesus so – in Freude, Trauer und Wut? Es ist die Friedlosigkeit der Welt, in die er gekommen ist. Zunächst die Freude, dass er als Friedenskönig in Jerusalem einzieht. Dann die Trauer über den Krieg, der Jerusalem bevorsteht. Wir denken ja an diesem Sonntag mit Israel an diese Eroberung Jerusalems im August 70 nach Christus durch die Römer. Die Belagerung. Die endgültige Zerstörung des Tempels. Die vielen Todesopfer. Darüber weint Jesus, weil er auf dieses Geschehen vorausblickt, das der Evangelist Lukas bereits vor Augen hat, als er um das Jahr 80 sein Evangelium abfasst.

Schließlich Jesu Wut über die Zweckentfremdung des Tempels – der kein Haus des Gebetes, sondern ein Kaufhaus ist. Weil dort Opfertiere verkauft und Geld gewechselt wurden. Statt dass man die Nähe Gottes feiert, mit ihm im Gebet spricht – damit den Frieden Gottes erfährt.

Das Leid der Menschen lässt Jesus nicht kalt. Freude, Trauer und Wut sind die Kehrseite seiner Liebe zu den Menschen in Jerusalem, zum Volk Israel, zu der ganzen Welt. Jesus weint über die Kriege damals wie heute. Er ist wütend über alles, was Menschen antreibt, andere Menschen zu schädigen. Die Verbindung mit Gott zu stören.

Jetzt können wir natürlich fragen: Warum verhindert Jesus dann die Kriege nicht? Warum greift Gott nicht ein und schafft Frieden? Warum scheint Jesus traurig und wütend, aber ohnmächtig am Rand des Geschehens zu stehen? Was hilft uns ein Gott, was hilft uns ein Jesus, den das Kriegselend zwar emotional aufwühlt, dem er aber nichts entgegensetzt?

Weil Gott diese Welt in die Hände von uns Menschen gelegt hat. Damit auch Krieg und Frieden uns anvertraut. Er will keinen Scheinfrieden, der darin besteht, dass Gott uns wie Marionetten herumführt. Er will wie Jesus damals von den Jerusalemern: Jetzt und hier sollst du erkennen, was dem Frieden dient.

Wir sollen uns wie Jesus anrühren lassen zu Trauer und Wut darüber, dass fast 80 Jahre nach Beginn des zweiten Weltkrieges immer noch Männer, Frauen und Kinder, Soldaten und Zivilisten Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft werden. Wir schotten uns ja gerne ab gegen das Elend. Fühlen uns oft hilflos. Wenn wir sehen, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken. Wenn so viele auf der Flucht sind. Und gerade im Nahen Osten, der heute am Israelsonntag in unseren Blick kommt: Wo Scharfmacher auf allen Seiten nur an ihre Macht denken und Israelis wie Palästinenser darunter leiden lassen. Wo wir kopfschüttelnd daneben stehen und sehen, wie Netanjahu und die Hamas, Iran und Saudi-Arabien sich gegenseitig hochschaukeln und Donald Trump Öl ins Feuer gießt. Was dient da dem Frieden?

Wir sollen da nicht wegsehen. Wut und Trauer empfinden über das, was da geschieht. Doch damit ist ja noch niemandem geholfen. Aber es ist ein erster Schritt getan.

Jesus bleibt ja auch nicht stehen bei Wut und Trauer. Er lehrt im Tempel. Zu den Emotionen kommt der Verstand. Uns informieren. Mitdenken. Überlegen: Wo können wir helfen? Dazu gehört sicher die Bereitschaft, für die Menschen in den Krisengebieten etwas zu tun. Heute konkret mit unserem Gottesdienstopfer für Projekte in Israel. Dazu gehört auch, dass Menschen, die auf der Flucht sind, bei uns sicher wohnen können. Überlegen: Wie reden wir von anderen Menschen? Dient das, was wir sagen, und das, was wir nicht sagen, dem Frieden? Umgekehrt: Einer Sprache und einem Denken Widerstand entgegensetzen, das andere Menschen abwertet. Es darf nicht sein, dass hier in Deutschland Menschen jüdischen Glaubens sich nicht sicher fühlen. Es darf nicht sein, dass sich mit dem Wort Flüchtling erst das Wort „Krise“ verbindet. Und dazu gehört wie bei Jesus im Tempel das Gebet. Die Menschen, die Welt und ihre Krisen in Gottes Hände legen. Uns an Jesus orientieren.

An Jesus, der nicht distanziert und teilnahmslos bleibt. Der Tränen zeigt und aus der Wut heraus handelt. Wer sich zu Tränen rühren lässt, der nimmt das Leiden um uns herum ernst. Wer darüber Wut empfindet, der lässt nicht locker, bis die Missstände angegangen werden. Erkennen und Tun, was zum Frieden dient.

Der Israel-Sonntag zeigt uns, wie sehr wir als Kirche mit Israel verbunden sind. Wie wenig uns das Leid der Menschen dort egal sein darf. Schotten wir uns nicht ab. Flüchten wir nicht in eine scheinbar coole Distanz, die im Grunde nur kaltherzig ist. Werden wir nicht zynisch angesichts dessen, was passiert. Lassen wir auch zu, dass wir oft keine Lösung haben. Bleiben wir sensibel für das, was den Frieden stört, und das, was wir zum Frieden beitragen können. Amen.