25. Dezember 2016 - Erster Weihnachtsfeiertag


Predigt zu Micha 5,1-4a

Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Israeliten. Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde. Und er wird der Friede sein.

Liebe Gemeinde!

Es ist schon sieben Jahre her, dass die Gruppe „Silbermond“ den Songtext dichtete:

Gib mir'n kleines bisschen Sicherheit

In einer Welt in der nichts sicher scheint

Und gib mir in dieser schnellen Zeit

Irgendwas, das bleibt.

Auch wenn die Welt den Verstand verliert,

das Hier bleibt unberührt,

nichts passiert

Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit

In einer Welt, in der nichts sicher scheint.

Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas das bleibt.

Bis heute sprechen uns diese Zeilen an. Vielleicht sind sie sogar manchem in den Sinn gekommen bei der Vorbereitung der Weihnachtsfeier gestern. Denn genau das verbinden wir doch mit dem Heiligen Abend. Sicherheit, in einer schnelllebigen Zeit. In einer Zeit, die deshalb unübersichtlich wirkt, die damit unsicher macht. „Auch, wenn die Welt den Verstand verliert, das hier bleibt unberührt“ – wenigstens dieser Heilige Abend als Fels in der Brandung. Geborgenheit durch vertraute Rituale, liebe Menschen, bekannte Melodien, Traditionen. Ein Stück Frieden, in einer unfriedlichen Welt. Ein Stück Entschleunigung in dieser schnellen Zeit. Ein Stück Heimat, wo wir uns so häufig entwurzelt fühlen. Deshalb mancher Aufwand bei der Vorbereitung, deshalb oft weite Wege, die für Besuche bei Verwandten unternommen werden.

Doch heute Morgen blicken wir im Licht dieses Weihnachtsmorgens auf den Heiligen Abend zurück. Hoffentlich haben wir dieses „kleine bisschen Sicherheit“ gespürt. Aber selbst wenn: Unsere Welt ist doch heute Morgen wieder dieselbe schnelle Zeit, die selbe Welt die den Verstand verloren zu haben scheint, derselbe Unfrieden wie zuvor. Ob in unseren Herzen, in unseren Familien, in unserer Arbeitswelt – gar nicht zu reden von den globalen Krisenherden im Nahen Osten und in Afrika, die zu Fluchtbewegungen führen, die uns wiederum verunsichern.

Ist also Weihnachten nur eine kleine Flucht gewesen? Eine vorübergehende Illusion einer heilen Welt? Eben ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint? Ein Scheinfriede in einer unfriedlichen Zeit? Vielleicht ein Tropfen auf den heißen Stein einer überhitzten schnellen Zeit?

Wir haben gerade ein Prophetenwort gehört, das von ähnlichen Erfahrungen berichtet: Von Plagen, von Sehnsucht nach Frieden. Damals gesprochen zu den Israeliten, die erobert waren durch die Babylonier. Die Führungsschicht deportiert, der König entmachtet, die Hauptstadt Jerusalem samt dem Tempel ein Trümmerfeld. Alles, was bisher Halt und Heimat gab – Militär, Regierung, Religion lag in Schutt und Asche. Das, was in Jerusalem Sicherheit bot, führte in die Sackgasse der militärischen Katastrophe – wer nach Aleppo schaut, kann von dieser Situation etwas erahnen. Wie soll die Sehnsucht nach Frieden gestillt werden? Woher soll das kleine bisschen Sicherheit kommen, in einer Welt, in der nichts sicher scheint?

Micha erwartet in diesen Plagen, dass Gott alles nochmals auf Anfang stellt. Aus den Sackgassen Jerusalems zurückführt nach Bethlehem. Dort, wo das Königtum Davids seinen Anfang nahm. Als ausgerechnet der jüngste und kleinste Sohn Isais zum König Israels gesalbt wurde. Gott stellt wiederum in Bethlehem alles auf Anfang durch die Geburt eines Kindes. Eines Hoffnungsträgers.

Doch was soll ein Neugeborener ausrichten gegen eine Weltmacht? Was soll dieses Dorf Bethlehem ausrichten gegen die Schaltzentralen der Macht? Bethlehem, das zu klein war, dass es überhaupt eine Tausendschaft Soldaten stellen konnte für das Heer des Südreichs von Israel, für Juda? Ist das nicht auch wieder nur eine Illusion? Ein Tropfen, der auf dem heißen Stein einer heißgelaufenen Welt rasch verdampft?

Doch Micha sieht in diesem kleinen Kind aus der kleinen Stadt Gottes Kraft am Werk. Der in Bethlehem Geborene tritt auf mit Gottes Macht. Wie ein guter Hirte weidet er seine Leute, lässt sie sicher wohnen. Er ist der Friede – der Frieden verkörpert und Frieden bewirkt. Er repräsentiert die Nähe Gottes bei den Menschen, die von Anfang an da ist, und die bis an die Enden der Erde groß sein wird. In aller Kleinheit und Schwachheit wirkt Gottes Kraft.

Micha hat es nicht erlebt, dass diese Verheißung Wirklichkeit wurde. Die ersten Christen haben diese Wirklichkeit in Jesus entdeckt. Denn Jesus nimmt diese Verheißungen auf: In Bethlehem geboren mitten in Plagen – unter widrigsten Bedingungen im Stall, die Mächtigen trachten ihm von Anfang an nach dem Leben. Er, der von sich sagt: Ich bin der gute Hirte. Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Meinen Frieden gebe ich euch.

Aber ist das wirklich geschehen durch diese Geburt in Bethlehem? Hat sich in dieser Welt seit dieser Geburt vor über 2000 Jahren etwas zum Besseren gewendet?

Ich denke, diese Fragen sind falsch gestellt. Micha richtet seinen Blick zunächst auf das unscheinbare Geschehen in Bethlehem, dieses leicht zu übersehende Neugeborene. Obwohl man es nicht erkennen kann: Gerade im Kleinen, Unscheinbaren, Schwachen nimmt Gottes Kraft Wohnung. Zeichen dafür ist immer dort, wo wir ein kleines bisschen Sicherheit empfinden. Wo Frieden gestiftet wird. Wo Menschen Geborgenheit erleben und sich umeinander kümmern. Und Gott hat das im Weg Jesu Christi bestätigt. Als er seine Kraft erwiesen hat indem er ihn auferweckte.

Damit weisen diese kleinen Neuanfänge Gottes hin auf Gottes Zukunft. Wenn er diesen Anfang von Bethlehem und unsere Neuanfänge vollenden wird. Am Ende der Zeit, wenn er seinen Frieden überall verwirklicht und alle sicher wohnen werden. Wenn aus den Tropfen auf den heißen Stein einer überhitzten schnellen Welt ein großer Fluss der Geborgenheit wird.

Noch leben wir zwischen den Zeiten. Zwischen dem Anfang in Bethlehem und seiner Vollendung. Mit dem Herrn bei uns, der für sorgt als guter Hirte. Der in seiner Nähe Geborgenheit schenkt, die stärker ist als der Tod. Der uns Frieden gibt.

Und wir in aller Kleinheit und Schwachheit das leben und verwirklichen: füreinander sorgen, Frieden und Geborgenheit stiften, so gut das möglich ist. Und so unsere Tropfen auf die heißen Steine träufeln. Wer den unscheinbaren Anfang in Bethlehem ernst nimmt, bracht sich nicht davon entmutigen zu lassen, dass auch unsere Versuche, Frieden und Geborgenheit zu verwirklichen immer nur Anfänge sind und nicht perfekt. Aber aus vielen Tropfen auf einen heißen Stein kann am Ende Großes werden. Weil Gottes Kraft in unseren Versuchen am Werk ist. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Amen.