25. Dezember 2017 - Erster Weihnachtsfeiertag


Predigt zu Offenbarung 7,9-12

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe Gemeinde,

vor zwei Wochen war der 75. Todestag von Jochen Klepper, dem Dichter und Theologen, dem wir viele Lieder im Gesangbuch verdanken. In einem Weihnachtsgedicht Kleppers finden wir die Zeilen:

Die Feier ward zu bunt und heiter,

mit der die Welt dein Fest begeht.

Mach uns doch für die Nacht bereiter,

in der dein Stern am Himmel steht.

Und über deiner Krippe schon

zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn.

Vielleicht können manche heute – am Morgen nach dem Heiligen Abend – diese Zeilen nachsprechen. Da hat man mit großem Aufwand Weihnachten gefeiert. Wieder den Jubel der Engel aus der Nacht von Bethlehem in Musik und Liedern nachhallen lassen. In der Hoffnung, dass dadurch auch in unseren Herzen, unseren Gedanken, unseren Häusern der Jubel die Klage vertreibt. Aber es gibt manches, was nicht so einfach vom Jubel verdrängt werden kann, wo nicht einfach eine bunte und heitere Feier das Dunkle und Traurige im Leben zur Tür hinauswerfen kann.

Natürlich sind wir als Kirche schnell dabei, unsere Art Weihnachten zu feiern zu kritisieren. Als oberflächlich und zu sehr kommerzorientiert. Gerne thematisieren wir diese Schattenseiten – und verkennen dabei, dass es Wünsche und Sehnsüchte von uns Menschen gibt, die sich in einer möglichst bunten und heiteren Feier ausdrücken. Dieser Wunsch, dass das, was unser Leben belastet, was unsere Welt unübersichtlich macht, was Ängste, Sorgen und Trauer weckt mal einfach keinen Raum hat. Diese Wünsche sind verständlich und berechtigt. Sie sollen nicht abgewertet werden.

Aber heute im Licht dieses ersten Weihnachstages ist manches wieder da, was gestern Abend in einer hoffentlich schönen Weihnachtsfeier draußen blieb.

Wenn Weihnachten nicht nur Unterbrechung sein soll, nicht nur ein schöner Schein, nicht nur etwas, was uns eine kurze Flucht aus dem belasteten Alltag ermöglicht – dann müssen wir heute Morgen weiterdenken. Fragen, ob die Buntheit und Heiterkeit des Weihnachtsfestes, der Jubel, den wir erklingen ließen, uns auch weiter trägt in die kommende Zeit. So wie es Klepper formulierte:

Mach uns doch für die Nacht bereiter,

in der dein Stern am Himmel steht.

Dazu kann uns die jubelnde Menge helfen, von der wir gerade beim Seher Johannes gehört haben. Er sieht im Himmel eine große Zahl Menschen und Engel jubeln. Vor dem Thron Gottes loben sie Gott und das Lamm – also Christus. Aber es sind nicht irgendwelche glühweinselige Weihnachtsmarktbesucher, die hier ein Jubellied anstimmen. Sondern es sind Gerettete. Verfolgte Christen, die nach der Verfolgung im Himmel vor Gottes Thron stehen. Christus dargestellt als Lamm Gottes. Dieses Bild steht für Christus, der den Tod erlitten und besiegt hat. Dieses Jubellied der Geretteten wird aufgenommen vom Lobpreis der Engel.

Damit bildet das Lob der Engel eine Klammer um das Geschehen in der Welt. Die Engel haben gejubelt in der Nacht von Bethlehem. Obwohl es vermutlich Maria und Josef mit der Geburt unter schwierigsten Bedingungen nicht zum Jubeln zumute war. Und den Hirten auf dem Feld auch nicht. Aber die Engel nahmen das Geschehen aus dem Blickwinkel Gottes wahr: Gott ist hineingekommen in diese dunkle Welt. „Euch ist heute der Retter geboren.“ Da ist einer in der Welt, der aus dem Dunkel retten kann.

Und Johannes sieht nun, wie die Engel wieder loben werden: Am Ende der Zeit, wenn die Rettung gelungen ist. Die weißen Kleider und die Palmen der Menschen vor Gottes Thron drücken das aus: Sie sind Sieger geblieben über das Dunkle.

Gott zeigt dem Johannes diese Vision, weil er ihn damit trösten und ermutigen will. Er, den der römische Kaiser auf die Insel Patmos verbannt hat wegen seines Glaubens. Ja, jetzt hat das Dunkle und Bedrohliche noch Macht – aber diese Macht ist begrenzt. Gott und das Lamm – sie werden siegen.

Wir heute leben in einer Zeit, die so vom Jubel der Engel umschlossen ist. Der Jubel an der Krippe sagt: Der Retter ist gekommen in diesem Kind von Bethlehem. Der Jubel vor dem Thron Gottes sagt: Der Retter hat gesiegt im Lamm Gottes, dem Sieger über den Tod. Wir leben in einer Zeit zwischen dem ersten Weihnachtsfest als der Retter in die Zeit kam und der Vollendung der Zeit, wenn diese Welt gerettet sein wird.

In diesem Horizont leben wir auch mit dem, was unser Leben belastet. Mit dem, was uns Sorgen macht. Als Menschen, die wie Johannes auf die endgültige Rettung hoffen. Wir vertrauen: Gott hat mehr Möglichkeiten, die Welt zu retten als wir. Das bewahrt uns vor Selbstüberschätzung und vor Resignation. Wir müssen uns nicht überfordern, weil wir denken: unsere Zukunft hängt allein von unserem Einsatz ab. Umgekehrt: Wir brauchen nicht zu resignieren, weil wir denken: Gegen alle Schwierigkeiten können wir eh nichts machen.

Wenn wir unser Leben und unsere Welt gut aufgehoben wissen bei dem Retter, der gekommen ist als Kind in der Krippe und kommen wird als Lamm Gottes, dann können wir dieses Licht von Weihnachten weitergeben, dort wo Dunkelheit herrscht.

Angst und Resignation haben dann keinen Platz mehr. Und deshalb auch nicht die Grenzen, die wir oft ziehen, weil uns die Unübersichtlichkeit und Komplexität der Welt schreckt. Wer so sich nämlich vor einer unübersichtlichen Welt fürchtet, der lobt und preist oft Menschen. Solche, denen man Heil zurief wie zur Zeit des Johannes dem Kaiser in Rom oder später den Führern - auch solchen, die Amerika wieder großmachen wollen oder die Türkei oder Russland oder Nordkorea.

Umgekehrt: Johannes sieht eine Menschenmenge, die alle Grenzen überschreitet aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen. Sie singen: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserem Gott, und dem Lamm. Gottes Güte reicht über unsere Grenzen.

So kann der Jubel der Engel über Weihnachten uns begleiten in den Alltag. Weil wir hoffen, dass dieser Jubel die ganze Welt einnehmen wird. Wie es im eingangs zitierten Weihnachtsgedicht Jochen Kleppers heißt:

Mein Gott, dein hohes Fest des Lichtes

hat stets die Leidenden gemeint.

Und wer die Schrecken des Gerichtes

nicht als der Schuldigste beweint,

dem blieb dein Stern noch tiefverhüllt

und deine Weihnacht unerfüllt.

Die ersten Zeugen, die du suchtest,

erschienen aller Hoffnung bar.

Voll Angst, als ob du ihnen fluchtest,

und elend war die Hirtenschar.

Den Ärmsten auf verlassenem Feld

gabst du die Botschaft an die Welt.

Die Feier ward zu bunt und heiter,

mit der die Welt dein Fest begeht.

Mach uns doch für die Nacht bereiter,

in der dein Stern am Himmel steht.

Und über deiner Krippe schon

zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn.

Herr, dass wir dich so nennen können,

präg unseren Herzen heißer ein.

Wenn unsere Feste jäh zerrönnen,

muss jeder Tag noch Christtag sein.

Wir preisen dich in Schmerz, Schuld, Not

und loben dich bei Wein und Brot. Amen.