25. Dezember 2018 - 1. Weihnachtsfeiertag


Predigt zu Johannes 1,1-5.9-14

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Liebe Gemeinde!

Es war vor vielen Jahren auf einer Sommerfreizeit in Norwegen. Wir waren schwimmen in einem See. Bis dahin bin ich immer recht unbesorgt durch Seen geschwommen, ohne mir allzu viele Gedanken darüber zu machen. Plötzlich aber – damals mitten auf einem See in der Nähe von Oslo – durchzuckte mich der Gedanke: Was wäre, wenn du jetzt einen Krampf erleiden würdest? Wenn das Wasser dich nicht mehr tragen würde? Hier mitten auf dem See? Unversehens steigerte ich mich in eine richtige Panik hinein. Ich ließ die anderen weiterschwimmen und machte sofort kehrt. Rasch schwamm ich ans Ufer und seitdem schwimme ich nur noch dort, wo das rettende Ufer oder flache Wasser in der Nähe ist.

Dieses Erlebnis ist nun mehr als dreißig Jahre her, aber gibt mir immer noch zu denken. Wie plötzlich etwas fraglich und zweifelhaft wird, was bisher selbstverständlich und gewiss erschien. Wie ich über mich, über bisher normale Vorgänge ins Grübeln kam. Und seitdem das bis dahin fraglose Vertrauen nicht mehr zurückkam.

Das Ereignis kam damals aus heiterem Himmel. Doch solche Brüche gibt es sonst auch immer wieder im Leben. Dass bisher tragende Lebensfundamente brüchig wurden. Ein fast beiläufiges Gespräch mit einer Frau, die ich seit vielen Jahrzehnten kannte. Unvermittelt erzählte sie von der Trennung von ihrem Mann, den sie seit der Kindheit kannte und mit dem sie jahrzehntelang verheiratet war. „Da kennst du jemanden seit so langen Jahren und plötzlich entpuppt er sich als Monster.“ So sagte sie. Den Wahrheitsgehalt kann ich nicht überprüfen, aber die Aussage schockte mich. Plötzlich bricht ein langjähriges Vertrauensverhältnis zwischen Menschen. Ähnliches kann geschehen, bei Krankheiten, beim Verlust des Arbeitsplatzes – wo auch immer. Nichts ist mehr so selbstverständlich wie es bisher war.

Was kann uns da Lebensgrundlage geben? Wieder Gewissheit verschaffen? Nach dem Bruch einen neuen Anfang ermöglichen?

Wir haben gerade den Anfang des Johannes-Evangeliums miteinander gelesen. Diese ganz andere Weihnachtsgeschichte. Die das Geschehen von Bethlehem in einer anderen Dimension sieht. Nämlich: Die Geburt Jesu zeigt, was und wer diese Welt tatsächlich trägt. Was und wer uns Lebensgrundlage gibt. Gerade dann, wenn die selbstverständlichen Sicherheiten brüchig werden. Wenn nichts mehr selbstverständlich ist.

Im Grunde wird diese Welt geschaffen und erhalten durch Gottes Wort. Weil Gott spricht, gibt es Leben. „In ihm war das Leben und das Leben ist das Licht der Menschen.“ So lesen wir hier und so lesen wir es bereits auf den ersten Seiten der Bibel. Doch diese Lebensgrundlage erkennen die Menschen nicht. „Das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen.“ „Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum doch die Seinen nahmen ihn nicht auf.“

Die Welt kann leben, ohne um ihren Schöpfer zu wissen. Nicht erst moderne Naturwissenschaft macht deutlich: Um das Leben zu erklären, um die Welt zu verstehen, brauche ich Gott nicht. Die Welt ist mündig geworden, schreibt Dietrich Bonhoeffer. Man kann leben, als ob es Gott nicht gäbe – und viele leben oft gut damit.

Aber dann kommt das Leben, als ob es Gott nicht gäbe, an seine Grenzen. Durch solche Brüche, die ich beschrieben habe, die das Selbstverständliche erschüttern. Unsere technisch-wissenschaftliche Rationalität kommt an ihre Grenze. Man kann ignorieren, dass der Klimawandel stattfindet. Man kann sich einreden, unsere Abgasbelastung könnte dann reduziert werden, wenn die Autoindustrie den Diesel nachrüstet. Man kann glauben, unser Leben wird besser, wenn wir am menschlichen Erbgut herumbasteln. Aber im Grunde erleben wir global das, was ich damals mitten im norwegischen See erlebte: Wir spüren, das tragende Fundament ist nicht mehr da. Unsere natürlichen Lebensgrundlagen sind gefährdet. Wir paddeln und prusten. Doch im Gegensatz zu mir damals können wir uns als Gesellschaft auch nicht zur Kehrtwende entscheiden.

Hier nun bietet sich Gott als Fundament an, sein Wort, das die Welt geschaffen hat und erhält. Indem Gott sein Wort und sein Licht sichtbar machte – indem das Wort Fleisch wurde. Indem sein Wort ein Gesicht und eine Gestalt, Hand und Fuß bekam. Im Kind in der Krippe, im Mann aus Nazareth, im Gekreuzigten von Golgatha und im Sieger vom Ostermorgen. An Weihnachten hat Gott sichtbar gemacht, wer und was diese Welt trägt, wer und was unser Leben behütet und begleitet.

Wer sich darauf einlässt, wer Christus aufnimmt, wer ihn nicht nur in der Krippe von Bethlehem, sondern auch im eigenen Leben zur Welt kommen lässt, der entdeckt ein neues tragendes Fundament. Er vertraut auf Gott. Wird aus Gott geboren. Voller Gnade und Wahrheit – also zuverlässig steht Gott zu uns und unserer Welt.

Gottes Tragkraft wird sichtbar, als sie in Gestalt Jesu zur Welt kam. Wir brauchen nicht einer abstrakten Idee vertrauen, sondern können uns auf eine sichtbare Person einlassen, in der Gott zu uns kommt. Wie Dietrich Bonhoeffer in seinen Gedanken zur mündigen Welt weiter schrieb: Gott ist kein Lückenbüßer für das, was wir noch nicht erklären können. „Nicht an den Grenzen unseres Lebens, sondern mitten im Leben muss Gott erkannt werden.“

Das ist so, wie wir trotz Zweifeln an unserer Schwimmfähigkeit der Tragkraft des Wasers vertrauen können. So auf Gottes Tragkraft vertrauen, die auch über die Grenzen hinaus da ist: über die Grenzen unseres familiären Zusammenhaltes, über die Grenzen unserer Gesundheit, über die Grenzen unserer Leistungskraft, ja über die Grenzen unseres Lebens hinaus. Gottes Fundament reicht also weiter als alles, was uns sonst als stabiles Lebensfundament gilt.

Wir können dann diese Fundamente gelassener sehen. Neu anfangen, wenn sie brüchig werden. Uns auch den globalen Herausforderungen stellen – also verzichten, um diesen Planeten nicht auszurauben. Ob auf Autofahrten, auf Flugreisen oder auf Dinge, die zu viel Müll machen.

Wir leben auf der Grundlage, die Gott durch sein Wort und sein Licht gelegt hat. Die an Weihnachten in Jesus Gestalt gewonnen hat. Und wir lassen uns von dieser Kraft über alle Zweifel hinweg vom Wasser des Lebens tragen. Bis wir das Ufer erreichen. Amen.